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Sci-Fi-Thriller "Inception": Der Feind in meinem Traum

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Träumst du noch oder stirbst du schon? Batman-Regisseur Christopher Nolan stellt in seinem clever verschachtelten Thriller "Inception" die Frage nach der Echtheit der Realität. Eine bildstarke Hommage an die Illusionsmacht des Kinos, die ganz ohne 3-D-Mätzchen fasziniert.

"Inception": Lug und Trug im Lummerland Fotos
Warner Bros.

Kennen Sie das, wenn Sie aus einem Traum erwachen, der so intensiv war, dass Sie im ersten Augenblick gar nicht wissen wo Sie sind, was real ist, was geträumt war? So ähnlich fühlen sich die Figuren in Christopher Nolans Thriller "Inception" ständig, und so ähnlich fühlt man sich auch als Zuschauer, nachdem man den Film gesehen hat.

Nun gehört die Darstellung von Träumen und Phantasien, die Abbildung des Phantastischen, seit jeher zum Kino. Im Dunkel des Kinosaals verwebt man seine eigenen Emotionen und unterbewussten Sehnsüchte mit den visualisierten Gedanken des Regisseurs, taucht ein in eine Welt, die ein anderer geschaffen hat, um nach dem Bezug zum eigenen Ich zu suchen. Traumfabrik wird Hollywood nicht umsonst genannt: Die Kino-Industrie fabriziert Blaupausen für all jene, die der Realität öfter entfliehen wollen als in den paar Stunden Schlaf jede Nacht. Es ist nicht der eigene Traum, der da oben auf der Leinwand geträumt wird. Aber was soll's, solange die Illusion stimmt.

Diese Prämisse ist grundlegend für das Verständnis von Nolans Film, der nicht nur ein clever konstruiertes Action-Abenteuer ist, sondern vor allem auch eine Verbeugung vor der gauklerischen Macht des Kinos. Was ist, wenn nichts wirklich real ist, wenn man glaubt, man wacht aus einem Traum auf, aber es ist nur ein weiterer Traum in einem Traum? Die Frage nach der Authentizität der Realität wurde im Kino schon oft gestellt, in Federico Fellinis "8 1/2" und in Stanley Kubricks "2001" ebenso wie jüngst, in bahnbrechender Form, in der "Matrix"-Trilogie der Wachowski-Brüder. Mit ganz ähnlicher Wucht tritt nun Christopher Nolan an, dem Zuschauer grundsätzliche Zweifel einzupflanzen: Ist alles, was ich erlebe, nur ein Traum? Und wenn ja, wessen Traum träume ich da gerade? In wessen Unterbewusstsein befinde ich mich wohl?

Es ist genau diese Frage, die die junge Ariadne, gespielt von Ellen Page, in "Inception" irgendwann stellt - ein rarer, aber wichtiger Moment des comic relief in einem in sich verschachtelten und sehr ernsthaften Actionfilm, der dem Zuschauer volle Konzentration abverlangt. Publikum und Protagonisten sind an diesem Punkt, weit inmitten der Handlung, für kurze Zeit auf Augenhöhe: Was genau passiert hier gerade? Habe ich das alles richtig mitgekriegt? Nicht umsonst braucht Nolan fast die Hälfte seines zweieinhalb Stunden langen Films, um überhaupt zu erklären, was seine Figuren machen, bevor es richtig und mit großer Spannung zur Sache geht.

Fremdgesteuert - aber doch wie von selbst

"Inception" erzählt die in einer nicht allzu fernen Zukunft spielende Geschichte einer Gruppe von Gaunern und Schwarzmarkthändlern, die sich mittels Narkotika und einer obskuren Maschine aus Schläuchen, Knöpfen und zischenden Membranen in die Träume prominenter Wirtschaftsbosse schleicht, um dort Informationen zu extrahieren. Anführer der Gang - und talentiertester Anwender des Traumbetrugs - ist Cobb, ein gehetzt und fahrig wirkender Mann, auf den in seiner Heimat USA ein Kopfgeld ausgesetzt ist. Leonardo DiCaprio spielt ihn mit ähnlicher Nervosität und Verknitterung wie zuletzt seinen Psycho-Patienten Teddy Daniels in "Shutter Island".

Der Industrielle Saito (Ken Watanabe) stellt die Extraktions-Fähigkeiten Cobbs und seines Partners Arthur (Joseph Gordon-Levitt) in der furiosen, mehrere Traumebenen wechselnden Anfangssequenz des Films auf die Probe, bevor er Cobb ein Angebot macht, das er nicht ablehnen kann: Statt Informationen zu stehlen, soll er einen Gedanken in das Unterbewusstsein eines Konkurrenten Saitos installieren. Das Ziel: Der junge Firmenerbe Robert Fischer (Cillian Murphy) soll das Imperium seines Vaters, Saitos Gegenspieler, zerschlagen, statt es weiter wachsen zu lassen. Er muss nur noch auf die Idee kommen - fremdgesteuert, und doch wie von selbst. "Inception" heißt dieses unter Traumdieben als riskant und experimentell geltende Verfahren.

