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Schräge Clooney-Komödie: Telepathie ist die beste Verteidigung

Von , New York

Hellsehen und Hypnose in der US-Armee: Die Komödie "Männer, die auf Ziegen starren" zeigt eine Spezialeinheit, die sich an paranormaler Kriegsführung versucht. Das klingt absurd, ist aber wahr: Amerikanische Militärs wollten tatsächlich das Übersinnliche als Waffe einsetzen.

"Männer, die auf Ziegen starren": Spezialeinheit für das Paranormale Fotos
Kinowelt

Jim Channons Geschichte beginnt in Vietnam. Es war sein erster Tag an der Front, und prompt fand er sich in einem Teufelskessel aus feindlichen Scharfschützen und toten Kameraden. "Killing zone" nennt er das, dort werden Menschen zu Tötungsmaschinen.

Nach seiner Heimkehr begab sich Channon auf Sinnsuche. Tauchte in die New-Age-Szene ein, fand Gurus und Prediger, Peaceniks und Ufo-Fanatiker, Heilsbringer und Scharlatane. Und gelangte zu einer Einsicht, die ihn seither nicht loslässt: "Der erste Auftrag eines Soldaten", sagt er SPIEGEL ONLINE, "sollte es sein, Leben zu retten."

Channon ist inzwischen 70 und lebt auf Hawaii, fernab jeder Front. Und doch ist seine Odyssee nie zu Ende gegangen. Stattdessen hat sie ihn mitten in eines der mysteriösesten Kapitel der US-Militärgeschichte gestürzt. Ein Kapitel, das Fakt und Fiktion wild durcheinander wirbelt - und gerade wieder für neue Aufregung sorgt.

Auslöser ist die Action-Komödie "Männer, die auf Ziegen starren", die am Freitag in den USA anläuft. Der Film mit Starbesetzung (George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges) verulkt bizarre Geheimexperimente des US-Militärs mit paranormalen Phänomenen: Hellseherei, Hypnose, Telepathie - sogar die gelegentlich per reiner Gedankenkraft erlegte Ziege, daher der Titel.

"Paranormale Spezialeinheit"

Es ist eine irrwitzige - und fiktive - Satire, die allerdings auf seriösen Recherchen beruht. Vorlage ist ein gleichnamiges Enthüllungsbuch des britischen Reporters Jon Ronson von 2004. Daher die Warnung zum Filmbeginn: "Mehr hiervon ist wahr, als Sie glauben würden." In der Tat: Die groteske Welt der Voodoo-Krieger hat einen realen Hintergrund. "Das meiste in meinem Buch", versichert Ronson SPIEGEL ONLINE, "ist Tatsache."

Seit langem kursieren Gerüchte über Exkursionen des Pentagons in die Gefilde des Unfassbaren. Ronson zeichnete sie als Erster mit journalistischem Gespür nach: eine Kette scheinbar zusammenhangloser Ereignisse, mal absurd und widerlegt, mal aber auch verbürgt - über viele Jahrzehnte und viele Fronten hinweg, bis in den Irak und nach Afghanistan. Und ganz am Anfang dieser Kette steht niemand anders als - Jim Channon. Im Film heißt er Bill Django und wird von Jeff Bridges gespielt - ein ziemlich wirrköpfiger Veteran, der eine "paranormale Spezialeinheit" gründet.

In der Tat hatte auch Channon nach seiner spirituellen Läuterung 1978 das "First Earth Battalion" ins Leben gerufen - als Keimzelle einer "Armee des Friedens" mit übersinnlichen Prinzipien. Statt mit Gewehren sollten seine Soldaten "Gedanken als Waffen" nutzen, statt den Feind anzugreifen, sollten sie ihn mit Musik, Friedenslämmern, "Funkelaugen" und einer "automatischen Umarmung" begrüßen. Hinzu kam allerlei New-Age-Jargon: "omni-direktionale Gedankenströme", die "Kraft des Willens", "okkulte" Applikationen.

Channon will sich gar dem Pentagon als Berater angedient haben. Ob das stimmt, dazu äußert sich das Ministerium nicht. Channon behauptet jedenfalls, er stehe bis heute im Sold: "Top-Militärs haben mich eingeladen, mit ihren Generälen zu arbeiten." Bisher habe er Soldaten aus 13 Ländern in seinen Künsten unterwiesen: "Armee, Marine, Luftwaffe."

"Übersinnliche Sensibilitäten erhöhen"

Fest steht: Eine ähnliche "holistische Band of Brothers", wie die "Baltimore Sun" spöttelt, hat es tatsächlich gegeben: in Fort Meade, einem Armeestützpunkt in Maryland, der lange als Zentrale der National Security Agency (NSA) diente, des militärischen Geheimdienstes. Dort versuchte sich ein Team von Ende der siebziger bis Mitte der neunziger Jahre unter anderem an einem Trick namens "remote viewing" - die Fähigkeit, ein Ziel zu "sehen", bevor es sichtbar war.

