120. Geburtstag So verfilmte Sergej Eisenstein die Revolution

Sein "Panzerkreuzer Potemkin" wurde mehrfach zum besten Film aller Zeiten gewählt, an der Treppenszene daraus studieren Kinofreaks bis heute die Macht der Montage: Vor 120 Jahren kam Sergej Eisenstein zur Welt.

Sergej Eisenstein (Archivbild von 1946)
AP/ Itar-Tass

Sergej Eisenstein (Archivbild von 1946)


Wladimir Lenin, der Anführer der kommunistischen Revolutionäre, bezeichnete den Film als die Kunst, "die für uns die wichtigste ist". Doch der Bürgerkrieg hatte die vorrevolutionäre russische Filmindustrie nahezu vollständig zerstört: Zwischen 1918 und 1920 konnten nur Nachrichten- und Dokumentarfilme gedreht werden. Erst während der 1921 eingeleiteten Neuen Ökonomischen Politik, die Privatwirtschaft wieder zuließ und belohnte, wurden die ersten großen revolutionären Spielfilme gefördert.

Einer, der davon profitierte, war Sergej Eisenstein, am 22. Januar 1898 in Riga geboren, ein ehemaliger Militärtechniker der Roten Armee und junger Filmemacher. "Streik" war 1924 Eisensteins Kino-Erstling - ein propagandistisches Rührstück, das dem Regisseur selbst "geschmacklos, borstig, aber reich an Keimen" schien.

Doch den sowjetischen Kultur-Funktionären war er mit "Streik" aufgefallen und so erhielt der 26-jährige Eisenstein den Auftrag, zum 20. Jahrestag der "Volksrevolution von 1905" ein Filmwerk zu drehen. Es wurde ein Klassiker der Filmgeschichte.

Der sowjetische Film kulminiert in der mitreißend propagandistischen Wucht von Sergej Eisensteins "Panzerkreuzer Potemkin", uraufgeführt am 23. Dezember 1925 im Moskauer Bolschoitheater. Als die Aufständischen im Film die rote Fahne hissen, bricht das Premierenpublikum in Jubel aus. Seitdem zählt dieses Revolutionsepos zu den Meisterwerken der Filmkunst: Internationale Jurys wählten es 1948 und 1958 zum besten Film aller Zeiten.

Szenenfoto aus "Panzerkreuzer Potemkin"
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Szenenfoto aus "Panzerkreuzer Potemkin"

Insbesondere die berühmte Szene des Massakers auf der Treppe von Odessa, wo unschuldige Zivilisten von zaristischen Soldaten in einem Blutbad niedergemetzelt werden, wird noch heute von Filmstudenten analysiert. Eisenstein dehnt die Ereignisse einer Minute durch zahlreiche Schnitte und Gegenschnitte auf eine grausig eindrucksvolle 6-Minuten-Szene, in der jeder im Publikum endgültig Partei für die gerechte Sache und gegen das blutbesudelte schreiende Unrecht ergreift - strukturiert durch die (oft zitierte) unaufhaltsame Fahrt eines die Treppe hinunterrollenden Kinderwagens.

Das Werk deutete die Meuterei zaristischer Matrosen als "Generalprobe des großen Oktober" (so Eisenstein). Daraufhin bekam der Regisseur dann auch den Auftrag, die Oktober-Revolution für die Leinwand zu stilisieren. Für das geplante Renommierwerk bekam Eisenstein einen Etat von 500.000 Rubel und außerdem Militärhilfe: Die Sowjet-Flotte entsandte den Kreuzer "Aurora", der 1917 den Kommunisten-Aufstand entschieden hatte, noch einmal in den Leningrader Hafen.

Trotz des Aufwands missfiel Eisensteins "Oktober" den herrschenden Kommunisten, die Filmvorführung wurde vom Festprogramm für die Feiern zum zehnten Jahrestag der Revolution gestrichen. Erst 1928 wurde der Film in Moskau vorgeführt. In der Bundesrepublik wurde der Film erst im November 1967 erstmals gezeigt - als Gedenksendung des Zweiten Deutschen Fernsehens zum 50. Jahrestag der Revolution.

Sergej Eisenstein war ein "Freund der Arbeiterklasse", aber auch des "Zorro"-Darstellers Douglas Fairbanks - und hat nie verheimlicht, dass er das amerikanische Kino bewunderte. In Amerika arbeitete er von 1930 bis 1932 - dort aber wurden seine Projekte als marxistisch zurückgewiesen. Über ein gescheitertes Filmprojekt in Mexiko drehte der britische Filmemacher Peter Greenaway 2015 das Biopic "Eisenstein in Guanajuato".

Zurück in der Sowjetunion geriet Eisenstein mehrfach in Konflikt mit der Zensur. Am 11. Februar 1948 erlag der Regisseur in Moskau einem Herzinfarkt. Erst 1958, zehn Jahre nach seinem Tod, lobte die Kulturministerin Jekaterina Furzewa Eisenstein wieder öffentlich. Seither werden seine Filme erneut in Russland gezeigt.



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