"Schräger als Fiktion" Der Held als Zeilenschinder

Wären Sie gerne eine Figur in einem Roman? Sicher nicht, wenn der Autor beschlossen hat, Sie umzubringen. Wie man Zeilen schindet, um sein Leben zu retten, verrät Marc Fosters exzellenter Film mit dem Star-Komiker Will Ferrell.


Das Leben schreibt die seltsamsten Geschichten, so will es zumindest eine arg strapazierte Redensart. Den Ohnmachtsgefühlen der Menschen im rasenden Bedeutungsstrudel entspräche jedoch eher: Die Geschichte diktiert die seltsamsten Leben.



Gegen diese empfundene Willkür der Ereignisse helfen wiederum andere Erzählungen, die Trost spenden und Sinn stiften. Wir erschaffen sie täglich mit unseren privaten Dramatisierungen der eigenen Erfahrung. Und wenn das nicht genügt, dann finden wir ihre großen, überzeugungskräftigen und weltgewandten Verwandten in den Künsten. Etwa in der Literatur und im Film.

Doch Harold Crick (Will Ferrell), der Held des wunderbaren Kinobilderromans "Stranger than Fiction" von Marc Forster, sucht überhaupt keinen narrativen Beistand. Als Steuerbeamter liest er auch keine Bücher, er prüft sie lediglich. Bis er eines Morgens beim Zähneputzen eine weibliche Stimme hört, die en detail seine Toilettenaktivitäten schildert. Und die fortan in wohlgesetzter Diktion den Alltag des unscheinbaren Großstadtsingles kommentiert, was Harold Crick in die erste existentielle Krise seines Daseins stürzt.

Was mit diesem Einbruch eines allmächtigen Erzählers in die Realität des nichtsahnenden Protagonisten beginnt, ist ungleich schwungvoller als der ungelenke deutsche Verleihtitel "Schräger als Fiktion" erahnen lässt: Zunächst schliddert Harold zögerlich auf der Metaebene des eigenen Seins umher, aber als die Erzählstimme en passant seinen baldigen Tod ankündigt, gerät der Rationalist unter drastischen Zugzwang.

Auftritt des Literaturprofessors Jules Hilbert (Dustin Hoffman), mit dessen Hilfe Harold endlich erfährt, was das Publikum bereits vor ihm wusste: Er ist Hauptfigur im Roman einer untergetauchten Bestsellerautorin (Emma Thompson), die unter einer Schreibblockade leidet - sie weiß nicht, wie sie ihre vermeintliche Kunstschöpfung Harold Crick glaubwürdig über die Klinge springen lassen soll.

"Sagen Sie mir, wenn sich der Plot ändert", rät Hilbert dem späten Studenten noch, bevor er ihn mit den Grundbegriffen der Textanalyse ins hermeneutische Abenteuer schickt. Bei der Interpretation seiner Erzählsituation entdeckt Harold jene Welt, die er bisher nur vermessen und kalkuliert hat. Es offenbart sich ein beseelter Kosmos aus eigenwilligen Armbanduhren, magischen Fendergitarren und glücksspendenden Schokoladenkeksen. Letztgenanntes Gebäck ist Spezialität der freigeistigen Konditorin und politisch motivierten Steuerhinterzieherin Ana (Maggie Gyllenhaal), die erst zögernd, dann zupackend Harolds lange überfällige Herzensbildung übernimmt.

In dem Maße wie die romantische Selbstwerdung des Helden voranschreitet, steigt allerdings auch die dramatische Fallhöhe. Was es braucht, um der unbekannten Autorin und ihrem tödlichen Zeilenanschlag zuvorzukommen oder ob Harold Crick doch als Bauernopfer der Belletristik endet, soll nicht schon im Klappentext verraten werden.

Keine literarische Buchvorlage, sondern das Originaldrehbuch von Zach Helm verschränkt hier leichthändig die Sphären von Wort und Bild. Unweigerlich drängen sich Vergleiche zu den beiden Dekonstruktivisten des US-Kinos, Charlie Kaufman und Wes Anderson, auf.

Von Kaufman, der in Filmen wie "Being John Malkovich", "Adaptation" und "Eternal Sunhine of the Spotless Mind" das selbstreflexive Moment ad infinitum potenzierte, hat Helm das Faible für vertrackte Erzählkonstruktionen. Von Anderson ("Rushmore", "The Royal Tenenbaums") übernahm Forster das raffinierte Spiel mit Andeutungen und Zeichen, die sich über eine liebevoll auf die Figuren abgestimmte Ausstattung ergibt.

Dass "Schräger als Fiktion" kein zerebrales Planspiel wird, liegt nicht zuletzt an Will Ferrell, der den tragischen Nachhilfeschüler des Lebens zurückgenommen, verletzlich und mit subtilem Humor darstellt. Empfiehlt sich der Starkomiker als ernstzunehmender Darsteller jenseits der Genrekategorien, so bestätigt die chronisch unterschätzte und wie immer großartige Maggie Gyllenhaal ihren zum Glück nicht mehr ganz geheimen Status als eine der besten Schauspielerinnen im US-Kino. Daneben dürfen sich Dustin Hoffman und Emma Thompson ganz uneitel und spielfreudig austoben, was bei beiden Stars wie eine unverhoffte Frischzellenkur wirkt.

So ist es denn vor allem das großartige Ensemble, welches die Poesie zwischen Zeilen und Bildern hervorbringt. Darin ist alles getragen vom naiven Wunsch des Subjekts, sich wider alle Identitätszweifel in die Geschichte einzuschreiben. Vielleicht nur ein seltsames Märchen, aber ohne Zweifel ein verdammt beglückendes.



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