Letzter Teil von "Shades of Grey" 50 Schattierungen von Galle

"Shades of Grey" ist der Antifilm der Stunde: Der dritte Teil des Pseudo-Sadomaso-Fetzens gibt Unterwerfungsgesten als Emanzipation aus. Sie wollen mehr erfahren, ohne sich der Kino-Folter auszusetzen? Hier entlang.

DER SPIEGEL

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Sorry, man kann es nicht ausblenden. Wenn man die Szenen im Kopf hat, die Frauen in den vergangenen Monaten über Harvey Weinstein und zuletzt auch über Dieter Wedel schilderten, Szenen voller sexueller Kontrollsucht, ist es fast unmöglich, einen Höhö-Schenkelklopfer-Text über den dritten Teil von "Shades of Grey" zu schreiben.

Wenn sich Filmtrilogien von Folge zu Folge steigern, dann gilt das für Teil drei der Pseudo-Sadomaso-Story "Shades of Grey" auf allen Ebenen: die Rollenklischees noch widerwärtiger, die Sexszenen noch erwartbarer, die Handlung noch egaler. In Zeiten von #metoo ist dieser Film von Regisseur James Foley nur eins: vorvorgestrig. Damit Sie ihn nicht selber durchleiden müssen, hier die wichtigsten Fragen beantwortet.

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"Shades of Grey 3": Befreite Lust? Befreiter Hass!

Worum ging's noch mal?

Der Inhalt ist so schnell erzählt, wie man "Sex" sagen kann: Multifantastillionär Christian Grey (Jamie Dornan) heiratet die Verlagslektorin Anastasia Steele (Dakota Johnson), sie jetten von Paris an die Côte d'Azur, nach Aspen, dazwischen brettern sie mit glänzenden Boliden durchs Bild, haben viel Sex, seine Schwester wird entführt, Ana wird schwanger, Happy End, Konfetti.

Ich würde aber gerne tiefer eindringen.

Sehr lustig. Zum Grundkurs hier entlang, das Aufbäumstudium gibt's hier. Ansonsten: Warten Sie auf den Best-of-Szenen-Schnelldurchlauf zehn Minuten vor Schluss, da zeigt der Film selber, wie wenig er zu erzählen hat.

Okay, wenn es so ein Dreck ist: wieso nicht einfach ignorieren?

Weil dieser Dreck mit den ersten beiden Filmteilen952 Millionen Dollar weltweit eingespielt hat. Und weil es an der Zeit ist, diese Form der Hirnwäsche im harmlosen Look von Schmonzetten-Popkultur ernst zu nehmen. Es ist der Antifilm der Stunde. Das Bombasto-Milieu, in dem der Gatte der Gattin zur Hochzeit einen neuen Privatjet schenkt, deckt die harten Rollenbilder perfide zu: wie eine dicke Schicht Puderzucker einen verbrannten Kuchen. Christian will nicht, dass Ana ihr Bikinitop auszieht, er platzt in ihre Arbeitsbesprechungen, er verbietet ihr, sich nach Feierabend mit ihrer besten Freundin zu treffen ("Ich werde furchtbaren Ärger kriegen!"). Ein Film, in dem es wie ein Akt der Emanzipation wirkt, wenn sich eine Frau gegen so einen Quark wehrt, ist des 21. Jahrhunderts unwürdig. Ach, als sei das nicht genug Kontroletti: Sie wird von zwei Bodyguards bewacht, und ihr Mann ortet sie permanent via Smartphone.

Vielleicht steht sie einfach auf Sadomaso?

Zum Mitschreiben: Diese Story hat nichts mit BDSM im eigentlichen Sinn zu tun. Die Handschellen und Gerten, die in dieser Geschichte auftauchen, sind nur eine weitere Variante von Christian Greys Kontrollwahn. Statt des Gaga-"Vertrags", den Ana am Anfang als Unterwerfungsgeste unterschreiben musste, ohne zu wissen, worum's geht, gibt's nun die Steigerung: die Eheschließung. Zur Sicherheit, ganz unironisch: Echte S/M-Beziehungen sind einvernehmlich (Mehr Info auf der Seite der Bundesvereinigung Sadomasochismus).

Nicht so schnell: Was ist mit dem Sex?

Sie meinen die nackte Haut von Ex-Unterwäschemodel Dornan, die Schubladen voller Dildos und eine schwülstig an "9 1/2 Wochen" erinnernde Eiscreme-Szene? Unmissverständlich formuliert: Da kommt eine Folge "Bergdoktor" häufiger zum Gipfel, in den Nachtschichten seit der Bundestagswahl war mehr Sexappeal, allein das Wort "Koalitionssondierungsgespräche" hat mehr Prickeln! Wer sehen will, was echte Eruptionen sind, dem empfehlen wir Feuerwerk in der Zehn-Stunden-Dauerschleife.

Wirklich ein Film ohne Befriedigung?

