Science-Fiction-Remake mit Keanu Reeves Apokalypse mit doofem Alien

Unterirdisch außerirdisch: In dem Remake des Weltuntergangs-Klassikers "Der Tag, an dem die Erde stillstand" gibt Keanu Reeves einen Edel-Alien mit schicken Anzügen, nobler Blässe und Kalenderblattphilosophie. Popeliger als hier wirkte Armageddon nie.

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Alle Jahre wieder Weltuntergang: Pünktlich zum Fest kommt das Remake des Science Fiction-Klassikers "Der Tag, an dem die Erde stillstand" in die Kinos. Nichts verkürzt das Warten auf den Weihnachtsmann so sehr wie ein bisschen Apokalypse zur Adventszeit, mag da mancher denken, und freut sich auf eine Doomsday-Sause zwischen den saisonal obligatorischen romantischen Komödien und Familienfilmen.

Nur leider bleibt die erhoffte Bescherung aus: Scott Derricksons Neuinterpretation ist kein saftiges, geschweige denn provokantes Spektakel, sondern eher das filmische Äquivalent zum drögen Spekulatius: Staubtrocken, frei von Geschmack, lieblos garniert mit vorgestanzten Spezialeffekten und serviert von den ratlosen Stars Keanu Reeves und Jennifer Connelly.

Das ist mehr als beschämend angesichts des überragenden Originals: "The Day The Earth Stood Still" (1951) von Robert Wise stellt zusammen mit der Howard Hawks-Produktion "The Thing from Another Planet" (1951) und Don Siegels "Invasion of the Body Snatchers" (1956) so etwas wie die Dreifaltigkeit des US-amerikanischen Paranoiakinos der fünfziger Jahre dar. Inmitten des Kalten Kriegs fanden diese phantastischen Parabeln zwingende Bilder für die Ängste ihres Publikums und definierten so das Genre Science Fiction neu.

Kein Gespür für die Qualitäten des Vorgängers

Wise' Film überbrachte seine pazifistische Botschaft vom anderen Stern im Schatten des atomaren Wettrüstens, das heute wieder weit gegenwärtiger erscheint als noch vor fünfzehn Jahren. Anknüpfungspunkte für ein zeitgemäßes Update gäbe es somit also genug.

Tatsächlich übernimmt das Remake bis hin zu einzelnen Rollennamen etliche Details, leistet sich dafür aber in Schlüsselszenen erst unnötige, später fatale Änderungen und zeigt grundsätzlich keinerlei Gespür für die wesentlichen Qualitäten des Vorgängers.

Der Auftakt bleibt vertraut: Ein riesiges, unidentifizierbares Objekt dringt aus dem Weltraum in den amerikanischen Luftraum ein, sorgt für einen veritablen Ausnahmezustand und landet schließlich doch sanft im New Yorker Central Park.

Was aussieht wie eine überdimensionierte Christbaumkugel ist ein Raumschiff, dem unter den Augen der Weltöffentlichkeit ein außerirdisches Wesen entsteigt. Noch vor dem ersten Kontakt wird der Besucher jedoch von einem nervösen Soldaten angeschossen, woraufhin ein gigantischer Roboter auftaucht, der die anwesenden Militärs und Wissenschaftler in Schach hält.

Der Außerirdische will mit den Vereinten Nationen sprechen

Das verwundete Alien wird geborgen und auf einer Armeebasis behandelt, wo es sich aus seiner grauen Hauthülle schält und die adrette Gestalt von Keanu Reeves annimmt. Als Klaatu stellt sich der Sternenmann der behandelnden Biologin Helen Benson (Jennifer Connelly) vor, und verlangt, zu den Vereinten Nationen sprechen zu dürfen. Die anwesende Verteidigungsministerin (Kathy Bates) lehnt sein Gesuch ab, woraufhin Klaatu mit Hilfe seiner Fähigkeiten aus dem Gewahrsam flüchtet.

Helen Benson und ihr minderjähriger Adoptivsohn Jacob (Jaden Smith) werden zu seinen Komplizen und erfahren so von Klaatus folgenschwerer Mission: Als Botschafter eines galaktischen Völkerbunds soll er der Menschheit ein Ultimatum stellen – entweder sie beendet ihr zerstörerisches Treiben, oder sie wird mit Gewalt von dem schützenswerten Planeten Erde entfernt.

Die Diplomatie scheint gescheitert und dass E. T. nichts anderes als globalen Genozid meint, wird deutlich, als immer mehr Kristallkugeln gesichtet werden und Klaatus Roboterkollege – der wie 1951 auf den schönen Namen Gort hört – mit der Zerstörung New Jerseys beginnt. Nun liegt es an Helen, den pessimistischen Weltraumemissär doch noch umzustimmen und der Menschheit eine zweite Chance zu verschaffen.

Popeligstes Armageddon seit Menschengedenken

Das klingt alles ungleich spannender, als es sich tatsächlich auf der Leinwand präsentiert. Von der großen Glasmurmel Gottes im Park, über das computergenerierte Gewusel der beliebigen Actionszenen bis hin zu der Tatsache, dass Keanu Reeves' nach "Matrix" und "Constantine" schon wieder als messianischer Handlungsreisender einen gutsitzenden Anzug und seine noble Blässe vorführen muss, ist dies wohl das popeligste Armageddon seit Menschengedenken.

Da passt es im allgemeinen Kuddelmuddel schon wieder vorzüglich, dass der vermeintlich smarteste Fürsprecher der Humanität ausgerechnet von John Cleese gespielt wird. Sein Superwissenschaftler, irgendwo zwischen Einstein und Professor Hastig aus der Sesamstraße angesiedelt, bringt Klaatu mit ein paar Kalenderweisheiten derart ins Grübeln, dass man nicht nur am Verstand dieser Welt, sondern auch an der Intelligenz der Aliens zweifeln muss.

Auch die zuletzt unfehlbare Jennifer Connelly, die ob ihrer Großartigkeit eigentlich gar nichts falsch machen kann, haut hier mal so richtig daneben und beschränkt ihre schauspielerische Leistung darauf, dem zaudernden Radikalsanierer Klaatu waidwunde Blicke zuzuwerfen.

Entsprechend weicht der mahnende Appell des Originals, das ja nichts Geringeres als den Weltfrieden forderte, einem diffusen Zen-Geschwurbel sowie der freundlichen Absichtserklärung, in Zukunft einfach ein bisschen netter zu Tieren, Pflanzen und Mitmenschen zu sein. Jedes amtsdeutsche Plädoyer für Energiesparlampen hat mehr Drive und Flair vorzuweisen als dieser wahrhaft stillstehende Katastrophenfilm, der im intergalaktischen Heile, Heile, Segen verpufft.

Was bleibt, ist eine Enttäuschung kosmischen Ausmaßes und die Erkenntnis, dass der einzige charismatische Himmelsbesucher in diesem Monat wohl der Weihnachtsmann bleibt.



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