Science-fiction-Melodram Die Möglichkeiten eines Lebens

Im Kinofilm "Mr. Nobody" geht es um den letzten sterblichen Menschen. Und die Trennung seiner Eltern. Und drei verschiedene Lieben. Und die Stringtheorie. Und ein weißes Einhorn. Und leider auch um die Frage, ob ein Film aus zu vielen guten Ideen bestehen kann.

Concorde

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Das Science-Fiction-Melodram "Mr. Nobody" steckt voll so viel Wahnsinn, so vielen schönen Bildern, Gedanken und Geschichten, dass andere Regisseure daraus drei - ach was: fünf - Filme gemacht hätten.

Im Jahr 2092 lebt Nemo Nobody (Jared Leto), 120 Jahre alt und ausgesprochen griesgrämig, als letzter sterblicher Mensch unter Unsterblichen. Wissenschaftler beobachten ihn, und Kameras übertragen jede Regung auf große Leinwände in der Stadt. Ein Journalist schleicht sich in sein Zimmer, um kurz vor seinem Tod über Nobodys Leben zu reden (erster Film).

Der unzuverlässigste Erzähler aller Zeiten

Dieser Nobody ist jedoch der vielleicht unzuverlässigste Erzähler aller Zeiten, und so zeigt der Film statt einer linearen Biografie alle möglichen Leben Nobodys, mit allen Abzweigungen und einschneidenden Entscheidungen. Zum Beispiel die Trennung seiner Eltern: Er steht mit ihnen am Bahnsteig, die Mutter steigt in den Zug, der Vater bleibt zurück. Beide wollen, dass er bei ihnen bleibt. Wie kann sich das Kind um alles in der Welt zwischen Vater und Mutter entscheiden? Eben, gar nicht. Also steigt es in den Zug. Und bleibt zurück.

Der Film zeigt einfach beides (zweiter Film). Genauso wie er auch einfach zeigt, wie Nobodys Leben an der Seite von drei verschiedenen Frauen ausgesehen hätte (Film drei, vier und fünf). Da ist erstens Anna (Diane Kruger), Nemos große Liebe, die ausgerechnet die Tochter seines Stiefvaters ist. Und zweitens die unglückliche Elise (Sarah Polley), der Nemo versprechen muss, ihre Asche nach ihrem Tod auf dem Mars zu verstreuen. Und drittens Jean (Linh Dan Pham), die so perfekt ist, dass Nemo das Gefühl abhanden kommt, überhaupt zu leben.

Regisseur Jaco Van Dormael versucht gar nicht erst, einzelne Episoden als Erinnerungen oder Flash Forwards oder Gedankenspiele zu kennzeichnen. Alle stehen gleichberechtigt nebeneinander: als Möglichkeiten eines Lebens, die es alle verdient hätten, gelebt zu werden. Wahnsinn und Widersprüche fügen sich zu einer grandiosen Illustration des Gefühls innerer Zerrissenheit.

Das Chaos der Karteikarten

Van Dormael hat einmal erzählt, er entwickle Geschichten, indem er Aspekte, Ereignisse, Episoden auf Karteikarten schreibe. Anfang und Ende lege er an je eine Seite des Tisches und verbinde sie mit den Karten auf alle möglichen Weisen, verschiebe die Karten, entwickle Seitenarme der Geschichte, Alternativen, Sackgassen, die im fertigen Film nie auftauchen. In "Mr. Nobody" jedoch, das ist die einzige Erklärung für diesen Wahnsinnsfilm, hat wohl jede einzelne Karte Verwendung gefunden.

Sieben Jahre, sagt Van Dormael, habe er an dem Drehbuch geschrieben, jeden Tag von zehn Uhr morgens bis nachmittags um halb vier. In einem anderen möglichen Leben hätte er in diesen sieben Jahren vielleicht zwei oder drei oder mehr Filme aus dem Stoff gemacht. Das wäre gut gewesen, weil weniger anstrengend. Und weil er mehr Gedanken und Geschichten hätte auserzählen können. Andererseits wäre es auch schade gewesen. Denn Van Dormaels Werk ist zwar eine Zumutung, aber eine kluge und faszinierende Zumutung.

Wenn man aus dem Kino zurück ins Tageslicht tritt, fühlt man sich so, wie sich amerikanische Touristen fühlen müssen, nachdem sie ganz Europa in zweieinhalb Tagen besichtigt haben: überwältigt und ein bisschen verwirrt.


Mr. Nobody. Start: 7.7. Regie: Jaco Van Dormael. Mit Jared Leto, Diane Kruger, Sarah Polley.



insgesamt 4 Beiträge
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Websingularität 08.07.2010
1. servus
Zitat von sysopIm Kinofilm "Mr. Nobody" geht es um den letzten sterblichen Menschen. Und die Trennung seiner Eltern. Und drei verschiedene Lieben. Und die Stringtheorie. Und ein weißes Einhorn. Und leider auch um die Frage, ob ein Film aus zu vielen guten Ideen bestehen kann. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,705011,00.html
Stringtheorie ist schonmal keine gute Idee. Einhörner vielleicht.
AlexBrucker 08.07.2010
2. endlich geht's mal wieder ins Kino
klingt super! Nur warum wird der fast nirgends gespielt? Ist ja nicht so als ob gerade die burner-filme im Kino laufen...
Sleeper_in_Metropolis 08.07.2010
3.
Nach der SPON-inhaltsbeschreibugn des Films wüßte ich schon gerne, was daran "Science-fiction" sein soll ? Gut, der Erzähler lebt eigentlich in der Zukunft und alle anderen sind unsterblich, aber der Film scheint ja zu 99% aus tatsächlichen oder theoretischen Rückblicken in die Vergangenheit zu bestehen. Also in etwas so viel SciFi-Bestandteil, als wenn Opa aus seiner Kindheit erzählt ;)
angst+money 08.07.2010
4. "überwältigt und ein bisschen verwirrt"
Das ist doch nicht das schlechteste Argument, sich einen Film anzusehen.
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