"Selma"-Regisseurin DuVernay Die Filmemacherin der Stunde

Mit "Selma" hat Ava DuVernay einen herausragenden Film über Martin Luther King und die Bürgerrechtsbewegung gemacht. Dass sie nicht für den Oscar nominiert wurde, hat zu einer überfälligen Debatte über Rassismus in der Filmbranche geführt.

Studiocanal

Ein Interview von


Zur Person
    Ava DuVernay, Jahrgang 1972, begann ihre Arbeit in der Filmbranche als Promoterin, bevor sie ihre ersten Dokumentarfilme drehte. Für "Selma", ihren dritten Spielfilm, wurde sie als erste schwarze Regisseurin überhaupt für den Golden Globe nominiert. "Selma" ist als bester Film und für den besten Song im Rennen um die Oscars. Dass weder DuVernay noch Hauptdarsteller David Oyelowo nominiert wurden, löste in den USA eine breite Debatte über Vielfalt bei den Oscars aus.
SPIEGEL ONLINE: Ms. DuVernay, als erstes war Lee Daniels als Regisseur von "Selma" vorgesehen, dann Michael Mann, Stephen Frears, Paul Haggis und Spike Lee. Wann wussten Sie, dass Sie die Richtige sind, um den Film zu machen?

DuVernay: Als ich zum ersten Mal von dem Drehbuch erfuhr, hatte ich sofort das Gefühl: Das ist meine Geschichte. Mein Vater stammt aus Hayneville, das zwischen Selma und Montgomery liegt, meine Mutter arbeitet in Selma, sie fährt jeden Tag über die Edmund Pettus Brücke. Dieser Teil von Alabama ist meine zweite Heimat, ich musste nicht recherchieren, wie der Ort und die Leute ticken. Außerdem habe ich einen Uni-Abschluss in African American Studies und kenne mich in der Geschichte der Bürgerrechtsbewegung aus.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie King am Anfang Ihres Films - als politischen Anführer und als Menschen?

DuVernay: Für mich befindet er sich auf dem Höhepunkt seines politischen Einflusses. Er hat die "I have a dream"-Rede bereits gehalten, und er hat den Friedensnobelpreis bekommen. Das interessante an seiner Situation ist nun: Was macht er mit seiner Macht? In so vielen Filmen geht es darum, wie jemand an die Macht kommt. Mir ging es darum zu zeigen, wie jemand Macht ausübt und darüber vermittelt auch, wie man gesellschaftlichen Fortschritt erreicht. Welche Strategien und Taktiken es dazu gibt, wer die Berater sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen in "Selma", wie die Polizei mit Schlagstöcken hemmungslos auf friedfertige Demonstranten einprügelt. Diese Szenen erschüttern, obwohl die Gewalt nicht besonders drastisch ist. Wie haben Sie zu dieser Art der Inszenierung gefunden?

DuVernay: Natürlich kommen wir nicht umhin zu zeigen, wie jemand mit einem Polizeistock geschlagen wird. Aber vielleicht liegt es daran, dass ich eine Regisseurin bin oder eine Schwarze oder eine schwarze Regisseurin - jedenfalls interessiert es mich nicht, den Schlag zu zeigen, um dann sofort mit der Geschichte fortzufahren. Mich interessiert, was durch den Schlag mit dem Körper und dem Geist passiert. In allen Gewaltszenen sollte unsere Ehrfurcht vor den Leben, die ausgelöscht wurden, deutlich werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Schauspieler angeleitet, in die Konflikte zu gehen? Sie zeigen ja nicht nur schwarze Bürgerrechtsaktivisten, sondern auch eine Masse an hasserfüllten Weißen.

DuVernay: Alle Komparsen stammen aus Selma und Umgebung. Unsere Casting-Direktorin Aisha Coley hat dabei nicht nur interessante Gesichter ausgesucht, die aussehen, als hätten sie schon was erlebt. Sie hat auch Leute ausgewählt, die einen Bezug zu der Geschichte haben und sie deshalb zu schätzen wissen.

SPIEGEL ONLINE: Als "Selma" in den USA in die Kinos kam, wurde Kritik laut, dass Präsident Lyndon B. Johnson zu negativ dargestellt und seine Unterstützung für King und die Bürgerrechtsbewegung heruntergespielt würde. Hatten Sie mit solcher Kritik gerechnet?

DuVernay: Nein. Es waren aber auch nur einzelne, wenn auch sehr laute Stimmen, die das thematisiert haben. Ich hätte gedacht, dass es mehr Kritik an unserer Darstellung von King geben würde, dass sich die King-Puristen aufregen würden. Stattdessen haben sich die Johnson-Puristen zu Wort gemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Mich hat überrascht, dass sich die Kritik nicht daran abgearbeitet hat, dass Sie Johnson als doppelzüngig darstellen. In Hinterzimmergesprächen poltert er und benutzt Kraftworte, bei offiziellen Ansprachen flötet er geradezu.

