Es beginnt mit einem Blick zurück: Jack Harper (Tom Cruise) träumt von einer rätselhaften Frau, von den Straßenschluchten New Yorks, von einem Ausflug auf die Aussichtsterrasse des Empire State Building. Und er erzählt von einem furchtbaren Krieg gegen Außerirdische, von der Zerstörung der Erde trotz des Sieges über die Aliens und von der Flucht der Menschen auf den Saturnmond Titan - und erwähnt nebenbei, dass die letzten fünf Jahre aus seinem Gedächtnis gelöscht wurden. Ist halt Vorschrift.
Wie plump es ist, einen solchen Hintergrund einfach im Monolog herunterleiern zu lassen, lernen Drehbuchstudenten schon im ersten Semester - es sei denn natürlich, man will falsche Fährten damit legen. Davon sollte man bei Joseph Kosinski ("Tron: Legacy") ausgehen, der mit "Oblivion" den Stoff seiner eigenen Graphic Novel in der noch selten verwendeten und außergewöhnlich hohen 4K-Auflösung verfilmt hat.
Beiden Kunstformen - Kino und Comic - ist ja gemein, dass sie das Zeigen und das Erzählen in sich vereinen. Vor allem der Film hat immer noch gegen das Vorurteil zu kämpfen, dies lasse sich in der Analyse sauber voneinander trennen. Schuld daran sind womöglich gerade Filme wie "Oblivion", denen man allzu genau ansieht, wann sie uns zum Staunen bringen wollen. Und denen umgekehrt genau dann die Puste ausgeht, wenn sie versuchen, uns hinters Licht zu führen und uns durch die Wendungen eines verschlungenen Plots zu zwingen.
Unter uns die Wüste
Kaum, dass dieser Jack Harper die offizielle Version der Menschheits- und Erdengeschichte für das Publikum referiert und gleichzeitig heftige Zweifel daran erweckt hat, muss er sich seiner Gegenwart im Jahre 2077 stellen - und die ist in derart bombastischen Kontrasten gestaltet, dass einem erst einmal der Atem stockt. Harper und die Kommunikationsoffizierin Vika (Andrea Riseborough, "W.E.") residieren hoch über dem Boden in einer faszinierend glitzernden Mischung aus Penthouse und hochtechnisierter Einsatzzentrale. Sie geben sich dem Liebesspiel in einem scheinbar frei schwebenden Pool hin, über ihnen der Sternenhimmel, unter ihnen die braune Wüste einer untergegangenen Welt.
Paranoides Brimborium
In diese Einöde stürzt eines Tages ein Raumschiff, an Bord die menschliche Besatzung im Kälteschlaf. Doch die Drohnen, die eigentlich geschaffen wurden, um Menschen zu schützen, löschen alle Überlebenden aus - nur eine kann Harper im letzten Moment retten: Julia (Olga Kurylenko), die Frau aus seinen Träumen. Und nachdem lange schon zu ahnen war, dass auf Erden und im All nichts ist, wie es scheint, machen Harper und Julia sich daran, die Wahrheit herauszufinden.
Wollte man der falschen Trennung zwischen Erzählen und Zeigen folgen, könnte man hier sagen: Kosinski wendet sich ein wenig ab vom Zeigen und wieder ein wenig hin zum Erzählen. Die stückchenweise Enthüllung allerdings gerät, gemessen an dem verschwörungsparanoiden Brimborium, das Kosinski darum macht, nur teilweise originell oder gar überraschend.
Die besten Zukunftsphantasien verraten uns ja etwas über unsere Gegenwart. Und mit der Dialektik von aseptischem Glanz und tiefem, dreckigen Elend, die das Genre ungefähr seit "Metropolis" nicht mehr loslässt, hatte Kosinski einen schönen Auftakt gemacht. Denn die Glitzerfassaden all dieser zukünftigen Welten sind zumeist erkauft durch blanke Gewalt und Unterdrückung, sie verbergen die Machtgier, die irrationalen Ängste und die Korruption, die ganz und gar heutig sind.
Was in "Oblivion" am Ende davon übrigbleibt, ist immerhin eine beängstigende Version von Drohnen als automatisierte Tötungsmaschinen - und ein verblüffendes Beispiel moderner Überwältigungsästhetik.
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