Film über Martin Luther King Jr. Das amerikanische Versprechen

Das Filmdrama "Selma" zeigt Martin Luther King Jr. auf der Höhe seiner Macht - und wie er sie nutzt, um die Gleichberechtigung von Schwarzen voranzutreiben. Eine brillante Studie über Politik, die eine wichtige Diskussion angestoßen hat.

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Es gibt etliche denkwürdige Szenen in "Selma", diesem ebenso ergreifenden wie klugen Film über eine entscheidende Phase der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung. In einer inszeniert Regisseurin Ava DuVernay keine große, historische Begebenheit, sondern einen sehr privaten Moment: Schlaflos und zweifelnd angesichts der Eskalation rund um einen geplanten Protestmarsch in Selma, Alabama, ruftDr. Martin Luther King Jr. (David Oyelowo) eines Nachts die berühmte Gospel-Sängerin Mahalia Jackson (Ledisi Young) an: Ob sie die Stimme Gottes mit ihm teilen könne. Jackson kommt der Bitte nach und singt allein für King am Telefon.

Dieser innige Augenblick ist exemplarisch für "Selma". In dem Film geht es ebenso um die Wechselbeziehung zwischen Spiritualität und Politik, aber auch darum, dass das richtige Wort zur richtigen Zeit unsere Realität neu prägen kann.

Der Film beginnt mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an King im Dezember 1964, als die Bürgerrechtsbewegung bereits auf gut ein Jahrzehnt des Ringens um Gleichstellung und auf einige maßgebliche Erfolge zurückblicken kann. Im Süden der USA dominiert trotzdem weiterhin eine rassistische Politik. Mit offener Unterstützung der lokalen Behörden werden afroamerikanische Bürger systematisch an der Wahrnehmung ihres Wahlrechts gehindert. Ein besonders eklatantes Beispiel für diese Praxis ist eben Selma, Alabama, wo 1965 nur zwei Prozent der schwarzen Einwohner als Wähler registriert sind.

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"Selma": Der Marsch ist noch nicht vorbei
Vor diesem Hintergrund wendet sich King an Präsident Lyndon B. Johnson (Tom Wilkinson). Doch Johnson will das Thema eingedenk zahlreicher Brandherde im In- und Ausland zurückstellen. Er ersucht King um Geduld, aber der steht selbst unter Druck: Köpfe wie Malcom X stellen zunehmend den unbedingt gewaltfreien Widerstand in Frage.

Der Gegner ist gewaltbereit

Auch um die Autorität im eigenen Lager zu wahren, reisen King, seine Frau Coretta (Carmen Ejogo) und die Spitze der Southern Christian Leadership Conference nach Selma. Dort ist King gleich mit zwei Dilemmata konfrontiert. Zum einen wollen örtliche Aktivisten einen mehrtägigen Protestmarsch von Selma nach Montgomery unternehmen, in die Hauptstadt des Bundestaates. Doch angesichts des immensen Erwartungsdrucks und der offenkundigen Gewaltbereitschaft des Gegners droht das Vorhaben zum Debakel für die Bewegung zu werden.

Zum anderen bringt Kings Unterstützung für die Proteste ihn in Konflikt mit Johnson, der sich bedrängt sieht. In den USA führte diese Darstellung zu der vereinzelten, aber sehr lauten Kritik, dass Johnsons Unterstützung für die Bürgerrechtsbewegung heruntergespielt würde. Das mag im Detail sogar stimmen, jedoch hat "LBJ" mit Darsteller Tom Wilkinson einen vortrefflichen Fürsprecher. Mal gravitätisch, mal grobschlächtig spielt er einnehmend den wuchtigen Texaner. Auch gesteht "Selma" der Figur durchaus ihre historische Leistung zu und betont den wechselseitigen Respekt zwischen King und Johnson.

Konsequent geben die mehrfachen Anläufe des Marschs nach Montgomery den Erzählrhythmus vor: Ausgehend von den dramatischen Ereignissen auf der Edmund-Pettus-Brücke - hier kommt es unter anderem zu einem verheerenden Angriff auf den ersten Demonstrationszug - beleuchtet "Selma" pointiert die Konfliktlinien abseits der Straße, in den Wohnzimmern, Gerichtssälen und im Weißen Haus.

Immer wieder gelingt es DuVernay, in der empathischen Betrachtung eines historischen Moments die zeitlose Dringlichkeit gesellschaftlicher Emanzipation zu formulieren. Und dies ohne dabei zu predigen, was gerade in einem Werk über Martin Luther King Jr. eine immense Leistung ist. Großen Anteil daran hat auch das hervorragende Ensemble, allen voran Hauptdarsteller David Oyelowo.

Menschenjagd in den Abendnachrichten

Er beherrscht virtuos die berühmte Diktion Kings, sein nuancenreiches Spiel rückt das politische Handeln und Denken, sowie das Zweifeln der bewunderten Leitfigur in den Vordergrund. Etwa wenn King abwägen muss zwischen der Gefahr für die Demonstranten und der Wirkungsmacht, die Bilder von unverhältnismäßiger Polizeibrutalität in den landesweiten Abendnachrichten haben können.

Tatsächlich lässt "Selma" eindrucksvoll das damalige Entstehen einer neuen medialen Öffentlichkeit nachvollziehen. So, wie später die Wahrnehmung des Vietnamkriegs durch die TV-Berichterstattung verändert wurde, erschüttern hier die Bilder von den Jagdszenen aus Alabama ein Millionenpublikum.

In der Folge entschlossen sich viele weiße Zuschauer zur aktiven Teilnahme in der Protestbewegung. Konsequenterweise ist es das verbindende Pathos eines amerikanischen Versprechens, welches "Selma" wiederholt beschwört, sei es im Bild der demütig auf der Brücke knienden Demonstranten, in dem sich diverse Ethnien und Religionen vereinen, oder im Motiv der US-Sternenbanner, welche die Aktivisten trotzig mitten ins "Heart of Dixie" tragen.

Die letzten Worte des Films zitieren denn auch die religiös durchwirkte "Battle Hymn of the Republic" und gehen nahtlos über in den Song "Glory" von John Legend und Common. Dieser zieht rhetorisch die Verbindung zwischen Selma und Ferguson, dem Ort, an dem 2014 der schwarze Teenager Michael Brown erschossen wurde: Fünfzig Jahre später ist der Marsch noch nicht vorbei.

Das hat auch die Diskussion bewiesen, die nach den Oscar-Nominierungen Mitte Januar losbrach. Obwohl allgemein als würdige Anwärter anerkannt, wurden weder Regisseurin DuVernay noch Hauptdarsteller Oyelowo von der Academy nominiert. Ungeachtet der Nominierung von "Selma" als Bester Film und für den Besten Song ("Glory") ist die Empörung mindestens nachvollziehbar. Allzu oft gibt es in Hollywood leider nicht die Gelegenheit, eine afroamerikanische Regisseurin zu würdigen. Zumal für einen derart zwingenden Film, der ob seiner Qualitäten über jeden Verdacht der Quotierung erhaben ist.

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Selma

USA 2014

Regie: Ava DuVernay

Buch: Paul Webb

Darsteller: David Oyelowo, Carmen Ejogo, Tom Wilkinson, Tim Roth, Tessa Thompson, Common, Ruben Santiago-Hudson

Produktion: Cloud Eight Films, Celador Films, Pathé et al.

Verleih: StudioCanal

Länge: 128 Minuten

Start: 19. Februar 2015

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