Was sich nun entfaltet, wirkt ein wenig wie "Reservoir Dogs" im Lummerland: Um in Fischers Geist echte Überzeugungsarbeit zu leisten, konstruieren Cobb und sein Team drei übereinanderliegende Traum-Ebenen, in die das schlafende Opfer nach und nach transportiert wird. Das Unternehmen ist tatsächlich nicht ohne Risiko, denn durch die tiefe Betäubung laufen alle Beteiligten Gefahr, nie wieder zu erwachen, sondern sich für immer in den Tiefen ihres Unterbewusstseins, dem "Limbo", zu verlieren.

Was kaum einer im Team weiß: Cobbs Psyche ist kurz davor, außer Kontrolle zu geraten. Immer wieder tauchen seine verstorbene Frau Mal (Marion Cotillard) sowie Fetzen einer zum großen Teil verdrängten Leidensbiografie in den Traumkulissen auf und werden zu bedrohlichen Störfaktoren.

Wo sind die surrealen Bilder?

Man muss als Filmkritiker sehr aufpassen, nicht zu viel dieses raffinierten Plots zu verraten, zu komplex und gleichzeitig filigran ist das Spannungskonstrukt, das Christopher Nolan in "Inception" entwirft. Gesagt sei nur noch so viel: Der britische Regisseur findet atemberaubende Bilder, um die gestalterische Macht des ruhenden Geistes zu illustrieren, etwa wenn die angehende Traumarchitektin Ariadne zu Übungszwecken ganze Pariser Straßenzüge buchstäblich auf den Kopf stellt.

US-Kritiker warfen Nolan allerdings weitgehende Phantasielosigkeit vor: Es sei doch schnöde, wenn der eine Traum eine Verfolgungsjagd durchs regnerische Los Angeles, der andere eine Schießerei durch Hotelflure und der dritte ein Ballerspiel rund um eine Bergfestung im Schnee ist. Wo sind die irrationalen Sprünge aus der Kindheit ins Erwachsenenalter, wo die unmotivierten, rätselhaften Dialoge, wo die surrealen Bilder, die jeden echten Traum zu einer so unberechenbaren wie phantastischen Erfahrung machen?

Und es stimmt: Nolans Traumwelten sind so nüchtern und rational wie ein Michael-Mann-Film, so rasant wie ein Bourne-Abenteuer oder - im Falle der Schneefestung - Hommage an die Bond-Filme der Siebziger. Aber wahrscheinlich wäre es eine schiere Überforderung des Zuschauers, auch noch irritierend-absurde David-Lynch-Elemente in einen ohnehin schon überkomplexen Plot zu integrieren. Und natürlich ist Nolan, der sich zuvor mit den Comic-Verfilmungen "Batman Begins" und "The Dark Knight" den Ruf eines Hollywood-Visionärs erarbeitet hat, ein Action-Regisseur mit großer Lust an kinetischer Energie - kein europäisch geprägter Autorenfilmer mit Hang zur Introspektion.

Wenngleich das nur die halbe Wahrheit ist: Denn mit "Inception" knüpft Nolan fast nahtlos an seinen psychologisch tiefgehenden Spielfilm "Memento" an, der - komplett rückwärts erzählt - von einem Mann handelt, der kein Kurzzeitgedächtnis besitzt. Wie Leonard aus "Memento" oder Al Pacinos schlafloser Charakter aus Nolans "Insomnia", ist auch Cobb ein Charakter am Rande der Auflösung, ein Mann, der alle Gewissheiten verloren hat und immer verzweifelter agiert, um sich bei geistiger Gesundheit zu halten. Motive dieses Themas finden sich auch bei Nolans Batman, der mit der Schizophrenie seiner Doppelexistenz als naiver Playboy und düsterer Superheld schwer zu kämpfen hat und ständig den Eindruck erweckt, er sollte sich schleunigst in Therapie begeben.

Nolan wird inzwischen wahrscheinlich selbst schon glauben, er lebe in einem Traum. Sagenhafte 160 Millionen Dollar bekam er von Warner Bros., um seinen für Hollywood-Verhältnisse doch recht anspruchsvollen Thriller zu drehen. Mal ehrlich: Wer, in heutiger Zeit, würde einem 40-jährigen Briten, der gerade mal eine Handvoll Filme gedreht hat, so viel Geld in die Hand drücken - für eine Produktion, die auf seinem eigenen Drehbuch beruht, nicht auf einem Comic mit vorhandener Fanbasis, nicht auf einem Bestseller-Roman, die kein Animationsfilm und kein 3-D-Spektakel ist? Allein die Tatsache, dass es einen handwerklich modernen, aber gleichzeitig so altmodischen Film wie "Inception" im Jahr nach "Avatar" gibt, wirkt so unwahrscheinlich, dass man sich zwicken möchte.

