Kultur

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Seenotrettungsdrama "Styx"

An der moralischen Außengrenze

In "Styx" wird eine einsame Seglerin mit dem Dilemma der privaten Seenotrettung von Flüchtlingen konfrontiert. Ist das der richtige Film zur "Oder soll man es lassen?"-Debatte?

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Dienstag, 11.09.2018   15:09 Uhr

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"Styx" ist ein sprachloser Film. Zum einen, weil Regisseur und Co-Autor Wolfgang Fischer kaum Dialog vorsieht: Rike (Susanne Wolff), eine 40-jährige Ärztin aus Köln, die aus dem Stress der Rettungsstelle in den Urlaub nach Gibraltar fliegt, sticht von dort aus allein segelnd ins Mittelmeer.

Den Start dieser Reise zeigt der Film mit Sinn fürs große Bild (Kamera: Benedict Neuenfels): Im Vordergrund hockt auf einer Anhöhe ein für die britische Exklave charakteristischer Berberaffe, während im Hintergrund ein Flugzeug landet. Zu reden gibt es nicht viel: Die einsame Rike tauscht lediglich mit der Küstenwache Standortangaben aus: "Roger"/"Confirm".

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Sprachlos ist Fischers Kammerspiel auf hoher See aber auch, weil es für seine zentrale Plotidee keine Form findet. In einem Sturm gerät Rike in die Nähe eines leckgeschlagenen Schiffs mit lauter Menschen an Bord, die ihr Heil in lebensgefährlicher Flucht nach Europa suchen. Die Kommunikation mit der Küstenwache führt hier in eine Sackgasse - die Kavallerie kommt einfach nicht. Sie darf nicht, soll nicht, will nicht.

In Richtung von Rikes Boot rettet sich der Junge Kingsley (Gedion Oduor Wekesa), der medizinischer Erstversorgung bedarf. Mit ihm entspinnt sich der eine oder andere Konflikt: Einmal schubst Kingsley Rike vom Boot und wirft den Motor an, noch ehe die Ärztin sich wieder an Deck gerettet hat. Ein existenzieller, symbolischer Moment, den die im Meer treibende Frau aber ohne Panik realisiert - als ob sie schon zu wissen scheint, dass der Junge das Boot schon bald wieder stoppen und - ein trockener Schnitt im Film - ihr ein Rettungsseil zuwerfen wird.

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Wenn man bedenkt, was J.C. Chandor in "All Is Lost" (2013)aus einem ähnlichen Setting - Robert Redford allein auf einem Boot - an Spannung, Dramaturgie und Erzähltiefe rausgeholt hat, muss man aufpassen, bei "Styx" nicht einzuschlafen. Nach dem Schubs ins Wasser gibt es zwar eine kurze Standpauke auf Deutsch für Kingsley, aber das ist schon das ganze Drama, in dem "Styx" seine für unsere Zeit doch so komplexe Geschichte denkt.

Für das Verhältnis von geflohenem Jungen und privilegierter Frau interessiert sich Fischers Film eher schematisch. Ihm geht es eigentlich um etwas Größeres: die humanitäre Katastrophe im Mittelmeer und die Ungerührtheit, mit der das wohlhabende Bürgertum des "Die Menschenrechte ansprechen"-Kontinents seine moralische Außengrenze gegen so etwas Schlichtes wie Humanismus befestigt.


"Styx"
Deutschland, Österreich 2018
Regie:
Wolfgang Fischer
Drehbuch: Wolfgang Fischer, Ika Künzel
Darsteller: Susanne Wolff, Gedion Oduor Wekesa, Felicity Babao
Verleih: Zorro Film
Länge: 94 Minuten
FSK: ab 12 Jahren
Start: 13. September 2018


Auf der höchsten Eskalationsstufe des politischen Interesses dieses Films darf Kingsley einmal ins Funkgerät "Come and help" in Richtung der Behörden rufen. Und Rike bindet sich, als Zeichen ihrer Empathie, jenes Kopftuch um, mit dem sich Piraten oder Flüchtende gegen die Fährnisse der See wappnen, nachdem sie Tote auf dem verwaisten Schlepperkahn gesehen hat.

Am Ende ist "Styx" ein überflüssiger Film. Er findet keinen adäquaten Ausdruck für seine "Man muss doch etwas tun"-Gefühle. Den Film, der das schafft, gibt es eigentlich schon. In "Havarie" von Philip Scheffner wurde 2016 eine ganz ähnliche Geschichte erzählt, wenn auch als dokumentarischer Essay. Das dreieinhalbminütige YouTube-Video eines Kreuzfahrtschiffurlaubers, das die irre Konfrontation von touristischer Fettlebe und existenzieller Barkassenfluchtverzweiflung zeigte, dehnte der Film durch Einzelbildtaktung auf abendfüllende 90 Minuten. Hinter der Wand aus Pixeln führte Scheffner Interviews mit Zeugen der ungewöhnlichen Begegnung - Fluchtgeschichten und Urlaubsimpressionen.

Der Clou von "Havarie" aber besteht darin, dass der mit dem Handy filmende Amateur fast genau in der Mitte seines Clips - in Scheffners Dehnung also nach mehr als 40 Minuten - auf den Standpunkt seiner Aufnahme schwenkt. Plötzlich wird sichtbar, woher das Bildmaterial stammt. Plötzlich wird klar, wie dieses europäische "Oder soll man es lassen?"-Wir eingebunden ist in das Sterben, das sich vor unserer militant gesicherten Grenze abspielt.

Ein Moment der Involvierung, zu dem "Styx" mit seinem psychologischen Realismus selbst mit einem so eindrucksvollen Schauspielerinnengesicht wie dem von Susanne Wolff nie vorstößt.

Im Video: Der Trailer zu "Styx"

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