Seuchenthriller "Carriers" Küssen als Körperverletzung

Bitte Desinfektionsmittel bereit halten! Das Endzeitdrama "Carriers" spielt in einer apokalyptischen Zukunft: Viren bedrohen die Menschheit, selbst Händeschütteln steht unter Totschlagverdacht. Vier Jugendliche wagen den Ausbruch - sie wollen zum Surfen an den Traumstrand ihrer Kindheit.

20th Century Fox

Von Birgit Glombitza


Vier junge Menschen in einem Auto unterwegs nach Westen. Musik, Dosenbier, ein paar zotige Sprüche. So beginnt klassischerweise ein road movie. Das Genre also, in dem Menschen ausziehen um die Utopie von Freiheit und Weite zu erfahren, bevor sie die eigenen Beschränkungen kennenlernen. Doch in "Carriers" hängt der Himmel viel zu tief, um sich groß, frei und unsterblich zu fühlen. Die Welt darunter ist öde und leer. Die Städte sind verwaist, die Autobahnen frei. Und kommt einem einmal ein Wagen entgegen, sollte man zügig die Flucht antreten. Oder wenigstens den Atemschutz festzurren und das Desinfektionsmittel bereit halten.

"Carriers" spielt am Anfang vom Ende. Ein Virus ohne Namen hat die Menschheit befallen und droht, sie auszurotten. Ein Endzeitszenario, das natürlich beflügelt wird von den Epidemie-Hysterien der Realität, in der seit Aids, Sars, Vogel- und Schweinegrippe den Menschen nichts so sehr Angst macht wie die Nähe zu einem anderen, möglicherweise infizierten Wesen. Alles Zwischenmenschliche ist in "Carriers" eine riskante Angelegenheit. Unaufhörliche Hygienemaßnahmen ersetzen längst die sozialen Kontakte. Da streift man sich erst Gummihandschuhe über und sprüht Türgriffe ab, bevor man sich vorstellt. Händeschütteln unter Fremden gilt als Körperverletzung mit Todesfolge, Küssen ist nur noch etwas für Lebensmüde.

Der Film der spanischen Brüder Álex und David Pastor begleitet vier Jugendliche beim Davonkommen. Danny (Lou Taylor Pucci), sein Bruder Brian (Chris Pine), dessen Freundin Bobby (Piper Perabo) und Dannys Schulkameradin Kate (Emily VanCamp) wollen an den Surferstrand ihrer Kindheit, irgendwo an der Westküste. Sie hoffen, sich dort vom Rest der Welt isolieren zu können und dabei schneller zu sein als die tödliche Krankheit. Auf ihrer Reise müssen die Vier um alles kämpfen. Um Benzin, Essen und vor allem um das gegenseitige Vertrauen. Und es ist erstaunlich, wie schnell die Protagonisten die Regeln dieses Dschungeldarwinismus begreifen. Wie abgeklärt und fast fröhlich sie manchmal in ihr Auto steigen. Und mit welcher Selbstverständlichkeit Kranke und Sterbende zurückgelassen werden.

Golfbälle in Fensterscheiben

Brian, ein durchtrainierter, großmäuliger Kerl, erweist sich als der taffeste, wenn es darum geht, infizierte Menschen ohne Verzug umzulegen. Will man weiterleben, darf man sich keine Schwachheiten erlauben.

Die Reise der Gruppe geht vorbei an menschlichen Resten und den Ruinen einer verkommenen Zivilisation. Einmal, in einem seiner besten Momente, atmet der Film kurz durch. Die Truppe rastet an einem verlassenen Sporthotel. Aufgekratzt schlägt man ein paar Golfbälle in die Fensterscheiben der Anlage. Man albert herum und liefert sich Rennen mit den Elektrocaddys einer ausgestorbenen Schicht. Die Apokalypse in "Carriers" hat noch Platz für diese kleinen utopischen Gesellschaftsspielchen und für pubertäre Auflehnung. Dann dominieren wieder die Bilder einer schwarzen Romantik und eines mit kühler Fotografie ästhetisierten Schreckens.

Verwesungs- und Chlordämpfe

Das alles passt gut zusammen. Todesangst und Endzeitstimmung sind seit jeher die romantischen Abgründe der Adoleszenz. Die Vorstellung, dass man einsam und unverstanden in einer öden Welt lebt, die allenfalls noch von begriffsstutzigen Zombies und natürlich den eigenen untoten Eltern bevölkert wird, gehört zum Heranwachsen wie Pickelstift, Camus und düstere Musik.

