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Science-Fiction-Thriller "Elysium": Kampfmaschine als Klassenkämpfer

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Die Erde? Ein Slum. Die Reichen? Haben sich in einer Luxus-Raumstation verbarrikadiert. Der Science-Fiction-Thriller "Elysium" erzählt vom zukünftigen Kampf zwischen Arm und Reich. "District 9"-Regisseur Neill Blomkamp bringt damit den smartesten und subversivsten Sommer-Blockbuster ins Kino.

Vor Jahren, als Neill Blomkamp noch Werbefilme drehte, geriet er in Mexiko-Stadt in eine heikle Situation: Zwei Polizisten kidnappten ihn und einen Kollegen und fuhren die beiden Ausländer so lange durch finsterste Viertel, bis sie den korrupten Bullen genug Geld zugesteckt hatten. Ausgesetzt wurden Blomkamp und Kollege in einem Slum, nachts, meilenweit entfernt vom Zentrum: "Wir liefen durch diese total verarmten, verrückten Areale, in denen es tollwütige Hunde, schreiende Babys und Leute, gab, die auf offener Straße Feuer machten", sagte Blomkamp dem US-Magazin "Entertainment Weekly", "und am Horizont sahen wir die Flutlichter an der Grenze zur USA, darüber mehrere Black-Hawk-Helikopter - es war wie Science-Fiction".

Mit einer Kamerafahrt über endlose Reihen von Slum-Hütten beginnt nun auch Blomkamps neuer Film "Elysium". Es sind die realen Elendsviertel von Mexiko-Stadt, die hier, beißende Ironie, das Los Angeles der Zukunft darstellen: verarmt, verschmutzt, von Verbrecherbanden kontrolliert, die Umgangssprache ist, wie in Teilen der Stadt schon heute, Spanisch.

Im Jahre 2154 wurden die Armen auf einer überhitzten, ausgebeuteten, überbevölkerten Erde ihrem Schicksal überlassen, während die Wohlhabenden und Reichen sich auf eine luxuriöse Raumstation zurückgezogen haben; eine Art Super-Beverly-Hills mit weißen Villen, azurblauen Swimmingpools und einer Wunderheilmaschine. Zu diesem Elysium genannten Himmelsrad, das blass durch den Smog herunterschimmert, blicken die auf Erden Prekarisierten auf, als sei die Gated Community im All das Paradies. Ein Ticket dorthin, das wäre die Erlösung.

Proletarische Kampfmaschine

Das glaubt auch Max (Matt Damon). Früher war er kriminell, heute baut er in einer Fabrik des Waffenkonzerns Armadyne jene Roboter zusammen, die ihn als Cops auf der Straße kontrollieren und zusammenschlagen - oder ihm als Bewährungshelfer im kalten Maschinensprech den Mund verbieten: "Please stop talking!" Nach einem Betriebsunfall, bei der Max einer in wenigen Tagen tödlichen Strahlendosis ausgesetzt wird, beschließt er, mit Hilfe einer Schleuserbande nach Elysium zu fliehen, seine Jugendliebe Frey (Alice Braga) und ihre an Leukämie erkrankte Tochter sollen mit.

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"Elysium": Die Ausbeuter flüchten ins All
Doch der Trip hat einen hohen Preis: Max, im Metallkorsett zum Cyborg umoperiert, soll den Armadyne-Boss Carlyle (roboterhaft: William Fichtner) entführen und aus dessen Hirn geheime Pläne abzapfen. Natürlich geht etwas schief, und Max, zunächst nur auf sein persönliches Glück fixiert, gerät in eine politische Intrige der menschenverachtenden Verteidigungsministerin von Elysium (Jodie Foster) und wird unfreiwillig zur proletarischen Kampfmaschine, zum Klassenkämpfer, der für die Befreiung der Armen sein Leben riskiert.

