Sex-Komödie "Shortbus": Fröhlich vögelt besser

Von Jenny Hoch

Wenn Sie schon immer über Sex lachen wollten: US-Regisseur John Cameron Mitchell hat mit "Shortbus" ein Tabu gebrochen und einen ebenso amüsanten wie expliziten Ensemblefilm über die Nöte moderner Großstadtneurotiker gedreht.

Sophia (Sook-Yin Lee) hat ein Problem. Sie ist Sexualtherapeutin, hatte aber selbst noch nie einen Orgasmus. Tagaus tagein sitzt sie auf einem den Beckenboden trainierenden Gymnastikball ihren Klienten gegenüber und hört sich deren Bettgeschichten an, ohne die leiseste Ahnung zu haben, wovon sie überhaupt sprechen. Zwar spornt sie zu Hause ihren Gatten zu akrobatischen Höchstleistungen an und probiert Stellungen, die nicht einmal im Kamasutra zu finden sind, doch will "es" ihr partout nicht kommen. Bis Jamie (PJ De Boy) und Jamie (Paul Dawson) ihre Praxis betreten und alles anders wird. Das schwule Pärchen plant, seine Beziehung um mindestens einen weiteren Sexualpartner zu erweitern und will dazu "einfach mal eine zweite Meinung" einholen. Dass sie bei Sophia an der falschen Adresse sind, können sie nicht ahnen. Doch ergibt es sich, dass die Sexpertin sich nach ihrem Outing als Höhepunktsuchende in einem mysteriösen Club wiederfindet, den die beiden ihr zur Therapie empfohlen haben. "Shortbus" heißt das kuriose Etablissement, in dem grottenschlechte Folkgruppen auftreten und endlose Gertrude-Stein-Filme gezeigt werden, während im "Sex-statt-Bomben"-Nebenzimmer Paare aller Couleur und Ausrichtung fröhlich kopulieren.

"Shortbus" heißt auch der herrlich schräge – und ungewöhnlich explizite - Film von John Cameron Mitchell, der, um es gleich zu sagen, beileibe kein Skandalfilm ist. Erigierte Penisse und entblößte Schamlippen dienen hier nicht als Kulisse für einen Pornofilm mit Anspruch. Expliziter Sex dient eher als Metapher für ein aktuelles Gesellschaftsportrait junger New Yorker Stadtneurotiker. Sex ist für diese kleine, ausschweifende Gruppe im großen, puritanischen Amerika nicht mehr als eine weitere Ausdrucksmöglichkeit, gleichberechtigt neben Fotografie oder Malerei. Denn im Grunde sind alle Figuren dieses Films, egal ob homo- oder heterosexuell, schrill oder still, Bademeister oder Domina, auf der Suche nach sich selbst und der richtigen Art zu leben.

Über zwei Jahre hat Mitchell, bekannt geworden durch seinen Debütfilm "Hedwig and the Agry Inch", gebraucht, um "Shortbus" zu realisieren. Zusammen mit seinem Ensemble – darunter vielen Laiendarstellern – entwickelte er in Workshops die Charaktere und die Story. Der lange Vorlauf hat sich gelohnt: Anders als in den meisten Filmen, in denen sich Regisseure mehr oder weniger skandalträchtig damit abgemüht haben, "echten" Sex auf die Leinwand zu bringen, gelingt es hier, Sex als normalste Sache der Welt zu zeigen. Tabulos - im wahrsten Sinne des Wortes.

Nationalhymne von hinten

Mitchell, Sohn eines bis zum Mauerfall in Berlin stationierten US-Militärkommandanten, hat sich herausgenommen, was vor ihm keiner gewagt hat: Er hat sich dem ungeschriebenen Dogma widersetzt, dass Sex nicht lustig ist, sondern wahlweise problematisch, grausam, obsessiv oder wenigstens emotional. Und hat eine Komödie über - und mit - Sex gedreht. Das Erfrischende dabei ist, dass Sex hier weniger als Problem, sondern als Lösung präsentiert wird. Das mag zwar eine naive Herangehensweise sein, doch sorgt sie immerhin für ein paar richtig alberne Gags: So verrenkt sich der eine Jamie beim Yoga derart, dass er sich selbst einen Blowjob verpassen kann. Sein Freund singt beim Liebesspiel zu dritt seinem Vordermann die amerikanische Nationalhymne ins Hinterteil. Und ein Kunde der Domina und Shortbus-Besucherin Severin (Lindsay Beamish) fügt einem Jackson-Pollock-Imitat mit seinem Ejakulat einen weiteren Farbklecks hinzu.

Während die Kamera immer wieder locker-leicht durch ein von John Bair allerliebst animiertes New York aus Pappe fliegt und alle Erzählstränge des Films durch gelegentliche Stopps zusammenführt, gaukelt der Film als Ganzes nicht am Kern der Dinge vorbei. Sein Unterton ist sogar ausgesprochen melancholisch, wenn auch - und gibt dem Film seine besondere Qualität - niemals wertend oder gar moralisierend. Einer der Jamies plant akribisch seinen Selbstmord, weil er als ehemaliger Stricher darunter leidet, keinen Zugang mehr zu seinen Gefühlen zu haben. Die peitschenschwingende Domina Severin hatte noch nie eine richtige Beziehung und die Sextherapeutin Sophia ist ein verzweifeltes Opfer des allgemein herrschenden sexuellen Leistungsdrucks.

Der Betreiber des "Shortbus", ein mütterlicher Mann in Frauenkleidern, bringt die Essenz dieser modernen Flower-Power-Utopie auf den Punkt. Mit Blick auf das fröhliche Vögeln sagt er der eingeschüchterten Sophia: "Es ist wie in den Sechzigern – nur mit weniger Hoffnung."

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