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Sci-Fi-Thriller "Babylon A.D.": Lizenz zum Löten

Von Daniel Haas

In diesem Film ist alles zusammengeschweißt: die trashigen Kulissen, die recycelte Story, die Stahlkäfige der Endzeit-Disko. Mit "Babylon A.D." wollte Regisseur Mathieu Kassovitz einen kulturkritischen Science-Fiction-Thriller drehen. Heraus kam ein Schrottplatz auf Zelluloid.

Warum sehen schlechte Science-Fiction-Filme eigentlich immer aus, als hätte sie der Volkshochschulkurs "Schweißen für Fortgeschrittene" ausgestattet? Seit sich Mad Max durch postapokalyptische Ruinen kämpfte, gehören nachlässig verarbeitete Eisenkulissen zum Dekor. Unvermeidlich auch die Diskothekenszene, in der Stahlkäfige von der Decke baumeln und Heavy Metal aus mannshohen Boxen dröhnt.



Es gibt so eine Clubszene natürlich auch in "Babylon A.D.". Die Dekadenz der Zukunft hat den Charme eines Schrottplatzes von vorgestern; wie gewohnt tanzen halbnackte Frauen auf Podesten (wo, in aller Welt, gab es das jemals: den Podest-Nackedei? Im alten Rom? An Bokassas Hof? Bei Imelda Marcos' Geburtstagsfeten?). Dazu hauen sich Showgladiatoren unter Gejohle den Schädel ein. Neil Postman und Hulk Hogan werfen gemeinsam einen Trip und stellen sich die Postpostpostmoderne vor.

Dass ausgerechnet Mathieu Kassovitz diesen Stil bedient, ist, gelinde gesagt, traurig. Das einstige Regiewunderkind mischte mit seiner kleinen feinen Milieustudie "Hass" 1995 das europäische Kino auf, seitdem verläuft seine Karriere in böser Ironie nach unten an die Spitze: Filme wie "Die purpurnen Flüsse" (2000) und "Gothika" (2003) waren kaum mehr als öde Variationen gängiger Genreformeln, zahlten sich aber am Box Office aus.

Nun also die Negativ-Utopie "Babylon A.D." mit ausgiebiger Lizenz zum Löten. Die erste Stunde des Films ließe sich mühelos durch einen Spaziergang im Recycling-Hof ersetzen; auch die Story ist ein einziges Gerümpel: Vin Diesel muss im Jahr Mindestenswennnichtnochspäter als Freelance-Haudrauf eine geheimnisvolle Schöne von Russland nach Amerika schmuggeln. Aurora (Mélanie Thierry) heißt das Girl, dennoch geht einem kein Licht auf, was sie eigentlich sein soll: Wunderwaffe? Erlöserin? Beides?

Auch Diesel muss sich diese Frage stellen, wie sonst ließe sich sein Gesichtsausdruck erklären, der sich im Lauf des Films von mies gelaunt über echt mies gelaunt zu unglaublich mies gelaunt verfinstert. Wer dachte, der Preis für die muffigste Leinwand-Persona ginge an Sylvester "Rocky" Stallone oder Bruno "Der Führer" Ganz, wird hier eines Besseren belehrt.

Was dem Diesel der Flunsch, ist der Yeoh das Glotzen. Michelle Yeoh ("Tiger & Dragon"), eine der größten Darstellerinnen des asiatischen Kinos, ist der zweite Aufpasser von Aurora; sie bewältigt diese Aufgabe mit dem mimischen Talent einer Nebelleuchte. Schöner staunen – aber vielleicht ist es auch nur das Entsetzen, in diesen Film geraten zu sein.

Zusammen mit Diesel muss sie also das mysteriöse Gör in die Vereinigten Staaten schaffen und besagten Tanzclub über sich ergehen lassen. Hinzu kommen Verfolgungsjagden per Auto und Schneemobil, am Ende sogar Kämpfe mit Motorrad-Ninjas. (Der Motorrad-Ninja ist ein weiterer Wiedergänger der B-Movie-Peinlichkeiten. Eigentlich gehört er in den billig produzierten Horror- und Fantasyfilm, wo er als eine Art motorisierte Furie mythologischen Kitsch und technologischen Eskapismus auf sich vereint).

Und dort, im von religiösen Spinnern (Charlotte Rampling in einer frauenverachtenden Nebenrolle) und Großkonzernen verderbten Amerika, was wartet da auf die Helden? Wer es begreift, soll bitte an die Redaktion schreiben. Hier rätselt man nach wie vor - wie übrigens auch der Kritiker der "New York Times", der schrieb: "Dieses Desaster hat sich gegen Spoiler durch komplette Sinnlosigkeit abgesichert."

Kassovitz erklärte, der Film in seiner jetzigen Fassung sei "pure Idiotie"; die Verantwortlichen in Hollywood hätten ihn zur Glättung der Story gezwungen. Er selbst habe einen Blockbuster drehen wollen, der "gleichzeitig nach der Religion, der Entwicklung der Menschheit, der Gesellschaft des Über-Konsums und dem Gefälle von Arm und Reich fragt" , sagte er der "Süddeutschen Zeitung".

Wir verstehen: "Babylon A.D." ist eigentlich der Versuch, Kulturkritik mit Action zu verschweißen. Ein Lötkolben allein reicht dafür jedoch nicht aus.

Es sei denn, man will jemanden foltern. So gesehen ergibt das Ganze dann wieder Sinn.

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"Babylon A.D.": Blut, Schweißen, Gähnen


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