Kaum versteckte Referenzen an Science-Fiction-Klassiker wie "Total Recall", "Terminator" oder "Johnny Mnemonic" sind hier Programm, auch "Mad Max", "The Matrix" oder "Blade Runner" zitiert Blomkamp mit ebenso viel Ironie wie Hingabe. Der Zuschauer findet sich so schnell in der Zukunftswelt von "Elysium" zurecht. Gleichzeitig, und das hebt den ersten Hollywood-Film des aus Südafrika stammenden "District 9"-Regisseurs aus der Masse aktueller Blockbuster hervor, erschafft Blomkamp eine ästhetisch originelle und beunruhigend glaubwürdige Vision der Zukunft. Als Modell für die Elysium-Station diente der sogenannte Stanford-Torus, ein Weltall-Habitat, das die Nasa in den Siebzigern von kalifornischen Wissenschaftlern entwerfen ließ - mit dem Plan, es möglicherweise tatsächlich zu bauen.

Linker Sommer-Blockbuster

Schon damals beschäftigten sich dystopische Filme wie "Soylent Green" oder "Lautlos im Weltall" mit Umweltverschmutzung, Ressourcenverknappung, Überbevölkerung oder der dubiosen Macht weltumspannender Konzerne. "Elysium", wiewohl rasant und schauwertig wie ein moderner Action-Thriller, folgt dieser Tradition des mahnend-aufklärerischen Zukunftskinos: Hier ist die Kluft zwischen Arm und Reich bereits so weit und unüberbrückbar wie ein Trip durchs Weltall geworden. Das macht "Elysium" zum linksliberalsten Sommer-Blockbuster der Saison - und etabliert den erst 33-jährigen Regisseur neben dem Briten Christopher Nolan als einen der wenigen Autorenfilmer des aktuellen Action-Kinos. "Ich will diesen Adrenalin-Aspekt des Filmemachens, aber ich will auch, dass es mehr ist als nur Dinge in die Luft zu jagen", sagte Blomkamp "Entertainment Weekly".

Schon in seinem selbstgeschriebenen Erstlingsfilm "District 9" verstand es Blomkamp, cool choreografierte Action und aufsehenerregende Tricktechnik elegant mit politischer Agenda zu vermengen. Der für 30 Millionen Dollar in Südafrika produzierte Alien-Thriller, gleichzeitig ein ätzender Kommentar auf moderne Rassen- und Klassenkonflikte, setzte international mehr als 200 Millionen Dollar um und brachte eine Oscar-Nominierung ein. Ähnlich wie Nolan, der den Erfolg seines "Dark Knight" nutzte, um seinen originell vertrackten "Inception" zu drehen, erhielt Blomkamp von Sony Pictures eine carte blanche: Es kommt nicht oft vor, dass Regisseure mit einem Budget von mehr als 100 Millionen Dollar machen können, was sie wollen.

Blomkamps Risiko: Das subversive, von ihm selbst verfasste und co-produzierte Spektakel ist weder Sequel, noch Franchise oder Animationsfilm, soll aber dennoch einen Haufen Geld verdienen. Eine schwierige Aufgabe in einer Saison, in der selbst Top-Stars wie Will Smith ("After Earth") oder Johnny Depp ("The Lone Ranger") floppen. Doch der in Kanada aufgewachsene Südafrikaner hat verstanden, dass Kinomärkte wie Russland, Südamerika oder Asien längst wichtiger sind als das US-Publikum. Sein Action-Kino hat globalen Anspruch, das zeigt sich schon in der Besetzung: Mit Matt Damon und Jodie Foster spielen zwei smarte (und bekennend linke) US-Schauspieler der A-Liga mit, Schlüsselrollen besetzte Blomkamp jedoch mit den brasilianischen Superstars Wagner Moura (als Schleuser-Boss Spider) und Alice Braga sowie dem in seiner Heimat Mexiko populären Diego Luna (als Max' Kumpel Julio) - ein global attraktiver Cast.