Das Programm trug den futuristischen Namen "Stargate" und wurde vom Physiker Dale Graff geleitet. Graff offeriert bis heute Seminare in "ESP, 'remote viewing' und intuitiver Natur", die, wie auf seiner Website zu lesen ist, die "Aspekte Ihrer übersinnlichen Sensibilitäten erhöhen". Denn: "Jeder hat kreatives, intuitives und übersinnliches Potential."

In diese Kategorie fällt auch das legendäre "Project Jedi", das die US-Armee eine Zeitlang unterhalten haben soll, um "Supersoldaten" mit übermenschlichen Kräften auszubilden. "Jedi-Ritter", die sich unsichtbar machen, gar durch Wände gehen könnten - nicht nur, wie Jim Channon avisiert hatte, zu friedlichen Zwecken, sondern vor allem, um den Feind zu besiegen, notfalls zu vernichten.

Jahrelang geisterten diese Storys nur durch die Subkultur der Verschwörungstheoretiker und Radio-Talkshows wie Art Bells Spuk-Zirkus "Coast to Coast AM". Schließlich begab sich Jon Ronson auf die paranormale Fährte - und fand verblüffende Parallelen zur Realität: "Vieler dieser verrückten Ideen", sagt er, "wurden jahrzehntelang ausprobiert."

Geheimprogramm "MK-ULTRA"

So beschreibt Ronson einige Experimente an der Grenze zwischen paranormaler Spinnerei und psychologischer Wissenschaft. Das Geheimprogramm "MK-ULTRA" etwa, mit dem die CIA im Kalten Krieg Bewusstseinskontrolle durch Drogen wie LSD und Heroin an ahnungslosen Amerikanern testete. Die gruseligen Versuche waren 1962 Vorlage für den Hollywood-Thriller "Botschafter der Angst" mit Frank Sinatra und 1975 Gegenstand offizieller Ermittlungen durch den US-Kongress. Daneben listet Jonsons Buch aber auch zahllose amüsante, erwiesene Anekdoten auf, die der Film jetzt persifliert. Die - vermeintlich - per Gedanken gekillte Ziege etwa. Oder ein verschleppter General, den ein Medium aufspüren soll (ein "Stargate"-Mitglied wurde 1982 beauftragt, einen entführten Brigadegeneral wiederzufinden). Das Monroe Institute, das Soldaten "erweitertes Bewusstsein" und den "außerkörperlichen Zustand" beibiegt (es befindet sich in Virginia und trainierte auch die "Stargate"-Leute).

Auch der frühere "Newsweek"-Reporter Adam Piore hat Psycho-Experimente mit eigenen Augen gesehen, allerdings ohne paranormalen Beigeschmack. Im Irak coverte er im April 2003 die "Operation Wüstensturm". Dabei stieß er im nordirakischen Ort Al-Qa'im auf einen Frachtcontainer, in dem die US-Armee Gefangene untergebracht hatte. Aus dem Container tönte ohrenbetäubende Heavy-Metal-Musik. "Die Gruppe Metallica", erinnert sich Piore.

Eine Linie bis Abu Ghureib

Bei seinen Recherchen fand Piore heraus, dass die Armee ein skurril anmutendes Repertoire an Songs besaß, mit denen irakische Gefangene beschallt wurden: Der Soundtrack des Action-Films "XXX", der Titelsong der "Sesamstraße", das süßliche Liebeslied "I Love You" des lila TV-Dinosauriers Barney. Ziel: die Häftlinge zu brechen, sie gefügig, gesprächig zu machen. "Newsweek" druckte die Enthüllungen damals als ironisch verbrämte Kolumne. Doch der Hintergrund war ernst: Überwacht wurden die Aktionen von einer Spezialeinheit namens PsyOps, kurz für Psychological Operations.

Ganz zum Schluss kippen Film und Buch "von der Komödie zu Tragödie" (Ronson) - denn beide ziehen eine Verbindung direkt zu den Folterknechten von Abu Ghureib und Guantanamo Bay. "Dies sind die Ideen, die im Krieg gegen den Terror weiterleben", sagt Jonson, dessen Buch zum Höhepunkt der Militärskandale herauskam.

Jim Channon wiederum schmerzt es sehr, dass seine friedliche Vision heute mit Folter und Tod in Zusammenhang gebracht wird. "Meine Verbindung zur 'dark side'", beharrt er, "ist reine Spekulation." Zwar gefalle ihm sowohl das Ronson-Buch wie auch der Clooney-Film. "Aber die Hälfte ist pures Hollywood."

Channons "Handbuch" für Friedenskrieger - die "Feldvorschrift für das First Earth Battailon" - gibt es übrigens auf seiner Website bis heute zu erwerben: 14,95 Dollar plus Versandkosten.

Wer die Website aufruft, den begrüßt das laute Meckern einer Ziege.

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"Männer, die auf Ziegen starren"

(USA 2009)

Originaltitel: "The Men Who Stare At Goats"

Regie: Grant Heslov

Drehbuch: Peter Straughan

Darsteller: George Clooney, Ewan McGregor, Jeff Bridges

Produktion: Grant Heslov, George Clooney, Smoke House, BBC Films

Länge: 90 Minuten

Start: 4. März 2010

Offizielle Website zum Film



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