"Sex and the City – der Film" Labels, Liebe, Katastrophen

Nach 94 Folgen "Sex and the City" kommt jetzt das Happy End per Film. Aber aufgepasst: Es geht nicht nur um Mode und Männer, sondern auch um die große Liebe - und die heißt in Wirklichkeit New York.

Von Daniel Haas


"Zwei Dinge suchen junge Frauen, wenn sie nach New York kommen. Labels und Liebe." So erfährt man gleich zu Beginn von "Sex and the City - der Film", dabei hat man es ja schon immer gewusst: Der Markt und die Romantik, das Geld und das Begehren sind in diesen Zeiten nur zwei Seiten derselben Medaille.

Offen gestanden: Kristin Davis, Sarah Jessica Parker und Cynthia Nixon sind die Cinderellas des 21. Jahrhunderts
Warner Bros.

Offen gestanden: Kristin Davis, Sarah Jessica Parker und Cynthia Nixon sind die Cinderellas des 21. Jahrhunderts

In der Serie bekam man das 94 Folgen lang vorexerziert: Wie schwierig es ist, einen tollen Mann zu finden, und wie tröstlich, auf ein passendes Paar schicker Schuhe zu stoßen. Wenn man Mr. Right nicht kriegen kann, dann wenigstens den passenden Dress zum Cinderella-Traum. "Sex and the City" ("SATC") war immer auch eine große Modenschau, angeführt von Carrie Bradshaw, der wichtigsten Heldin und Erzählstimme von Serie und Film.

Bradshaw wird gespielt von Sarah Jessica Parker, die durch die Serie zur Fashion-Ikone wurde. Dass sie auf immer als Werbeträgerin für Manolo-Blahnik-Stilettos durch die Fernsehgeschichte stöckeln wird, stört sie nicht. Im Gegenteil: "Ich präsentiere demnächst eine eigene Modelinie für Frauen allen Alters und aller Körpermaße", sagt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Und ich starte eine Karriere in der Parfumbranche, in der sehr großer Konkurrenzdruck herrscht."

Auch unter den Firmen, die ihre Produkte in "Sex and the City" unterbringen konnten, war ein harter Verteilungskampf im Gange. 81 Marken-Outfits hat der Internetdienst Femalefirst im Film gezählt. "SATC" - ein Garderobenzirkus, in dem sich Frauen nicht verkleiden, sondern durch die verschiedenen Looks zu sich selber kommen.

Man selbst, das ist in der Logik der Liebe natürlich der Andere, und für Carrie war das immer Mr. Big (Chris Noth). Im Film wollen sie heiraten, und auch diese romantischste aller romantischen Gesten wird gleich wieder vermarktet. Carrie kommt auf die Titelseite der Hochzeits-"Vogue", die Geschichte dazu heißt: "Das letzte Single-Girl".

"40 ist das letzte Alter, in der eine Frau fotografiert werden kann, ohne dass man dabei an Diane Arbus denkt", sagt die "Vogue"-Chefin (Candice Bergen) bitter. Die Bilder der Fotografin Diane Arbus (1923 bis 1971) bestechen durch ihren schonungslosen Blick auf das Elend und das Heruntergekommensein der amerikanischen Nachkriegsgesellschaft – keine schöne Assoziation.

Der Film ist voll von solchen Kommentaren über das Alter und die Romantik. Parker selbst sagt: "Es geht um den Unterschied, wer man mit 20 ist und wer mit 40 und wie man in diesen Lebensphasen mit Liebe umgeht. Wer man wirklich ist, kriegt man ja erst später heraus."



Als Frau ist man jedenfalls immer auch eine Ware. Die Zweierbeziehung fungiert als Partnerbörse, und zwar buchstäblich: Man spekuliert auf den größtmöglichen Gewinn - emotional und auch finanziell -, und wenn es schiefgeht, schlägt man bestenfalls aus der Misere Kapital. Wie die Milliardärsgattin, die im Film nach der Scheidung alle Geschenke ihres Ex verhökert. Bei der Verkaufsausstellung sagt Carries Freundin Samantha (Kim Cattrall): "Im Gegensatz zur Ehe funktioniert Botox immer."

Wer nicht verkaufen oder kaufen kann wie Carrie (Schuhe), Samantha (Brillanten) und Charlotte (Designer-Babykleidung), der muss leihen. Carries Assistentin Louise, gespielt von der schwarzen Oscar-Preisträgerin Jennifer Hudson, erwirbt bei einem Leihdienst Nobel-Bags auf Zeit.

Am Ende bekommt sie von ihrer Chefin eine Louis-Vuitton-Tasche. "Jetzt bin ich Louise Vuitton!", sagt die Beschenkte stolz. Kann man die Warenförmigkeit des modernen Menschen besser zum Ausdruck bringen?

Parker deutet die Szene anders. "Meiner Ansicht nach gehört es zum Wesen der Frau, sich zu verschwistern. Es liegt ein riesiger Trost in dieser Unterstützung." Die Schwestern-Theorie gehört zu den Grundlagen des "SATC"- Erfolgs: Sie besagt, dass die Solidarität der Frauen untereinander alle romantischen Wünsche übersteigt.

Schuhe im Panic Room

Aber auch diese Utopie durchkreuzt der Film mit einer Szene: Da versöhnen sich Big und Carrie in einem riesigen begehbaren Schuh- und Kleiderschrank. Der Raum wirkt wie ein panic room, ein Tresor, der alle Einflüsse von außen fernhält. Es gibt nur sie, ihn und den Warenfetisch: ein faszinierendes Bild für das Eingeschlossensein in die Verhältnisse.

