Science-Fiction-Thriller "Oblivion": Erde, du altes Wrack

Von Tim Slagman

Blauer Planet? Kannste vergessen. In dem optisch überwältigenden Science-Fiction-Thriller "Oblivion" spielt Tom Cruise einen der letzten Bewohner der Erde, die durch einen Krieg mit Aliens in eine Wüste verwandelt wurde - so jedenfalls die offizielle Version. Plötzlich kommen ihm Zweifel.

Es beginnt mit einem Blick zurück: Jack Harper (Tom Cruise) träumt von einer rätselhaften Frau, von den Straßenschluchten New Yorks, von einem Ausflug auf die Aussichtsterrasse des Empire State Building. Und er erzählt von einem furchtbaren Krieg gegen Außerirdische, von der Zerstörung der Erde trotz des Sieges über die Aliens und von der Flucht der Menschen auf den Saturnmond Titan - und erwähnt nebenbei, dass die letzten fünf Jahre aus seinem Gedächtnis gelöscht wurden. Ist halt Vorschrift.

Wie plump es ist, einen solchen Hintergrund einfach im Monolog herunterleiern zu lassen, lernen Drehbuchstudenten schon im ersten Semester - es sei denn natürlich, man will falsche Fährten damit legen. Davon sollte man bei Joseph Kosinski ("Tron: Legacy") ausgehen, der mit "Oblivion" den Stoff seiner eigenen Graphic Novel in der noch selten verwendeten und außergewöhnlich hohen 4K-Auflösung verfilmt hat.

Beiden Kunstformen - Kino und Comic - ist ja gemein, dass sie das Zeigen und das Erzählen in sich vereinen. Vor allem der Film hat immer noch gegen das Vorurteil zu kämpfen, dies lasse sich in der Analyse sauber voneinander trennen. Schuld daran sind womöglich gerade Filme wie "Oblivion", denen man allzu genau ansieht, wann sie uns zum Staunen bringen wollen. Und denen umgekehrt genau dann die Puste ausgeht, wenn sie versuchen, uns hinters Licht zu führen und uns durch die Wendungen eines verschlungenen Plots zu zwingen.

Unter uns die Wüste

Kaum, dass dieser Jack Harper die offizielle Version der Menschheits- und Erdengeschichte für das Publikum referiert und gleichzeitig heftige Zweifel daran erweckt hat, muss er sich seiner Gegenwart im Jahre 2077 stellen - und die ist in derart bombastischen Kontrasten gestaltet, dass einem erst einmal der Atem stockt. Harper und die Kommunikationsoffizierin Vika (Andrea Riseborough, "W.E.") residieren hoch über dem Boden in einer faszinierend glitzernden Mischung aus Penthouse und hochtechnisierter Einsatzzentrale. Sie geben sich dem Liebesspiel in einem scheinbar frei schwebenden Pool hin, über ihnen der Sternenhimmel, unter ihnen die braune Wüste einer untergegangenen Welt.

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Science-Fiction-Thriller "Oblivion": Das Blaue vom Himmel gelogen
Dort sollen die beiden letzte Wartungsarbeiten erledigen, bis auch sie über eine gigantische Raumstation im Orbit zur neuen Heimat Titan gelangen. Monströse Wasserkraftwerke liefern der Menschheit noch immer die Energie der Erde, und fliegende Drohnen beschützen diese Stahlgiganten vor ein paar marodierenden Außerirdischen. Es ist eine Welt, in der alles riesenhaft erscheint: Raumstation, Kraftwerke, Penthouse und nicht zuletzt die scheinbar unendliche Weite aus Sand, Staub und Trümmern.

Paranoides Brimborium

In diese Einöde stürzt eines Tages ein Raumschiff, an Bord die menschliche Besatzung im Kälteschlaf. Doch die Drohnen, die eigentlich geschaffen wurden, um Menschen zu schützen, löschen alle Überlebenden aus - nur eine kann Harper im letzten Moment retten: Julia (Olga Kurylenko), die Frau aus seinen Träumen. Und nachdem lange schon zu ahnen war, dass auf Erden und im All nichts ist, wie es scheint, machen Harper und Julia sich daran, die Wahrheit herauszufinden.

Wollte man der falschen Trennung zwischen Erzählen und Zeigen folgen, könnte man hier sagen: Kosinski wendet sich ein wenig ab vom Zeigen und wieder ein wenig hin zum Erzählen. Die stückchenweise Enthüllung allerdings gerät, gemessen an dem verschwörungsparanoiden Brimborium, das Kosinski darum macht, nur teilweise originell oder gar überraschend.

