Schweiger-Klamotte "Zweiohrküken" Schwänzchen in der Krise

Jeder geht anders mit Beziehungsproblemen um: Männer brechen Nasen, Frauen kaufen Dessous. Nach dem Kassenerfolg "Keinohrhasen" bringt Til Schweiger nun den Nachfolger "Zweiohrküken" in die Kinos - eine Machoklamotte mit gestrigem Geschlechterbild und unglaublich ungelenkem Witz.

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Der Alptraum beginnt, als der Held des Films die Augen aufschlägt. Ein gut 30 Zentimeter langes Gemächt baumelt da vor seiner Nase. Es gehört ausgerechnet zum Ex-Freund der Freundin, und über dessen sagenhafte Potenz hatte Ludo (Til Schweiger) schon in den heimlichen Aufzeichnungen von Anna (Nora Tschirner) gelesen. Nun also wohnt Ralf (Ken Duken), der Entwicklungshelfer und Frauenversteher, der Gutmensch und Superschwanz, für einige Tage beim ewig streitenden Pärchen. Klar, dass da Ludos eher beschränktes männliches Selbstverständnis auf den Prüfstand kommt.

Die Rolle des strauchelnden Machos hat sich Til Schweiger auf den eigenen durchtrainierten Leib geschrieben. Wer könnte, so die Selbsteinschätzung des Unterhaltungskünstlers, besser den breitbeinigen Loser Ludo geben als das ewige Testosteron-Männchen Schweiger? Und der Erfolg gibt ihm im gewissen Sinne Recht: Als Drehbuchautor, Produzent, Regisseur und Hauptdarsteller zog er vor zwei Jahren mit seinem ersten Ludo-Abenteuer "Keinohrhasen" mehr als sechs Millionen Zuschauer in die Kinos.

Umso erstaunlicher, dass Schweiger mit diesem Kassenhit im Rücken immer noch jede Art von Selbstironie abgeht. Denn auch "Keinohrhasen"-Nachfolger "Zweiohrküken" ist nun bei allem weichgezeichneten Männer-Läuterungstheater (in fast jeder Szene fackelt unmotiviert ein Meer von Kerzen vor sich hin) ein wahres Hetero-Stahlbad geworden. Klar, immer wieder hält Schweiger als Probe-Kindergärtner Ludo selbstgenähte behinderte Tierpuppen in die Kamera und sagt dazu Besinnliches in Babysprache auf. Aber im Grunde genommen geht es wieder nur um einen Parcours machistischer Selbstprüfungen.

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"Zweiohrküken": Im Hetero-Stahlbad
Am deutlichsten wird das vielleicht an der homophoben Pointe, die sehr umständlich schon in "Keinohrhasen" in Szene gesetzt wurde, um nun in "Zweiohrküken" noch einmal richtig platt gewalzt zu werden. Damals rächte sich Ludo an einem gemeinen Taxifahrer, indem er dessen Kollegen suggerierte, der Fiesling biete Fahrgästen gegen Bares Liebesdienste an. Jetzt legt Ludo noch mal bei einem anderen Taxifahrer nach: "Sag deinem Kollegen, er bläst richtig gut." Oralverkehr unter Männern - das gilt in der kleinen, gestrigen Welt Til Schweigers noch immer als größtmögliches Sittenvergehen.

Til ist Ludo, Ludo ist Til

Erstaunlich ist, dass sich der Filmemacher und Hauptdarsteller in keiner Weise von seiner Figur distanziert: Til ist Ludo, Ludo ist Til. Das lässt sich schon daran erkennen, dass der staksige Stenz in "Zweiohrküken" agiert wie der staksige Stenz in der Castingshow "Mission Hollywood". In der RTL-Sendung ließ Schweiger Anfang des Jahres junge Möchtegernschauspielerinnen vorführen: Stotternd wies der vermeintliche Hollywood-Star seine Casting-Opfer zu Übungen an, für die er in jedem anständigen Rotlicht-Etablissement hätte bezahlen müssen. Gelegentlich saß ihm als Co-Juror sabbernd sein alter Freund Heiner Lauterbach zur Seite.

Die Sendung wurde wegen katastrophaler Zuschauerzahlen bald von der Prime Time in den Nachmittag verbannt. Keine Schmach eigentlich, denn RTL hat auch schon ganz tolle Eigenproduktionen mangels Erfolg aus dem Programm gefegt. Doch bei Schweiger muss der Selbstzweifel in Sachen "Mission Hollywood" tief sitzen, ist er doch der einzige Filmemacher in Deutschland, der Qualität komplett mit Quote gleichsetzt. Wer als Regiekollege mit einer Produktion an der Kinokasse unter der 100.000-Zuschauer-Grenze bleibt, wird von ihm gnadenlos verhöhnt. Der Quotenvergleich, er klingt bei Schweiger immer nach Penisvergleich.

So gesehen muss Filmstar Til nach der "Mission Hollywood"-Pleite unter ähnlichen Qualen leiden wie der quasi-entmannte Filmheld Ludo. Die romantische Komödie als körperliche Leistungsschau: "Zweiohrküken" (Co-Autorin: Anika Decker) ist weniger die Demontage eines Schwänzchen in der Krise geworden als ein schmerzhafter männlicher Selbstvergewisserungstrip. Dass sich Schweiger dafür in Frauenfummel wirft, seinen alten Saufkumpan (schon wieder Heiner Lauterbach) auf den Mund küsst und sich schließlich eine Ladung menschlicher Exkremente an den Kopf schmeißen lässt, macht die Sache nicht besser. Und schon gar nicht lustiger.