Ist "Sex and the City" also ein deprimierender, unter der Oberfläche zynischer Film? Eine Abrechnung mit den Klischees der Beziehungskomödie? Vielleicht sogar ein Tritt mit dem Highheel nach unserer kulturellen und psychologischen Schwachstelle: dem Wunsch nach Gemeinsamkeit?

Nein, ist er nicht, aber der perfekte Partner ist nicht Big oder Steve (der Mann von Miranda, gespielt von David Eigenberg), sondern New York selbst. Die größte Sehnsucht von Samantha, die zu Beginn des Films in Los Angeles lebt, ist die nach dem Big Apple; das höchste der Gefühle für Carrie ein Appartment an der Upper East Side. "Hier haben sie also das ganze Licht versteckt", sagt sie bei einer Wohnungsbesichtigung dem Makler, der nur wissend grinst.

"Männer kommen und gehen", erklärt Parker im Interview. "Aber die Stadt ist die große Liebe." Der 11. September hat für viele New Yorker dieses Gefühl noch verstärkt. Und er hat, so verrückt es klingt, das bewirkt, worauf die Heldinnen in "SaC" immer hoffen: auf eine Vertiefung der Beziehungen – und das Gefühl, am rechten Platz zu sein. "Wir, die wir da waren, wollten nirgendwo anders sein", sagt die Darstellerin, die als Carrie in der Serie selbst kein einziges Wort über die Katastrophe verliert. "Es hat uns zu besseren Menschen gemacht."

Im Film verabreden sich Miranda (Cynthia Nixon) und Steve nach einem schlimmen Ehestreit auf der Brooklyn Bridge. Am besagten Tag kommt sie zur Brücke, die Menschen strömen ihr entgegen, verzweifelt späht sie in die Menge, ob ihr Liebster dort zu finden sei.

Die alten Bilder von der Unübersichtlichkeit nach der Katastrophe schwingen hier mit; die Angst um die Nächsten, ob sie noch da sind, ob sie bald kommen werden. Kurz scheint er auf, ein Moment jenseits von Sex und Mode, Style und Erfolg. Ein Augenblick der Sorge.

Der Rest ist dann wieder Labels und Love.



insgesamt 19 Beiträge
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tancarino, 27.05.2008
1. Es ist alles so austauschbar
Nein, ich werde mir diesen aufgewärmten Einheitsbrei nicht anschauen. Wer kann denn diese amerikanischen Flachgags von denen unterscheiden, die man in allen anderen Sitcoms vorgesetzt bekommt? Für mich sind diese seichten Einschlafhilfen nur Transportmittel für Werbung. Das Vereinigte Königreich hätte da Niveauvolleres zu bieten. Erinnern Sie sich noch an "Keeping Up Appearances"? Das lief in Deutschland unter dem Titel "Mehr Schein als Sein - unsere bucklige Verwandtschaft" und floppte erwartungsgemäß, weil durch die Synchronisation jedes britishe Flair verpuffte. Schauen Sie mal bei den Buchhändlern im Internet nach, "KUA" gibt's immer noch, in der Sammelbox. DAS war noch Humor!
sam clemens, 27.05.2008
2. Frauenbild?
Jeder freut sich über einen lustigen Film, und dieser ist sicher lustig. Aber die über die popcorn-Begeisterung hinausgehende Beachtung ist völlig übertrieben. Die Serie lebt doch nur von den bedauernswerten Sehnsüchten alternder Hausfrauen und jugendlicher Möchtegern-Supermodels. Ein bisschen Sex-Gelaber hier, ein paar Luxusschuhe dort und am Ende träumen alle vom potenten Ernährer. Das ist ein Gesellschafts- und Menschenbild vom Ende des 19. Jahrhunderts, umgesetzt mit den Mitteln des ausgehenden 20.
LudwigN 27.05.2008
3. Für mehr Enthaltsamkeit
Geld gebe ich dafür nicht aus, aber wenn es in ein paar jahren auf Pro7 läuft sehe ich es mir vielleicht mal an.
moderne21 27.05.2008
4. moderne westliche Frauen ...
... wollen scheinbar unbedingt wie `leichte Mädchen´ leben. Sollen sie. Ab spätestens 40 beginnt dann ja meistens das große Heulen, wenn der Familienzug abgefahren ist. Dass Hollywood mit den einsamen und verhärmten Frauen noch Geld verdient, verwundert hingegen wenig.
Schnecke77 27.05.2008
5.
Zitat von moderne21... wollen scheinbar unbedingt wie `leichte Mädchen´ leben. Sollen sie. Ab spätestens 40 beginnt dann ja meistens das große Heulen, wenn der Familienzug abgefahren ist. Dass Hollywood mit den einsamen und verhärmten Frauen noch Geld verdient, verwundert hingegen wenig.
Also "leichte Mädchen" finde ich dann doch etwas übertrieben... Nur, weil man nicht den erstbesten Mann heiratet, muss man noch lange kein Luder sein! Und alle die ich kenne, die dies gemacht haben, sind inzwischen geschieden... Davon mal abgesehen, ist es für "moderne westliche Frauen" auch gar nicht so einfach, auf den Familienzug aufzuspringen (es sei denn, man verlässt nach der 9. Klasse die Schule, findet einen reichen Mann und vegetiert den Rest seines Lebens als Hausfrau dahin). Wer studieren und es in seinem Beruf weiter bringen will, hat ja fast keine Chance vor 40 überhaupt an Familie zu denken. Ich finde, bei dieser Serie geht es eher um moderne starke Frauen, die versuchen, ihren Weg im Leben zu finden. Wenn auch, zugegebenermaßen, oft leicht übertrieben ;-)
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