Die besten Zukunftsphantasien verraten uns ja etwas über unsere Gegenwart. Und mit der Dialektik von aseptischem Glanz und tiefem, dreckigen Elend, die das Genre ungefähr seit "Metropolis" nicht mehr loslässt, hatte Kosinski einen schönen Auftakt gemacht. Denn die Glitzerfassaden all dieser zukünftigen Welten sind zumeist erkauft durch blanke Gewalt und Unterdrückung, sie verbergen die Machtgier, die irrationalen Ängste und die Korruption, die ganz und gar heutig sind.

Was in "Oblivion" am Ende davon übrigbleibt, ist immerhin eine beängstigende Version von Drohnen als automatisierte Tötungsmaschinen - und ein verblüffendes Beispiel moderner Überwältigungsästhetik.

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1. Screamers lässt grüßen...
spon-facebook-10000015195 11.04.2013
Die Geschichte erinnert mich stark an "Screamers". Ich denke, die Story hier läuft aufs gleiche raus. Visuell sicher schön anzusehen, aber handlungstechnisch sicher nur mittelmäßiges Popcorn-Kino.
2. Oder Prometheus..
ichbineinschaf 11.04.2013
..oder auch Avatar, mit denen ich Oblivion eher vergleichen würde. Beeindruckende Bilder, auf die man sich konzentrieren sollte, damit einem die abwechselnd einfältige, hanebüchene und / oder inkonsistente story nicht den Spass verdirbt.
3. Interessante Dystopie, vieles ist aber "geliehen".
bretthoven 11.04.2013
(Dieser Kommentar enthält möglicherweise Spoiler.) Der Film ist meiner Meinung nach ein Flickwerk aus verschiedenen Motiven die es alle schon gab. Um ihn sich im Kino (allein schon wegen der sehenswerten Optik) anzuschauen taugt er trotzdem allemal. Was gefällt, ist die düstere Endzeit-Atmosphäre und die recht ansprechende Mischung von Romantik und Nachdenklichkeit, die den Film sehr stark prägt. Obwohl die Story stellenweise an die Langatmigkeit grenzt, gibt es immer wieder durch und durch überzeugende Actionszenen die einem im Kinosessel zusammenzucken lassen. Was nicht so überzeugt ist eine gewisse Oberflächlichkeit. Woher kommen die "Außerirdischen" und was ist eigentlich mit dem Mond passiert (und warum?), wie genau gestaltet sich das Leben der Plünderer? Wie kommt es eigentlich dass Tom Cruise völlig unentdeckt eine Hütte bauen konnte (inklusive Stromanschluss) wo doch alles so genau kontrolliert wird? Und warum gibt es nur genau eine Sorte Drohnen, die unglaublich tödlich aber auch unglaublich wartungsintensiv ist? Diese Fragen bleiben unbeantwortet, oder werden höchstens gestreift. Ein bisschen mehr hätte man schon draus machen können. Fazit: ein spektakulärer Film mit Löchern in der Story. Etwas ähnlich, optisch wie vom Erzähltyp, aber mit besserer Story, ist der film "The Island".
4.
gutgemeint 11.04.2013
würde mich sicherlich reizen den film im Kino zu schauen... aber scientology unterstützen?!
5. Blödsinn
Stelzi 11.04.2013
Zitat von spon-facebook-10000015195Die Geschichte erinnert mich stark an "Screamers". Ich denke, die Story hier läuft aufs gleiche raus. Visuell sicher schön anzusehen, aber handlungstechnisch sicher nur mittelmäßiges Popcorn-Kino.
Wie kommst du denn auf den Blödsinn? Aber egal. Aus deiner abstrusen Ansicht dann aber gleich auf die Qualität der Story zu schliessen - wohlgemerkt ohne den Film gesehen zu haben - ist wahrhaftig abenteuerlich. Aber Hauptsache auch mal was gesagt, gelle?
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Oblivion

USA 2013

Regie: Joseph Kosinksi

Buch: Joseph Kosinski, Karl Gajdusek, Michael Arndt nach einer Graphic Novel von Joseph Kosinski und Arvid Nelson

Darsteller: Tom Cruise, Morgan Freeman, Olga Kurylenko, Andrea Riseborough, Melissa Leo, Zoe Bell

Produktion: Chemin Entertainment, Ironhead Studios, Radical Pictures et al.

Verleih: Universal

Länge: 126 Minuten

FSK: ab 12 Jahren

Start: 11. April 2013