Schnulze "Barfuß auf Nacktschnecken" Ganz Paris träumt von der Landliebe

Zwei blonde Traumfrauen, ein französisches Landgut: Wer da nicht schon schwach wird, den versorgt Fabienne Berthauds "Barfuß auf Nacktschnecken" mit viel Naturromantik. Doch auch die stimmungsvollsten Aufnahmen können nicht über den reaktionären Kern des Films hinweg täuschen.

Alamode Film

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Langsam wird es eng für überzeugte Städter. In Zeitungskiosken und Buchläden entkommt man dem Trend zur Flucht aufs Land schon lange nicht mehr. Jetzt hält mit Fabienne Berthauds "Barfuß auf Nacktschnecken" die Verklärung von Blumen und Bienen auch noch im Kino Einzug.

Eigentlich geht es Lily (Ludivine Sagnier, "Swimming Pool") ganz hervorragend. Die Mitzwanzigerin ist zwar psychisch leicht gestört, doch unter der liebevollen Obhut ihrer Mutter lebt sie in der französischen Provinz ein erfülltes Leben. Auf dem großzügigen Landgut kann sie sich nämlich ganz ihrer Liebe zu den Tieren widmen. Wobei diese Liebe etwas grenzenlos ausfällt: Lily pflegt nicht nur Tiere, sie verarbeitet ihre Felle und Häute auch zu Schmuck und Kleidung, und wenn sie nicht gerade den Mund voll Marmeladen-Brot hat, stopft sie sich mit deren Fleisch voll.

Doch dann stirbt die Mutter plötzlich, und Lily ist auf sich selbst gestellt. Schnell greift Verwahrlosung um sich, und ihre Schwester Clara (Diane Kruger) muss aus Paris anreisen, um das Chaos zu zügeln. Unter der Aufsicht von Clara bricht sich Lilys Zügellosigkeit sogleich neue Bahnen: Sie flirtet mit Claras Vorzeige-Ehemann, dem smarten Rechtsanwalt Pierre (Pierre Menochet), und dient sich den Dorfjungen als lebendiges Sex-Spielzeug an. Der Clash mit der etwas verkniffenen Clara scheint unausweichlich zu sein. Doch im Streit mit Lily kommt nur die unangenehme Wahrheit über Claras eigenes Leben zu Tage: Die Anwaltsgehilfin ist alles andere als glücklich in ihrer kühlen Pariser Stadtwohnung.

Wie Clara zu dieser Erkenntnis gelangt und welche Konsequenzen sie daraus zieht, erzählt Fabienne Berthaud weniger erwartbar, als es in der Zusammenfassung vielleicht erscheint. Mit viel Gespür für Licht und Stofflichkeit inszeniert sie "Barfuß auf Nacktschnecken" als sinnlichen Bildungsroman, der sich Zeit für seine Geschichte nimmt. Ludivine Sagnier lässt sich ganz auf Berthauds Vision ein und spielt Lily ohne Angst vor Vulgarität. Selbst die wenig ausdrucksstarke Diane Kruger ist als zurückhaltende Clara gut besetzt.

Letztlich kann das alles aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Film auf ein reaktionär-verkitschtes Verständnis von Natur stützt. Ein bisschen barfuß laufen und ein bisschen Marmelade kochen soll hier jedes noch so verschlossene Herz öffnen können - vor allem jedes weibliche. Da kann man nur hoffen, dass den Film dasselbe Schicksal ereilt wie die zahllosen Bücher und Zeitschriften zum Thema Landleben: Sie werden zwar unheimlich gern lesen, aber als Handlungsanleitung zur Stadtflucht beherzt ignoriert.


Barfuß auf Nacktschnecken. Start: 5.5. Regie: Fabienne Berthaud, Darsteller: Ludivine Sagnier, Diane Kruger, Denis Menochet



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Seite 1
Haio Forler 05.05.2011
1. .
Zitat von sysopZwei blonde Traumfrauen, ein französisches Landgut: Wer da nicht schon schwach wird, den versorgt Fabienne Berthauds "Barfuß auf Nacktschnecken" mit viel Naturromantik. Doch auch die stimmungsvollsten Aufnahmen können nicht über den reaktionären Kern des Films hinweg täuschen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,760649,00.html
Fehlt noch Til Schweiger, dann ist der Kitsch komplett. Zweinacktschnecke, oder so.
Sleeper_in_Metropolis 05.05.2011
2. Titel
Zitat : "Jetzt hält mit Fabienne Berthauds "Barfuß auf Nacktschnecken" die Verklärung von Blumen und Bienen auch noch im Kino Einzug." Naja, ich denke, das es eher die überzeugten Städter sind, die das Landleben negativ verklären. Besonder die kulturschaffenden. Vermutlich mit einem Mix aus Neid auf die allgemeine Zufriedenheit vieler Landbewohner und dem Motto :"Was so schön ist, muß doch irgendwo eine Haken haben".
Sapere aude 05.05.2011
3. Hmm
Seltsam. Andere Kritiken zu dem Film lesen sich völlig anders. Da wird nicht die Flucht aufs Land als beherrschendes Thema herausgestellt sondern das komplexe Beziehungsgeflecht der zwei Frauen. Scheinbar brauchte der Spiegel-Redakteur ja nur einen Vorwand um wieder mal auf das derzeit beliebte Lifestyle-Thema "Landleben", und einen Verriss desselben zu kommen, bei dem er sich offensichtlich wohler fühlt.
AberHallo 05.05.2011
4. huch, was sind wir heute wieder frotschrittlich
Zitat von sysopZwei blonde Traumfrauen, ein französisches Landgut: Wer da nicht schon schwach wird, den versorgt Fabienne Berthauds "Barfuß auf Nacktschnecken" mit viel Naturromantik. Doch auch die stimmungsvollsten Aufnahmen können nicht über den reaktionären Kern des Films hinweg täuschen. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,760649,00.html
Was für ein Dünnbrettbohrer. Wer nichts zu sagen hat, sollte den Mund halten.
inruhe 31.10.2013
5. Themaverfehlung
Die Autorin dieses Artikels sollte über Filme schreiben, die sie versteht. Wobei es kaum vorstellbar erscheint, DASS sie überhaupt Filme verstehen kann. Von diesem zumindest hat sie NICHTS verstanden. Es geht um die Definition von Normalität und Verrücktsein. Die "normale" Schwester lebt den ganzen Krampf, zu dem unser Leben in unserer Zivilisation geworden ist: eine einzige Lüge. Die andere lebt genau das, was in ihr ist, ohne jede Verbiegung und Verdrängung. Sie ist die Gesunde. Und mit dieser Erkenntnis geht der Film ja auch zu Ende. Nix Natur- und Landlebenverklärungsfilm oder Ähnliches. Unglaublich. Und so eine Beschränktheit legt auch noch eine weibliche Redakteurin an den Tag. Ts ts ts …
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