"The Wolf of Wall Street" von Martin Scorsese Der Ballermann-Börsianer

Er schnupft Kokainberge weg, stapelt Dollarhaufen, und dazu marschiert gerne mal eine nackte Gespielin durchs Bild - in der Finanzsatire "The Wolf of Wall Street" feiert Leonardo DiCaprio als amoralischer Broker ein rauschendes Fest. Nur eines fehlt: Kritik am System.

Universal

Die Drogen wirken doch, nur diesmal nicht so wie erhofft. Als hätte ihn eine unsichtbare Axt gefällt, kippt Jordan Belfort (Leonardo DiCaprio) während eines Telefonats unvermittelt um. Schaum vorm Mund, unfähig zu sprechen, unfähig zu gehen, robbt sich der millionenschwere Aktienhändler durch das Foyer eines Country Clubs in Richtung Ausgang. Draußen angekommen, kugelt er die Treppe hinab zu seinem Ferrari, hievt sich hinters Steuer und lenkt das Fahrzeug irgendwie nach Hause.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 3/2014
Warum Computerspiele besser sind als ihr Ruf

Diesen Moment hilfloser, kafkaesker Verwandlung, in dem sein Körper ganz tragisches Monster, ein Samsa-Insekt ohne motorische Kontrolle ist, kommentiert DiCaprios Erzählstimme aus dem Off mit mokanter Unbekümmertheit. Der absurde Trip steigert sich noch; als Belfort in sein Luxusheim kriecht, erwartet ihn sein ebenfalls berauschter Geschäftspartner Donnie Azoff (Jonah Hill). Das Aufeinanderprallen der Männer gipfelt in einer bizarren Reanimationsmaßnahme, vielleicht die denkwürdigste fiktive Wiederbelebung seit der Adrenalinspritze für Uma Thurman in "Pulp Fiction".

Als perfekte Synthese aus bösem Slapstick und entgrenztem Darstellereinsatz ragt diese Sequenz aus Martin Scorseses "The Wolf of Wall Street" heraus und illustriert doch alles, was an der Verfilmung von Jordan Belforts gleichnamigem Buch erst fasziniert, alsbald irritiert und dann zunehmend nervt. Denn die Lebensbeichte des verurteilten Spekulanten Belfort, der bis zu seiner Festnahme mit Ramschpapieren und Kursmanipulationen ein Vermögen machte und verprasste, dient Scorsese als dünne Erzählgrundlage.

Dem Film fehlt es an Substanz

Über drei Stunden hinweg zelebriert sein Film die Perversion der männlichen Antihelden, ihre vulgäre Rhetorik, Kopulationsathletik und Bezwingung von Kokainbergen. In Scorseses Manege darf der hedonistische Raubtierkapitalismus der späten Achtziger ungebändigt wüten, was seinen Schauspielern dankbare Szenen beschert. Und es sorgt verlässlich für Lacher im Publikum, wenn jede neue Ausschweifung die vorherige übertrifft.

Für die Bebilderung des Dauerrauschs kann sich Scorsese erneut auf Leonardo DiCaprio verlassen, der sich an der Spitze des prominenten Ensembles exaltiert wie nie zeigt. Eine furiose Leistung, die zu Recht mit einem Golden Globe honoriert wurde. Aber sie kaschiert den grundlegenden Mangel des Films nicht: Ganz gleich, wie viele Drogen auch zu sehen sind, es fehlt "The Wolf of Wall Street" an Substanz.

Fotostrecke

7  Bilder
Wall-Street-Gatsbys: Im Rausch der Milliarden
Vergeblich wartet man auf Zwischentöne im Gebrüll der Ballermann-Börsianer. Es gibt zwar Allgemeinplätze über Skrupellosigkeit und Willkür am Aktienmarkt, aber die Geschichte zeigt wenig Interesse für die Mechanismen, die den Aufstieg des charismatischen Belfort überhaupt ermöglichten.

Dessen gerade begonnene Karriere als junger, gutgläubiger Broker scheint mit dem Börsencrash am Schwarzen Montag 1987 beendet, doch dann entdeckt Belfort die Parallelwelt der "Boiler Rooms", in denen Telefonverkäufer wertlose Anteilspapiere mit fiktiven Gewinnprognosen an ihre ahnungslose Kundschaft bringen. Schnell erweist sich Belfort als Meister dieser Praxis und baut zusammen mit Azoff die Maklerfirma Stratton Oakmont auf. Ihr rasant wachsendes Personal ist ein Kabinett amoralischer Abenteurer, verbunden allein durch Gier.

Frauen treten meist entblößt auf

Die Party sprengen soll der FBI-Agent Patrick Denham (Kyle Chandler), der gegen Stratton Oakmont ermittelt. Als Antagonist bleibt er aber Beiwerk, ein Schicksal, das er mit den weiblichen Figuren teilt. Immerhin darf Denham seinen schlechtsitzenden Anzug anbehalten, während die Frauen sich zumeist entblößen. (Lesen Sie hier die Geschichte über das wahre Duell zwischen Belfort und dem FBI-Fahnder Gregory Coleman im aktuellen SPIEGEL).