Grobes Geschlechterbild

Letztlich bestätigt nur jede einzelne Szene das grobe Geschlechterbild ihres Machers. Wenn es in der Beziehung mal nicht so gut läuft, brechen Männer die Nasen ihrer Konkurrenten, während Frauen Dessous einkaufen. Da helfen auch nicht die Auftritte von Co-Star Tschirner, die für einige ganz wenige amüsante Momente sorgt: Das andere Geschlecht kommt hier ganz schlecht weg. Wer sich als Weib zum Beispiel nicht dem Diktat der Intimrasur unterwirft - offensichtlich eine große Obsession Schweigers, die er hier nun schon zum zweiten Mal ausführlichst thematisiert -, hat nichts zu lachen.

Nein, einige Sünden kann man Frauen nun mal nicht vergeben. Dabei gibt sich der Held in "Zweiohrküken" doch so nachdenklich und zerknirscht, als er nach der Trennung in einer Weichspülerendlosszene am schönen Ostseestrand spazieren geht. Zu Tränen gerührt von der eigenen Empfindsamkeit, schreibt er schließlich der verlassenen Frau lange Briefe. Er würde sie sogar lieben, barmt er darin, wenn sie sich nicht die Scham und die Achseln rasierte. Dann steht die Umschwärmte plötzlich leibhaftig auf einer verwehten Düne lächelnd neben ihm - und unter den Armen wuchern lange dunkle Haare. Doch keine Angst: Sind nur angeklebt, die Achselbüschel, höhö.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
saul7 03.12.2009
1. Sorry,
Zitat von sysopJeder geht anders mit Beziehungsproblemen um: Männer brechen Nasen, Frauen kaufen Dessous. Nach dem Kassenerfolg "Keinohrhasen" bringt Til Schweiger nun den Nachfolger "Zweiohrküken" in die Kinos - eine Machoklamotte mit gestrigem Geschlechterbild und unglaublich ungelenkem Witz. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,664998,00.html
aber ich habe noch nie versthen können, was an der Schauspielkunst des Herrn Schweiger dran sein soll: Ist ne Form von Schnarchkino!!
frubi 03.12.2009
2. .
Zitat von sysopJeder geht anders mit Beziehungsproblemen um: Männer brechen Nasen, Frauen kaufen Dessous. Nach dem Kassenerfolg "Keinohrhasen" bringt Til Schweiger nun den Nachfolger "Zweiohrküken" in die Kinos - eine Machoklamotte mit gestrigem Geschlechterbild und unglaublich ungelenkem Witz. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,664998,00.html
Ich habe Keinohrhase schon nicht gesehen und werde diesen, wie auch den Nachfolger nicht ansehen da ich kaum noch vertrauen in deutsche Filme setze. Das Experiment und Mein Führer waren soweit eigentlich die besten deutschen Produktionen die ich kenne. Was ich an dem ganzen Schweiger-Bashing, getarnt als Filmkritik, allerdings etwas schwach finde ist, dass Frau Tschirner bis auf einen Nebensatz komplett untergeht. Spielt die Frau so schlecht oder ist der Author zu beschäftigt damit gewesen Herrn Schweiger eine weitere Bestätigung seiner bereits geäußerten Vermutung zu geben?
p.rabig 03.12.2009
3. hm,
herrn schweiger find ich eigentlich auch nicht so toll, es gibt bestimmt versiertere dt. mimen. aber wie wir alle wissen, lässt sich über den geschmack trefflich streiten - man sollte sich vor hochnäsigkeit und elitärem rtlbild&barth-bashen hüten (besonders wenn man selbst ein teil dieser medienkultur ist). konstruktivität ist begrüssenswert in solchen diskussion, ansonsten verflachen sie selbst schnell zu blossem klatsch.
Scaithy, 03.12.2009
4. Die Kritik mag ja berechtigt sein...
...aber man kann sich des Eindrucks nur schwer erwehren, dass der Artikel stark motiviert ist von Rachsucht über das auch für Spiegel Online nicht unbedingt schmeichelhafte Interview auf http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,664363,00.html Egal wie man zu Til Schweiger steht, oder wie man "Zweiohrküken" (nein, nicht "Zweiohrhasen", wie im Artikel steht...), die Art und Weise, wie kritisiert wird, hat eine sehr starke persönliche Note. Der Autor nutzt meiner Meinung nach die Chance, Til Schweiger richtig eins reinzudrücken. Unterste Schublade.
sam clemens, 03.12.2009
5. Guter Artikel
Meiner Meinung nach ein treffender Artikel - denn genau das konservative Männerbild, diese versteckte Larmoyanz sind das, was mich an Schweigers Filmen so ärgert. Immer beleidigt, immer auf der Suche nach Trost - und leider triffts den Geschmack von Millionen. Muss ja nicht alles Lars von Trier sein, "Two and a half men" würde völlig reichen.
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