Das Kino liebt nichts so sehr, wie dieser morbiden Mystik seiner wichtigsten Zielgruppe die schillerndsten Projektionen zu liefern. In "Carriers" verschränkt es diese Untergangslust geschickt mit der Sehnsucht nach der ersten großen Liebe zu einem unauflösbaren Widerspruch. Denn der erste Kuss, die erste Nacht, der erste hemmungslose Austausch von Körpersäften darf auf gar keinen Fall stattfinden. Kein Fummeln, kein Flirten, stattdessen nur Regeln und Domestos.

Wofür soll man da eigentlich überleben? Doch am Ende keimt auch in "Carriers" das Glück auf: zwischen den Verwesungs- und Chlordämpfen eines pervertierten Paradieses.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Family Man 01.10.2009
1. Marketing
Zitat von sysopBitte Desinfektionsmittel bereit halten! Der Seuchen-Thriller "Carriers" spielt in einer apokalyptischen Zukunft: Viren bedrohen die Menschheit, selbst Händeschütteln steht unter Totschlagverdacht. Vier Jugendliche wagen den Ausbruch - sie wollen zum Surfen an den Traumstrand ihrer Kindheit. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,652468,00.html
Der Film ist vermutlich von SmithKline Beecham, Merck und Baxter finanziert worden als Begleitmaßnahme zur Schweinegrippe-Impfaktion.
Ephemeris 01.10.2009
2. ...
an meiner Schule hängt an jeder Ecke und in jedem Zimmer ein Schild das besagt man solle Küssen und Körperkontakt vermeiden und sich regelmäßig die Hände waschen ,dafür hat die Pharmaindustrie genug Lobbyarbeit bei unserer Schwarz-Gelben Landesregierung gemacht , das Problem bei uns ist nur : die Schule hat, aufgrund Geldmangels, keine Seife oder Seifenspender in Toiletten , das ist komisch
frubi 01.10.2009
3. .
Zitat von Family ManDer Film ist vermutlich von SmithKline Beecham, Merck und Baxter finanziert worden als Begleitmaßnahme zur Schweinegrippe-Impfaktion.
Kein Witz. Als ich auf den Beitrag geklickt habe wollte ich in etwa das selbe schreiben. Die ganze Sache mit der Schweinegrippe hat für mich mehr als nur einen faden Beigeschmack. Laut den Experten sollten doch zum jetzigen Zeitpunkt bereits tausende von Deutschen infiziert sein.
JDR 01.10.2009
4. final stand
Zitat von sysopBitte Desinfektionsmittel bereit halten! Der Seuchen-Thriller "Carriers" spielt in einer apokalyptischen Zukunft: Viren bedrohen die Menschheit, selbst Händeschütteln steht unter Totschlagverdacht. Vier Jugendliche wagen den Ausbruch - sie wollen zum Surfen an den Traumstrand ihrer Kindheit. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,652468,00.html
Der gute alte Stephen King. Auch nach Jahrzehnten werden seine Kurzgeschichten noch adaptiert...
Wallenstein, 01.10.2009
5. Desinfektiions-Kritik?
Zitat von frubiKein Witz. Als ich auf den Beitrag geklickt habe wollte ich in etwa das selbe schreiben. Die ganze Sache mit der Schweinegrippe hat für mich mehr als nur einen faden Beigeschmack. Laut den Experten sollten doch zum jetzigen Zeitpunkt bereits tausende von Deutschen infiziert sein.
Zum Thema Schweinegrippe sollte man immer bedenken, wer denn in Mexico und USA daran gestorben ist. Es waren auffallend Menschen aus der Unterschicht, die sich keine Krankenversicherung leisten konnten. An der normalen Grippe sterben auch jedes Jahr Tausende. Insofern betrachte ich das Aufhebens um die Schweinegrippe als bösen Marketing-Gag der Pharma-Industrie. Ich liebe Weltuntergangsfilmchen wie "Planet der Affen (mit Charles Heston), Omega-Mann, Soylent Green, Flucht ins 23. Jahrhundert, George A. Romeros Zombie. Bin mal gespannt auf den Film, ob dann letztlich nur die Protagonisten sterben, die durch den übermäßigen Einsatz von Domestos und Co. und Körperpflege ihre natürlichen Abwehrkräfte ruiniert haben. Denn wenn die Kevins und Schakkelins in den Kindergärten kränkeln, dann liegts oft auch an Muttis superhypehygienischwerbenachempfundenem Sauberkeitsfimmel.
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