Über die Geschichte der Filmmusik König der Töne

"King Kong" gab den Takt vor: Mit seinem Dokumentarfilm "Score" taucht Matt Schrader tief in die Geschichte der Filmmusik ein. Ein wichtiges Denkmal für ein wichtiges Gewerk, wenn auch nicht ohne Schwächen.


Eine Trompete mit einem Dämpfer, die wie höhnisches Lachen ertönt. Ein Xylophon, dessen Klangstäbe beim Treppensteigen bei jeder Stufe einzeln angeschlagen werden: Glücklicherweise ist die Filmmusik nicht beim sogenannten "Mickey Mousing" stehengeblieben, das die Handlung im Film mit überdeutlichen Musikeinsätzen begleitet und erklärt.

Moderne Filmkomponisten, so zeigt es Matt Schraber in seinem Dokumentarfilm "Score - Eine Geschichte der Filmmusik", schreiben stattdessen Motive, die ihre Helden - ob Darth Vader, Cinderella oder den Weißen Hai - charakterisieren. Sie setzen Musik ein, um emotionale Entwicklungen und Zustände zu verdeutlichen, oder um Spannung zu erzeugen.

Gemeinsam mit dem Endprodukt Film entwickeln sich manche der "Scores", also der für den Film geschriebenen, oft orchestralen Kompositionen (im Gegensatz zum Soundtrack, der aus eingekauften Songs besteht) zu ikonischen Melodien, die von Fans und Nerds gleichermaßen geliebt und über den Film hinaus gesummt werden.

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"Score - Eine Geschichte der Filmmusik": Was Darth Vader und der Weiße Hai gemein haben

Dennoch schaffen es Scores selten in die Populärmusik - Busta Rhymes, der in "Gimme Some More" 1998 eine Melodie sampelte, die Bernhard Hermann für die Eröffnungssequenz von "Psycho" schrieb, ist eine Ausnahme.

Die eindrückliche Dusch-Szene aus "Psycho", in der eine komplexe Anordnung aus 50, teilweise wahnsinnig schnell folgenden Schnitten gemeinsam mit den kreischenden Streichinstrumenten den Mord an Janet Leighs Charakter an die Spitze aller bis dato gesehenen Schock-Effekte katapultierte, wird in "Score - Eine Geschichte der Filmmusik" selbstverständlich thematisiert.

Es sind vor allem die großen Namen der Branche wie John Williams, Danny Elfman, Hans Zimmer oder Howard Shore, die der Journalist und Dokumentarfilmer Matt Schrader versammelt hat. Sein Film überzeugt durch seine Umfänglichkeit, die alle legendären Filmscores zwischen "King Kong" (Max Steiner), "Star Wars" (John Williams) und "Herr der Ringe" (Shore) berücksichtigt und die dementsprechenden Talking Heads, es sind mehr als 60, davon berichten lässt.

"King Kong" macht den Anfang

Schrader ist in seiner Hommage an den Score bei Aufnahmen im Studio dabei, er lässt eine Psychologin den Einfluss von Musik auf die Psyche erklären, befragt Produzenten und Regisseure und versucht sich in Filmgeschichte: Max Steiners Kompositionen für den 1932 entstandenen Horrorfilm "King Kong", erklärt Schrader, war einer der ersten Tonfilme mit großangelegtem orchestralem Score und hängte die Latte bereits enorm hoch.


"Score - Eine Geschichte der Filmmusik"
USA 2017

Buch und Regie: Matt Schrader
Beteiligte: Harry Gregson-Williams, Hans Zimmer, Danny Elfman, Quincy Jones, Rachel Portman
Produktion: Epicleff Media
Verleih: NFP
FSK: ab 12 Jahren
Länge: 93 Minuten
Start: 4. Januar 2018


Doch so umfangreich ist seitdem das Repertoire an Musik und Kreativen geworden, dass der Regisseur es selbst kaum zu fassen vermag: Trotz der soliden Recherchearbeit und der vielen faszinierenden Zitate, Anekdoten und Hör- und Sehbeispielen fehlt dem klassisch strukturierten Dokumentarfilm eine eigene Herangehensweise oder ein ungewöhnlicher Ansatz, etwa die Frage danach, woran es liegt und was daraus folgt, dass sich unter Schraders vielen Interviewpartnern mit Rachel Portman genau eine Frau befindet - und der konnte oder wollte Schrader kaum Interessantes entlocken.

Interessant, aber wahrscheinlich für den US-Amerikaner Schrader weniger von Bedeutung, wäre auch ein Vergleich zwischen dem US-amerikanischen und dem europäischen Umgang mit Filmmusik und -musikern: Schrader kapriziert sich in seiner Fleißarbeit fast ausschließlich auf den Blockbuster- und Hollywood-Bereich, und lässt faszinierende Ideen wie die ungewöhnlichen, nichtorchestralen Scores vom Radiohead-Gitarristen Jonny Greenwood für u.a. die Paul Thomas Anderson-Filme "There Will Be Blood" und "The Master", Clint Mansells "High-Rise"-Untermalung oder minimale elektronische Soundtracks außen vor.

Kann man von Filmmusik leben?

Immerhin hat er mit Tom Holkenborg alias Junkie XL, der für "Mad Max - Fury Road" 2015 einen irren Gitarristen mit entsprechendem Sound vor einen Truck spannte, einen vor Ideen sprühenden Außenseiter der Szene befragt, und lässt auch den Nine Inch Nails-Bandleader und mittlerweile sehr gefragten Score-Komponisten Trent Reznor (u.a. Oscar für "The Social Network") zu Wort kommen.

