"Schrotten!" mit Frederick Lau Für Papas Schrottplatz tun wir alles

Zwei ungleiche Brüder müssen sich zusammenraufen, um den elterlichen Schrottplatz zu retten. Der Kinofilm "Schrotten" sprüht vor Herzblut - und bleibt doch kreuzbrav.


Da haben sich zwei aber ganz arg lieb! Letscho Talhammer (Frederick Lau) nennt seinen Bruder vorzugsweise "der feine Herr" und "der Studierte". Dazu hängt ihm ein angewidert-ironisches Grinsen im ungewaschenen Gesicht. Und der ältere Mirko (Lucas Gregorowicz)? Sagt zuerst gar nichts, um dann ein knappes "Kackaffe!" auszuspucken.

Ist sicher keine neue Idee, einen Bruderkonflikt in den Mittelpunkt einer Geschichte zu stellen. Aber immerhin: sich gegenseitig herzhaft beschimpfen, das können die beiden Hauptfiguren in "Schrotten!".

Warum Letscho und Mirko sich hassen? Weil der Ältere es gewagt hat, seine Familie zu verlassen und in der Großstadt sein Glück - sprich: das große Geld - zu suchen. Jetzt ist er Versicherungsmakler in Hamburg, zwängt sich jeden Morgen in seinen schicken Anzug und drängt wildfremden Leuten am Telefon unnötige Versicherungen auf.

Das ist doch kein Leben! Findet jedenfalls der Rest der Talhammer-Sippe. Denn Mirko stammt nicht aus irgendeiner Familie, sondern aus einer Schrottsammlerdynastie, die schon vor Generationen davon lebte, was andere Menschen wegwarfen. Als Mirkos Vater stirbt, beschließen die Talhammers also, Mirko zurückzuholen. Und weil der nicht will, ersetzt eine gepflegte Kopfnuss zivilisiertere Formen des Diskurses.

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"Schrotten!": Blut, Schweißerin und Tränen

Ruppig geht es zu in "Schrotten!". Aber eben auch herzlich. Denn der Hamburger Autor und Regisseur Max Zähle hat sich für sein Langfilmdebüt die Familie als Thema ausgesucht. Und er hat nicht vor, die in seinem Film zu zerlegen oder finstere Abgründe auszuleuchten. Nein, Zähle erzählt affirmativ, er will Lust machen auf die Menschen, die einem am nächsten stehen und doch zur Weißglut treiben können wie niemand sonst.

Klimper-Klimper statt Kanten

Ist also schon klar, dass sich Mirko und Letscho zusammenraufen werden. Müssen sie auch, denn den Talhammers steht das Wasser bis zum Hals. Ihr Konkurrent Kercher (Jan-Gregor Kremp) wartet nur auf eine Gelegenheit, den Losern ihren Platz endlich wegzuschnappen. Um an Geld zu kommen, hat die Sippe einen tollkühnen Plan ausgeheckt, der einen Zugwagon voller Kupfer involviert. Um ihn aber in die Tat umsetzen zu können, brauchen sie denn doch einen "Studierten". Nach langer Gegenwehr gibt Mirko nach. Blut ist eben dicker als Wasser.

Fünf Jahre hat Zähle für seinen Film recherchiert. Hat sich von seiner eigenen Kindheit inspirieren lassen. Sein damals bester Freund, so schreibt er im Presseheft, war der Sohn eines Schrotthändlers. Inspiriert hat ihn wohl auch, so darf man mutmaßen, seine gegenwärtige familiäre Situation. Zähle schrieb das Drehbuch zusammen mit Oliver Keidel sowie mit seiner Frau Johanna Pfaff. Vor drei Monaten wurden die beiden Eltern.

Vielleicht erklärt sich daraus die Leidenschaft, die "Schrotten!" versprüht. In diesem Film schwingt etwas mit, das nur aus eigener Erfahrung resultieren kann. Es ist dieses zupackende Gefühl, das auch schon Zähles Kurzfilm "Raju" von 2012 ausmachte. Sein Abschlussfilm von der Hamburg Media School war für den Studenten-Oscar nominiert und machte Zähle auf einen Schlag zum Helden der Hamburger Filmszene. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an "Schrotten!".

So ganz einlösen kann Zähle die allerdings nicht. Für einen Film, der nicht nur Familienzusammengehörigkeit, sondern auch Nonkonformismus predigt, ist "Schrotten!" einfach zu konformistisch angelegt. Zähle kadriert und montiert kreuzbrav. Eine Sequenz, die formal etwas wagt oder sich doch mal Abgründen nähert, die dem Film echte Kantigkeit verleihen könnte - Fehlanzeige. Stattdessen heimelige Klimpermusik, die fast jede Szene unterlegt.

Die Welt der Hallodris und Rotwelschen

Dass Zähle bei seinem Debüt das große Publikum sucht, ist ja auch nicht verkehrt. Doch auch die Dramaturgie schnurrt so gefällig dahin, dass die Geschichte nie wirklich Tiefe erreicht. Die Welt der Schrotthändler und Vagabunden, der Hallodris und Rotwelschen liefert nur die Kulisse für nostalgisches Raunen, und die Handlung bleibt arg vorhersehbar, was dem Spannungsbogen der Geschichte nicht gut tut.

Der angestrebte raue Charme bleibt so an vielen Stellen bloße Behauptung. Ob die koproduzierenden Fernsehsender NDR, HR und Arte damit etwas zu tun haben? Ist natürlich reine Spekulation, und die Verantwortlichen würden das vehement abstreiten. Fakt ist: "Schrotten!" wird sich nach seiner Kinoauswertung gut auf einem Sendeplatz um 20.15 Uhr machen und niemanden überfordern.

Da wäre also mehr drin gewesen. Dass "Schrotten!" den Zuschauer trotzdem grundsympathisch ankumpelt, ist vor allem das Verdienst der beiden Hauptdarsteller. Lukas Gregorowicz ist ohnehin einer der unterschätztesten Darsteller im deutschen Kino. Nach seinem umwerfenden Debüt in der Kifferkomödie "Lammbock" (2000) wollte ihm der ganz große Durchbruch nie gelingen. Hier nun spielt Gregorowicz wieder mit dieser natürlichen Coolness, die einige Untiefen des Drehbuchs ganz lässig überspielt.

Und Frederick Lau? Ist seit seinem filmpreisprämierten Auftritt in "Victoria" (2015) ohnehin everybody's darling. Klar, niemand spielt diese breitbeinigen Typen zwischen herzlichem Bär und psychotischem Berserker so gut wie er. Und im Schimpfen ist Lau auch der Beste. Wie sich das gehört für einen vom Schrottplatz.

Im Video: Der Trailer zu "Schrotten!"

"Schrotten"

    Deutschland 2016

    Regie: Max Zähle

    Drehbuch: Max Zähle, Johanna Pfaff, Oliver Keidel

    Darsteller: Lucas Gregorowicz, Frederick Lau, Anna Bederke, Heiko Pinkowski, Lars Rudolph, Aaron Hilmer, Sarah-Rebecca Gerstner, Michael von Rospatt, Alexander Scheer

    Produktion: Tamtam Film GmbH

    Verleih: Port au Prince Pictures

    Länge: 96 Minuten

    FSK: 6 Jahre

    Start: 5. Mai 2016

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