Sean Penns "In die Wildnis" American Naturbursche

Zurück zur Natur, sagte sich Chris McCandless und ging in den Weiten Amerikas auf die Suche nach der letzten Wahrheit. Mit "In die Wildnis" hat Sean Penn die wahre Geschichte des jungen Aussteigers bildmächtig und mit leiser Melancholie verfilmt.

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"Blumen sind das Lächeln der Erde", sagte einst Ralph Waldo Emerson, der große Dichter und Begründer des amerikanischen Transzendentalismus. Ihm zufolge liegt in der Natur der Weg zur Wahrheit der menschlichen Existenz, nur im engen Kontakt mit ihr könne man das Göttliche der Schöpfung begreifen und erfahren. Was aus heutiger Sicht etwas arg esoterisch klingt, ist in das Selbstverständnis der Amerikaner übergegangen wie keine andere moderne Philosophie. Die majestätischen Weiten und Wildheiten ihres Landes beflügelten Pioniere und Goldgräber ebenso wie Beat-Poeten und Hippies. Das Ziel: Größtmöglicher Individualismus, maximale Freiheit im Einklang mit der Natur, die durch Reinheit und Unschuld Ehrfurcht gebietet.

Man könnte Christopher McCandless einen verspäteten Hippie nennen, einen geistigen Erben Henry David Thoreaus, einen Schüler Emersons, der in "Walden" von seinem schlichten Leben am See erzählte. Oder man hält ihn für einen verzogenen Egoisten, der sich auf einen selbstmörderischen Überlebenstrip begibt. Der 22-jährige College-Absolvent kappte 1990 alle Verbindungen zu Familie und Zivilisation, um zwei Jahre auf Selbstsuche in den Weiten Amerikas zu gehen. Von seinem ultimativen Ziel, der rauen Wildnis Alaskas, kehrte er nie zurück. McCandless verhungerte. Ob er zu sich selbst und der Wahrheit über das Leben fand, ist ungewiss.

Das Schöne an Sean Penns Verfilmung dieser wahren Geschichte, die der Schriftsteller Jon Krakauer Mitte der Neunziger in einen Bestseller verwandelte, ist, dass offen bleibt, ob McCandless nun Spinner oder Erleuchteter war. Fakt ist, dass Mut dazu gehörte, am Ende der achtziger Jahre, als Geld, Macht und Karriere die definierenden Eckpunkte der Gesellschaft waren, die Bremse zu ziehen, inne zu halten, Kreditkarten zu zerschneiden und die von den Eltern angehäuften Ersparnisse an Oxfam zu spenden. McCandless hat keinen Masterplan, er lässt sich, bewaffnet nur mit ein paar Survival-Ratgebern, von seinem Instinkt leiten und lebt das Leben eines Drifters, schlägt sich durch von Süden nach Norden. Gesetzt ist nur die Endstation: Alaska, einst Eldorado der Goldgräber und letzte Zuflucht der Blumenkinder, ein wildes Naturreservoir, das der Eroberung durch die Zivilisation auch heute noch trotzt.

Sean Penn, der mit "In die Wildnis" seine vierte Regiearbeit vorlegt, macht sich über weite Strecken seines Films gemein mit seinem Protagonisten: So naiv wie dieser die Wunder der amerikanischen Weiten bestaunt, so ungebrochen lässt Penn, zuweilen auch als Kameramann am Werk, die Farben leuchten, die Berge thronen und die Wälder rauschen, als drehte er eine Dokumentation für den Discovery Channel. Es ist diese naturalistische Herangehensweise an das Sujet, die den Film zu etwas Besonderem macht und an die beherzten Experimente des Siebziger-Jahre-Kinos erinnert.

Überleben im Hippie-Bus

Als McCandless, im Film von Emile Hirsch verkörpert, hungrig mit der Flinte auf eine Elchkuh anlegt und dann doch zögert, weil er plötzlich eine archaische Verbindung zwischen Mensch und Tier spürt, denkt man an eine ähnlich intensive Szene in Michael Ciminos Vietnamkriegs-Meditation "The Deer Hunter". Und als er sich mit mehr Glück als Verstand per Kajak durch scheinbar unbezwingbare Stromschnellen manövriert, dann ist die Parallele zu John Boormans "Deliverance" von 1972 unübersehbar, das gleiche Thema haben die beiden Filme ohnehin.