Zählt prustendes Lachen? Dann schon. Wir wetten darauf, dass Sie an diesen Stellen laut auflachen: 1. Haushälterin zu frisch vermählter Ana: "Wir sollten besprechen, wie Sie den Haushalt führen wollen, die Menüplanung und die Weinliste." - 2. Christian zu Ana: "Ich will keine Kinder. Ich bin nicht bereit, dich zu teilen." - 3. Architektin zu Christian Grey, hauchend: "Ich habe das Porträt über Sie in 'GQ' gelesen - ich bewundere, was Sie in Afrika machen."


"Fifty Shades of Grey - Befreite Lust"
USA 2018

Regie: James Foley
Drehbuch: Niall Leonard
Darsteller: Dakota Johnson, Jamie Dornan, Eric Johnson, Eloise Mumford, Rita Ora, Luke Grimes
Produktion: Universal Pictures
Verleih: Universal Pictures
Länge: 106 Minuten
FSK: ab 16 Jahren
Kinostart: 8. Februar


Gibt's was Neues?

Gute Nachrichten: Sie haben Harald Glööckler als Setdesigner gefeuert, Augenkrebs kriegt man also nicht mehr von der Einrichtung. Nur das puffrote "Spielzimmer" mit dem Palisadengitter zum Dranfesseln, den Handschellen und Gerten hat man aus Film eins übernommen. Auch wieder dabei: ein schwarzer Flügel für Christians Popp-Preludien und das Ölgemälde überm Bett mit dem ausgepeitschten Meer - diesmal in den Maßen eines Giga-Zoll-Fernsehers. Stimmung! Auch bei den Schauspielern ist alles beim Alten: Jamie Dornan hat immer noch nur den einen glänzenden Marzipanschwein-Ausdruck drauf, und um Dakota Johnson muss man sich keine Sorgen machen. Ihre Karriere überlebt das.

Ihre Figur Ana hat studiert. Blöd ist die nicht, oder?

Das ist ja das Schlimme: Sie leitet inzwischen die Belletristik-Abteilung eines Verlags in Seattle! Dass es nicht mal Spaß macht, den Wortwitz mit "Lecktorin" unterzubringen, zeigt, wie wütend dieser Film macht. Wirklich schlau übrigens war die Regisseurin Sam Taylor-Johnson: Sie trat nur für den ersten Teil an. Inzwischen hat James Foley zum zweiten Mal übernommen. Seine Werkliste liest sich wie ein Horrorstreifen: "Perfect Stranger", "Confidence", "The Corrupter", "The Chamber", "Fear".

Also doch besser die Bücher lesen?

Um Himmels willen! Nutzen Sie die Zeit für was Sinnvolles, entfernen Sie den Staub zwischen den Heizungslamellen, haben Sie Sex! Im Film tauchen übrigens auch zwei Bücher auf: Er liest "The Hawk at Sea", Raubvogel, der er ist. Und sie landet als Lektorin einen Bestseller mit dem Titel "Fegefeuer". Noch Fragen? Der Film dauert dagegen nur 105 Minuten, das ist "Tagesschau" plus "Tatort". Aber nehmen Sie sich danach nichts vor. Sie möchten dann nur noch kotzen. Und zwar mehr als 50 Schattierungen von Galle.

Im Video: Der Trailer zu "Fifty Shades of Grey - Befreite Lust"

Universal Pictures
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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Atheist_Crusader 07.02.2018
1.
Irgendjemand im Internet hat diese Filme schon treffend in einem einzigen Satz zusammengefasst: "Fifty Shades of Grey gilt nur deswegen als romantisch weil der Kerl reich ist - würde er in einem Wohnwagen hausen, wäre es keine Romanze, sondern ein Horrorstreifen."
DerRömer 07.02.2018
2. Wirklich?
Irgendwie scheint der Film ja wohl nicht den Geschmack des Verfassers getroffen zu haben....
victorl 07.02.2018
3. Ich erwartete eine Filmbewertung
Ich dachte ich bekomme hier eine anständige Filmrezension. Was stattdessen? Ein Artikel von einer Autorin, die "wütend" über den Film ist und _nur_ Rollenbilder thematisiert. Ich kann ja verstehen, dass das Teil einer Analyse aber doch nicht alles und bei "Fifty Shades of Gray" jetzt auch noch metoo einzubeziehen zeugt schon von journalistischer Hilflosigkeit. Ich guck mir den Film nicht an aber der flache und wirklich sehr gezwungen wirkenden Humor a la Eruptionen --> Feuerwerk Video von 10h ist kaum ein Stück besser.
liwe 07.02.2018
4.
Danke für diesen Kommentar! Kann ich so unterschreiben...
argumentumabsurdum 07.02.2018
5. Ich bin hingerissen!
Frau Haemig, ich danke den Machern des Machwerkes, dass sie es gemacht haben! Denn offenbar hat sie dieser Film inspiriert und zu einem Zynismusfeuerwerk angestachelt, wie ich es sonst nur von Ihrer Kollegin Anja Rützel gewohnt bin. Schönen Dank dafür; ich liebe Ihren Text. Und danke für die Warnung vor einem Film, den ich mir ebenso wie seine Vorgänger sowieso nicht angetan hätte...
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