Nolans Glück: "The Dark Knight", mit einer Milliarde Dollar Umsatz einer der erfolgreichsten Blockbuster der vergangenen Jahre, verschaffte ihm in Hollywood eine Lizenz zum Geldausgeben. In "Inception" nutzt er nun seine so erworbene Macht, um zu beweisen, dass es neben dümmlichen Schauwert-Vehikeln wie "Prince Of Persia" und "Transformers" auch noch intelligentes Actionkino geben kann, das seine Zuschauer zum Nachdenken und genauen Hinsehen auffordert, statt sie mit visuellen Tricks zu foppen. Dass wir dabei Teil seines ganz persönlichen Traums werden, versteht sich von selbst. Und vergessen Sie nicht, sich nach dem Kinobesuch einen kleinen Kreisel zu kaufen. Sie werden ihn brauchen.

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1. ...
Celegorm 27.07.2010
Zitat von sysopTräumst du noch oder stirbst du schon? Batman-Regisseur Christopher Nolan stellt in seinem clever verschachtelten Thriller "Inception" die Frage nach der Echtheit der Realität. Eine bildstarke Hommage an die Illusionsmacht des Kinos, die ganz ohne 3-D-Mätzchen fasziniert. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,708551,00.html
"Memento" läuft - entgegen verbreiteter Fehlannahme - übrigens nicht rückwärts, sondern die Szenen bewegen sich alternierend vom chronologischen Ende und Beginn auf die Mitte zu, welche die geschichtliche Klimax bildet. Aber ansonsten netter Artikel, insbesondere kann man der Schlussfolgerung zustimmen. Dass so ein Film noch möglich ist und die Gunst der Zuschauer findet kann sicher als positiv eingestuft werden.
2. Analogue Inception
spon-1259431123276 27.07.2010
Wie berichtet wird, verzichtet Nolan komplett auf product placement, Marken, Technik Spielereien, Computer, Gimmicks - und schafft so Zeitlosigkeit für den Film « http://adactio.com/journal/1680/
3. Natürlich ist
hého 27.07.2010
Interception schön und recht spannend gemachtes Enternment und Paris zusammengeklappt ist ja schönes surreales Bild. Vielleicht hätten ja übrigens auch Breton & comp. Gefallen daran gefunden. Aber man muss schon sagen, dass Nolan vielleicht doch etwas zuviel Spass an der Freude gehabt hat. Auf alle Fâlle wird einem zum Ende - wenn Cobb Saito auf Traumebene (4/5 ?) - wiedertrifft, dann doch angst & bange, es könnte noch weitergehen. Aber es stimmt, man kommt von Bilder wie betrunken zurück auf die Strasse.
4. .
stormking, 27.07.2010
Zitat von Celegorm"Memento" läuft - entgegen verbreiteter Fehlannahme - übrigens nicht rückwärts, sondern die Szenen bewegen sich alternierend vom chronologischen Ende und Beginn auf die Mitte zu, welche die geschichtliche Klimax bildet. Aber ansonsten netter Artikel, insbesondere kann man der Schlussfolgerung zustimmen. Dass so ein Film noch möglich ist und die Gunst der Zuschauer findet kann sicher als positiv eingestuft werden.
Ich freue mich schon drauf. Mit Ausnahme von "Insomnia", mit dem ich irgendwie gar nichts anfangen konnte, hat Nolan bisher immer exakt meinen Geschmack getroffen. Was ich mich beim lesen der Kritik allerdings gefragt habe: Was soll die völlig unsinnige Erwähnung von "2001"? Ist das der einzige anspruchsvolle Science-Fiction-Film, den der Autor kennt? Es gibt in diesem Genre sicher zahllose Werke, die die Realität hinterfragen. Aber ausgerechnet "2001" gehört nicht dazu.
5. hier gibts etwas ähnliches
mhwse 27.07.2010
http://www.josella-simone-playton.com/zw880917.html habe ich fast zeitgleich gelesen!
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Inception

USA 2010

Regie: Christopher Nolan

Buch: Christopher Nolan

Darsteller: Leonardo DiCaprio, Ellen Page, Joseph Gordon-Levitt, Tom Hardy, Cillian Murphy, Tom Berenger, Michael Caine, Marion Cotillard

Produktion: Legendary Pictures, Syncopy, Warner Bros.

Verleih: Warner

Länge: 148 Minuten

Start: 29. Juli 2010

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