Auch "District 9"-Hauptdarsteller Sharlto Copley, langjähriger Freund und Weggefährte Blomkamps, ist wieder dabei: Der Südafrikaner hat als brutaler Gegenspieler von Max einen fulminanten Auftritt und sorgt (im Original) mit kaum verständlichem Dialekt-Kauderwelsch für wohltuende Lacher im ernsten, aber nie didaktischen Plot.

Der entfaltet auf der Leinwand eine solche Wucht, dass man dem Film besonders im actionreichen Finale gerne einige Logik-Fehler und Story-Löcher verzeiht: Viel zu selten sieht man zurzeit so leidenschaftlich inszeniertes Zukunftskino. Dabei, sagt Blomkamp, sei "Elysium" gar keine Science-Fiction: "This is today. This is now."

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insgesamt 39 Beiträge
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1. kino
doppelpost123 12.08.2013
Zitat von sysopSony PicturesDie Erde? Ein Slum. Die Reichen? Haben sich in einer Luxus-Raumstation verbarrikadiert. Der Science-Fiction-Thriller "Elysium" erzählt vom zukünftigen Kampf zwischen Arm und Reich. "District 9"-Regisseur Neill Blomkamp bringt damit den smartesten und subversivsten Sommer-Blockbuster ins Kino. http://www.spiegel.de/kultur/kino/science-fiction-thriller-elysium-matt-damon-als-klassenkaempfer-a-914338.html
Werde wegen diesem Film seit langem mal wieder ins Kino gehen. Die Story hört sich ganz interessant an, Schauspieler sind gut und die Viehcher in District 9 haben mir schon gut gefallen. Ein Film, bei dem ein Kinobesuch hoffentlich den Eintritt rechtfertigt im Vergleich zum Warten auf die DVD oder TV-Ausstrahlung.
2.
DrStrang3love 12.08.2013
Definitiv der von mir am sehnlichsten erwartete Film des Jahres. Intelligente Science Fiction, die über pures Effektgewitter hinausgeht, ist leider sehr selten geworden. Und Blomkamp hat mit District 9 schon eindeutig bewiesen, dass er gute, gesellschaftskritische Science Fiction kann, die trotzdem nicht billig aussieht.
3. Unheimlich gute Augen
Hombremoya 12.08.2013
Ich mochte District 9 sehr, aber wenn er es schafft von Mexico City bis zur amerikanischen Grenze die Black Hawks zu sehen, dann sollte er statt als Filmemacher lieber im Wanderzirkus oder bei der NSA arbeiten.
4. optional
conr0y 12.08.2013
Leider haben solche dystopischen Filme den Nachteil, bestimmte Gruppen auf dumme Ideen zu bringen. Ich erinnere nur mal kurz an "Der Staatsfeind Nr. 1" mit Will Smith oder "Minority Report" mit Tom Cruise und selbst die "Matrix" ist gar nicht mal mehr sooo unrealistisch. Dennoch zolle ich natürlich dem Regisseur, Damon, Foster und allen Beteiligten großen Respekt. Alles, was nur halbwegs "links" ist, ist heute, in Zeiten der Becks, O'Reillys, Sarrazins, Poseners und Herzingers, gegen den Zeitgeist und birgt durchaus nicht nur finanzielle Risiken.
5. Erstaunlich
suppenkoch 12.08.2013
Der Mann muss extrem gute Augen haben - von Mexico City ist der allernächste Grenzpunkt zu den USA rund 900 Kilometer entfernt. Vielleicht hat er Hubschrauber am Himmel gesehen, aber die kamen bestimmt nicht von der Grenze. Aber so klingt das natürlich interessanter, weil es zu seinem Film passt.
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Elysium

USA 2013

Regie: Neill Blomkamp

Buch: Neill Blomkamp

Darsteller: Matt Damon, Jodie Foster, Alice Braga, Wagner Moura, Sharlto Copley, William Fichtner, Diego Luna

Produktion: Tristar Pictures, QED International, Sony Pictures

Verleih: Sony

Länge: 110 Minuten

Start: 15. August 2013



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