Was hinter den Kulissen passiert, wie die Gewerkschaften in den USA im Gegensatz zu Europa aufgestellt sind, oder wie gut, schlecht oder medioker man von der Filmmusik leben konnte und kann, das wird ebenfalls nur angedeutet. Man werde generell zu spät dazu gebeten, davon singen sämtliche Interviewpartner im Film kollektiv ein Lied - wie spät, und wie katastrophal zuweilen die Arbeitsbedingungen auch für die angeschlossenen Berufe der Orchestratoren, Arrangeure und Kopisten sind, das passte nicht (mehr) in den so schon übervollen Film.

"Score - Eine Geschichte der Filmmusik" ist dennoch ein enorm wichtiges Denkmal für ein ebensolches Gewerk, von dem so manche Filmzuschauer skandalöserweise behaupten, sie würden es kaum wahrnehmen. Dabei sind sie in solchen Fällen meist längst manipuliert worden. Weil ihre Augen nämlich ohne Musik trocken geblieben wären.


Im Video: Der Trailer zu "Score - Eine Geschichte der Filmmusik"

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
christian simons 05.01.2018
1.
Abgesehen von einer Handvoll positiver Ausnahmen (zB Alexandre Desplat, Patrick Doyle) ist die Kunst der symphonisch, orchestralen Filmmusik derzeit auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Der Hauptschuldige daran ist kein Geringerer als unser allgegenwärtiger Hans Zimmer. Zu diesem traurigen Thema sollte sich der interessierte Leser die beiden folgenden Polemiken zu Gemüte führen. https://www.moviepilot.de/news/hans-zimmer-und-das-ende-der-filmmusik-116922 http://blogs.nmz.de/badblog/2013/07/01/ich-hasse-hans-zimmer-eine-tirade/
Karbonator 06.01.2018
2.
Zitat von christian simonsAbgesehen von einer Handvoll positiver Ausnahmen (zB Alexandre Desplat, Patrick Doyle) ist die Kunst der symphonisch, orchestralen Filmmusik derzeit auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Der Hauptschuldige daran ist kein Geringerer als unser allgegenwärtiger Hans Zimmer. Zu diesem traurigen Thema sollte sich der interessierte Leser die beiden folgenden Polemiken zu Gemüte führen. https://www.moviepilot.de/news/hans-zimmer-und-das-ende-der-filmmusik-116922 http://blogs.nmz.de/badblog/2013/07/01/ich-hasse-hans-zimmer-eine-tirade/
So leicht und en vogue es ist, Hans Zimmers Arbeit nicht zu mögen - und für mich ist die Musik von Blade Runner 2049 der Hauptgrund, warum mir der Film nicht gefiel -, so begeisternde Musik ist er auch zu erschaffen imstande. Die Karibik-Trilogie, Inception und - sein Meisterwerk - Interstellar wären hier z.B. zu nennen. Und etliche andere gute Werke. Klar: Er macht viel zu viel und vieles davon ist Durchschnitt, generisch, austauschbar. Aber wer viel macht, macht halt auch viel falsch - wenn er nicht gerade ein Genie ist -, aber ab und an halt auch was richtig. :)
hans-jürgen74 06.01.2018
3.
- einer der auch gerne übersehen wird ist Dennis Mc Carthy. Sein Werk für Star-Trek 7 Treffen der Generationen war perfekt komponiert und passte zu dem sonstigen Setting des Films (Licht, Deko), treibt mir immer noch eine Träne ins Auge... Ach ja, und Mc. Gayver :-)
polkupyöränilmapumppu 06.01.2018
4. Für ein Handvoll Krach
Zitat von christian simonsAbgesehen von einer Handvoll positiver Ausnahmen (zB Alexandre Desplat, Patrick Doyle) ist die Kunst der symphonisch, orchestralen Filmmusik derzeit auf einem absoluten Tiefpunkt angelangt. Der Hauptschuldige daran ist kein Geringerer als unser allgegenwärtiger Hans Zimmer. Zu diesem traurigen Thema sollte sich der interessierte Leser die beiden folgenden Polemiken zu Gemüte führen. https://www.moviepilot.de/news/hans-zimmer-und-das-ende-der-filmmusik-116922 http://blogs.nmz.de/badblog/2013/07/01/ich-hasse-hans-zimmer-eine-tirade/
Dem kann ich nur zustimmen. Zudem ist das musikalische Getöse sehr nervtötend und recht langweilig. Cliff Martinez vermag mit seiner elektronischen Musik etwas frischen Wind zu bringen. Allerdings ist seine Präsenz schon wieder inflationär und bringt auch nur noch Gähnen hervor.
jpphdec 06.01.2018
5. Filmmusik schafft es selten in die Populärmusik?
Und dann ein Sample als Beispiel? Da fallen mir aber eine Menge anderer Beispiele ein, man denke nur an: https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_James-Bond-Titellieder#Titellieder_offizieller_Bond-Filme (Die Chartplatzierungen stehen dabei) und für wen bspw. der komplette Pulp Fiction Soundtrack keine Partykultscheibe ist, der ist entweder ziemlich jung oder schon tot. Ok, bei letzterem handelt es sich um außerhalb des Films produzierte Musik die ihren Weg in den Film gefunden hat. Bei den James Bond Themes ist gerade das aber nicht der Fall, die wurden immer extra für den Film gemacht, dito bei Harold Faltermeyers Axel F, diversen Soundtracks von Klaus Doldinger und/oder Giorgio Moroder, und und und...
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