DuVernay: Er ist halt Politiker! Eine Stimme, um hinter verschlossenen Türen zu sprechen, und eine, um ans Volk zu appellieren. Johnson war immer sehr pragmatisch. Die ersten zwanzig Jahre, in denen er ein politisches Amt innehatte, hat er gegen jedes Gesetzesvorhaben zur Aufhebung der Rassentrennung gestimmt. Gegen jedes einzelne. Über zwanzig Jahre hinweg. Am Ende seiner Karriere war er ein Fürsprecher der Bürgerrechtsbewegung. Er hat also einen Sinneswandel vollzogen, und ich hielt es für angemessen, diesen Sinneswandel, wenn auch zeitlich verdichtet, zu zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Martin Luther King scheint in Ihrem Film nicht zwei Stimmen zu haben. Er redet stets druckvoll und wortgewaltig. Erst, wenn er sich allein auf eine Veranda setzt und schweigend eine Zigarette raucht, hat man das Gefühl, eine andere Seite von ihm zu sehen.

DuVernay: Das Schweigen ist natürlich bezeichnend. Aber King hatte auch zwei Stimmen. Im Gegensatz zu Johnson, der verschiedenen Leuten verschiedene Gesichter gezeigt hat, liegt der Unterschied bei King darin, wie er öffentlich und privat gesprochen hat. Dabei hat er sich nicht anders gezeigt, sondern unterschieden, wie sehr er sich dem anderen gegenüber öffnen will. Außerdem zeigen wir ihn einmal, wie er im Gefängnis sitzt und sich verzweifelt fragt: Wozu machen wir das hier nur? Das ist meilenweit vom "I have a dream"-King entfernt. Für mich sind das Nuancen einer Persönlichkeit, kein Fall von Doppelzüngigkeit.

SPIEGEL ONLINE: Neben der Johnson-Debatte ist Ihr Film auch noch in eine andere Debatte verwickelt worden: Die Oscars...

DuVernay: ...der Film wird dauernd in alle möglichen Debatten verwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Welche davon fanden Sie am hilfreichsten?

DuVernay: Ich mochte besonders die Diskussionen über die Zusammenhänge zwischen Selma und Ferguson (dem Ort, an dem 2014 der schwarze Jugendliche Michael Brown von der Polizei erschossen wurde - d.Red.), über Polizeigewalt und die schwarze Community. Diese Gespräche fand ich sehr produktiv und versöhnlich. Und dann geht es doch nur wieder über Oscars, Oscars, Oscars.

SPIEGEL ONLINE: Hat die Oscar-Debatte auch positive Folgen?

DuVernay: Natürlich. Jedes Mal, wenn das Gespräch auf Themen wie Inklusion, Vielfalt, Repräsentation und die Art, wie Künstler sie aufbereiten, kommt, ist das absolut positiv. "Selma" hat eine riesige Debatte darüber ausgelöst, wie wenig Vielfalt es bei den Oscars gibt und wie eine winzige Gruppe alter, weißer Männer festlegt, was der Welt als herausragende Filme präsentiert werden darf.

SPIEGEL ONLINE: Wie vor Kurzem bekannt wurde, haben Sie zwei TV-Projekte in der Entwicklung, unter anderem einen Serien-Pilotfilm für CBS. Darin soll es um die Verfolgung von rassistischer Gewalt von den späten Fünfzigerjahren bis heute gehen. Ist das Fernsehen mittlerweile ein besserer Ort für Vielfalt als das Kino?

DuVernay: Keine Ahnung, ob es ein besserer Ort für Vielfalt ist - Fernsehen ist gerade ein aufregender Ort für Filmemacher generell. Momentan zieht es doch alle Arten von Regisseuren an: David Fincher, Steve McQueen, Steven Soderbergh - vor fünf Jahren wäre das noch undenkbar gewesen, jetzt wollen alle Serien drehen. Und warum? Weil du je nach Staffellänge 13 oder 22 Stunden Zeit bekommst, um eine Geschichte zu erzählen - mit mehr Geld und mehr Freiheiten. Die meisten Regisseure drehen Filme mit Budgets zwischen 30 und 60 Millionen US-Dollar. Und das ist schon die Spitze. Wir haben "Selma" für 20 Millionen gedreht. Und nun stell dir vor, du hast fünf Millionen pro Folge einer 22-teiligen Staffel zur Verfügung…

SPIEGEL ONLINE: Ihr nächster Film soll vom Hurrikan "Katrina" handeln. Wie weit sind Sie mit der Entwicklung?

DuVernay: David und ich haben gerade beim Mittagessen drüber gesprochen: Er soll wieder die Hauptrolle spielen. Wir wollen eine Liebesgeschichte und einen Krimi erzählen und das vorm Hintergrund der Ereignisse um "Katrina". Ich habe dazu so viele Ideen und würde sie am liebsten sofort alle aufschreiben. Aber erst einmal kommen die TV-Shows.

Video

Mehr zum Thema
Newsletter
Neu im Kino: Tops und Flops


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.