Denn bei aller Naturverbundenheit - das Überleben allein und ohne Hilfe ist gar nicht so leicht. Die Erfahrung macht McCandless nicht nur, als er den doch noch erlegten Elch am Flussufer mit Moosmatte und improvisierter Räucherhütte konservieren will: Der blutige Kadaver wird schneller von Maden erobert, als der junge Outdoor-Fan seine Bücher zu Rate ziehen kann. In einer anderen Szene deutet er die Informationen im Überlebens-Guide falsch und isst Pflanzen, die ihn fast umbringen. Überhaupt hätte er wohl keine drei Tage in Alaskas Tundra überlebt, wäre er nicht auf einen aufgegebenen Hippie-Bus gestoßen, der wie ein grün-weiß lackiertes Mahnmal einer längst versunkenen Kultur aus den Gräsern ragt und ihm eine warme Pritsche und ein Dach über den Kopf bietet.

Das alles bewahrt ihn freilich nicht vor dem Tod. "In die Wildnis" bleibt trotz kraftstrotzender Bilder und erbaulicher Landschaftsfotografie und allen Elementen eines Abenteuerfilms letztlich eine Tragödie, deren Melancholie sich wie ein roter Faden durch den gesamten Film zieht. Es ist das junge Nachwuchstalent Hirsch ("Alpha Dog"), der sie sichtbar macht, indem er McCandless zugleich als spirituell aufgeladenen Sinnsucher und jugendlichen Springinsfeld zeigt. In seinem in die Ferne schweifenden Blick ist stets die fast schon verzweifelte Sehnsucht nach einer größeren Geborgenheit verankert, während der restliche Körper vor lauter Aufbruch und Energie zu vibrieren scheint.

Doch wer sich aufmacht, es mit der Natur aufzunehmen, muss auch damit rechnen, an soviel Hybris zu scheitern. Vielleicht gibt sich McCandless deshalb so seltsam distanziert, wenn er während seiner Reise mit anderen Menschen zusammentrifft. Hirsch markiert dieses Abgehobene mit wenigen Gesten und entrückter, fast vergeistigter Mimik, die seinem jungenhaften Gesicht viel verfrühte Weisheit verleiht. Es ist, als ahne er, dass seine Geschichte kein Happy End haben wird.

Darin liegt ein Märtyrer-Motiv, mit dem Regisseur Penn gerne herumspielt. Mal inszeniert er McCandless in Jesus-Pose, mal lässt er ihn agieren wie einen Heiligen, der sich in seinem Streben nach Höherem gegen weltliche Versuchungen immun fühlt. Als sich die blutjunge Sängerin Tracy (Kirsten Stewart) ihm als Gefährtin anbietet, gibt er sich so keusch wie ein Mönch. "Du bist doch nicht etwa Jesus", fragt ihn einmal der Althippie Rainey, einer seiner temporären Weggefährten. Es ist nur halb im Scherz gemeint.

Von Hollywood übergangen

Immer wieder muss der junge Draufgänger, der sich großkotzig den Spitznamen Alexander Supertramp gegeben hat, abwägen zwischen der Zuneigung, die ihm entgegengebracht wird, und seinem Drang nach Autarkie und Unabhängigkeit. Während seine eigenen Eltern sich zu Hause vor Sorge grämen, weil sie monatelang nichts von ihrem davongelaufenen Sohn gehört haben, überlegt sich Christopher, ob er sich von dem gutmütigen alten Ex-Militär Ron (Hal Holbrook) adoptieren lassen soll. Penn zeigt diese vordergründige Infamie als natürlichen Prozess des Suchens und Testens: Liegt das Heilsversprechen wirklich nur in der totalen Befreiung, im Lösen jeder Verbindung? Oder sind es am Ende doch Liebe und Zusammengehörigkeit, die mit der innersten Natur des Menschen untrennbar verbunden sind?

Sean Penn wäre nicht der Freigeist und große Unbequeme des amerikanischen Kinos, hätte er nicht eine politische Dimension in seinem Aussteiger-Drama implementiert: Treibt es Amerika zu weit mit seinem Streben nach größtmöglicher Freiheit und Autarkie, führt der Weg unweigerlich in die Sackgasse. Das lässt sich trefflich als Kritik auf den Unilateralismus der Bush-Regierung im Umgang mit Krieg und Klima ummünzen, wenn man denn will.

"In die Wildnis" ist ein ungewöhnlicher, aufregender, angenehm unangepasster Film, der zugleich jubelnde Hommage und kritische Reflexion uramerikanischer Werte sein will - und beides tatsächlich erreicht.

Das fand man in Hollywood wohl so irritierend, dass Penns Werk bei allen wichtigen Industrie-Nominierungen durchfiel. Einzig Hal Holbrook erhielt - hochverdient - eine Nebendarsteller-Nominierung für die Oscar-Verleihung. "Gehe nicht dahin, wohin der Pfad dich führt, sondern gehe stattdessen dahin, wo kein Pfad ist und hinterlasse eine Spur", ist ein weiteres Zitat von Emerson, das man Sean Penn als Trost zuwerfen könnte. Zusammen mit ein paar Blumen.



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