Als übersteuerte Satire über sittenlose Finanzjongleure fällt es dem Film leicht, sich gegen den Vorwurf des Sexismus zu immunisieren, indem er die degradierenden Posen und eindimensionalen Frauenbilder einfach der verzerrten Sicht seiner Protagonisten zuweist. Dennoch hinterlassen die expliziten Tableaus einen Nachgeschmack; nur Margot Robbie, die Belforts zweite Ehefrau Naomi spielt, darf neben ihrem Körper auch so etwas wie eine eigene Stimme einbringen.

Was wenig nützt, denn das Drama ihrer Ehe rückt ebenso wie der Kriminalplot in den Hintergrund - die Bühne gehört ganz dem manischen Partyfeuerwerk von Belfort und Azoff. Sie sind das eigentliche romantische Paar in "The Wolf of Wall Street". DiCaprio und Hill geben der Beziehung ihrer Figuren jene dramatische Fallhöhe, die hier sonst fehlt. Sie stecken in Scorseses Versuch einer rabiat-komischen Kapitalismuskritik fest, die leider schmaler ausfällt als der Klappentext zu einem Roman von Bret Easton Ellis.

Scorseses Film ist keine Anklage aktueller Verhältnisse. Er vollführt die sentimentale Flucht in eine Ära, deren Verdorbenheit personalisiert und damit vergleichsweise menschlich und eher amüsant erscheint. Es ist die Sehnsucht nach Schafen im Wolfspelz, die laut heulen, aber nicht wehtun. Die finden sich heute wohl nur noch im Kino.

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
glen13 14.01.2014
1.
Zitat von sysopUniversalEr schnupft Kokainberge weg, stapelt Dollarhaufen, und dazu marschiert gerne mal eine nackte Gespielin durchs Bild - in der Finanzsatire "The Wolf of Wall Street" feiert Leonardo DiCaprio als amoralischer Broker ein rauschendes Fest. Nur eines fehlt: Kritik am System. http://www.spiegel.de/kultur/kino/scorsese-und-dicaprio-kritik-ueber-the-wolf-of-wall-street-a-943255.html
Tja Herr Kleingers, Sie hätten gerne eine Doku mit richtig viel Gesellschaftskritik, aber Scorsese wollte eine Satire auf die Börsenperversionen der 80er. Und jetzt sind Sie halt beleidigt. Aber ich denke, der Film wird ein Erfolg.
kurtliberal 14.01.2014
2. Kapitalismuskritik?
Das ist keine Kritik am Kapitalismus, sondern Kritik an Betrügern. Warum ist das so schwer zu verstehen, dass Betrug, Vetternwirtschaft und Korruption kein Teil der freien Marktwirtschaft sind, sondern das genaue Gegenteil. Freie Marktwirtschaft ist der freie Handel. Wenn man jemandem Finanzprodukte mit exorbitanten Gewinnversprechen verkauft in dem Wissen dass diese in Wirklichkeit Ramsch sind, dann ist das schlicht Betrug.
Fackel01 14.01.2014
3. Gesellschaftskritik
kann auch durch eine Abfolge von Obzönitäten dargestellt werden. Und genau das hat Scorese gemacht. Die Perversion der Gier.
flateric 14.01.2014
4. Kritik fehlt?
Warum? Weil die heutigen Kinogänger zu dumm dafür sind, das Gezeigte kritisch zu hinterfragen und einzuordnen? Genau den selben nicht nachvollziehbaren Kritikpunkt gab es damals auch bei Full Metal Jacket. Kubrick hat den Wahnsinn des Krieges völlig nüchtern und urteilsfrei auf die Leinwand gebracht. Ohne Wertung ob gut oder schlecht. Die Beurteilung hat er den Zuschauern überlassen. Genauso wie es Scorsese jetzt gemacht hat. Dieses überzeichnete Bild vom arroganten Broker und der gesamten Wall Street spricht für sich selbst. Dafür brauch niemand eine kritische Botschaft.
herrkapitaen 14.01.2014
5. .
Der Film ist hervorragend. Wenn ich sowas höre wie "es fehlt an Kritik am System", "kritische Zwischentöne" so ein Blödsinn. Es wird dem Zuseher permanent vor Augen gehalten wie pervertiert die Hauptakteure durch ihre Dekadenz werden. Was stellt sich den der Author dieses Artikels vor? Soll das Bild stehen bleiben und Peter Lustig oder Pfarrer Fliege sagen: "Das ist nicht gut was diese Menschen machen!". Wenn jemand noch zwei funktionierende Hirnzellen hat, dann sieht er doch selbst was aus diesen Personen wird. Außerdem beginnt gleich der erste Satz des Artikels mit einem Fehler. Das ist kein Ferrari sondern ein Lamborghini. Erst hat er einen Ferrari, aber der scheint ihm nicht zu reichen, deßhalb kauft er sich ein noch häßlicheres aber teureres Auto -> einen Lamborghini! Erst denken, dann schreiben.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.