US-Serie "Shameless" auf DVD: Würde? Ist für Spießer!

Von Daniel Sander

Frank Gallagher liebt Alkohol, Drogen, Sozialhilfe und seine sechs Kinder. In dieser Reihenfolge. Die amerikanische Serie "Shameless" begegnet diesem tragischen Komplettversager mit dem einzigen möglichen Mittel: Humor.

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Showtime/ Warner Home Video

Niemand will den eigenen Vater bewusstlos in seiner Kotze liegen sehen, aber die Kinder von Frank Gallagher haben da einen gewissen Pragmatismus entwickelt. Wenn Papa mal wieder im Wohnzimmer oder in der Küche zusammengebrochen ist, dann lassen sie ihn dort liegen. Wenn irgendwelche Gliedmaßen den Weg versperren, werden sie mit dem Fuß zur Seite gekickt; wenn er zu sehr stinkt, ziehen sie ihn am Bein in einen anderen Raum. Ihn ins Bett zu tragen, hat nur Rückenschäden zur Folge und keinerlei Dankbarkeit. Die jüngste Tochter Debbie legt ihm aber manchmal ein Kissen unter den Kopf.

Die Gallaghers führen in Chicago ein Leben im Elend: Die Mutter ist abgehauen, der Vater ein arbeitsloser Säufer, der mehr Zeit in der Kneipe und im Koma verbringt als mit seinen sechs Kindern. Ja, die armen Kinder - manchmal schauen die sexbesessenen Nachbarn vorbei und sehen nach dem Rechten, sonst bleiben sie weitgehend sich selbst überlassen. Sie müssen das Geld für die Stromrechnung selbst zusammensammeln, gehen hin und wieder in die Schule, versuchen mit legalen bis halbbetrügerischen Nebenjobs ein bisschen was dazuzuverdienen, und ein paar von ihnen genehmigen sich bei all dem Stress auch mal ein Bier. Das ist das Einzige, wovon zu Hause immer genug da ist.

Trauriger und perspektivloser kann Familienleben kaum aussehen. Aber die US-amerikanische TV-Serie "Shameless" - hierzulande seit Anfang des Jahres im Bezahl-TV zu sehen und jetzt auch auf DVD zu haben - ist keine bittere Sozialreportage. Und wenn doch, dann zumindest eine extrem witzige. Als der älteste und hellste Sohn Lip beim Nachhilfeunterricht von seiner Schülerin Oralverkehr angeboten bekommt, nimmt er es hin, erinnert sie aber daran, dass er sie trotzdem abkassieren müsse. Damit sie weiter die Sozialhilfe von Franks toter Tante kassieren kann, entführt die Familie gemeinsam eine demente Oma aus dem Heim.

Das mag würdelos klingen. Aber Würde? Ist doch nur was für Spießer - die Gallaghers wollen sich nicht die Lust am Leben verderben lassen. Sie wissen, dass es ihnen schlechtgeht und machen das Beste draus. Oder, wie Vater Frank es formuliert: "We know how to fucking party!"

Das Sozialdrama als Komödie

Unterschichtskomödien sind nicht neu oder selten: Über die megaprollige Familie Flodder aus den Niederlanden hat man sich schon in den Achtzigern kaputtgelacht, im letzten Jahr haben es die (ebenfalls niederländischen) Super-Asis von "New Kids Turbo" im Kino zu weltweitem Ruhm gebracht. Die US-Serien "Roseanne" oder "Malcolm mittendrin" haben ihre wenig verdienenden Helden jahrelang durch den Alltag begleitet und dabei immer was zu lachen gefunden. "Shameless" aber ist etwas Besonderes. Denn anders als bei den Flodders oder "New Kids Turbo" sind die Gallaghers keine überzeichneten Cartoon-Proleten, die sich ständig gegenseitig an amüsanten Geschmacklosigkeiten überbieten. Und anders als bei "Roseanne" oder "Malcolm mittendrin" gibt es keine herzerwärmenden Belehrungen über familiären Zusammenhalt in schweren Zeiten. Sprich: "Shameless" ist im Gegensatz dazu erschreckend realistisch.

Diese Mischung aus Sozialdrama und Komödie bekommen normalerweise die Briten am Besten hin. Und so sind die Gallaghers und "Shameless" eigentlich auch eine britische Idee: das Original (in Deutschland auf DVD nur als UK-Import erhältlich) läuft seit 2004 erfolgreich und preisgekrönt in Großbritannien, spielt in Manchester, und ist gut genug, dass eine neue und auch noch amerikanische Version zunächst nicht als das zwingendste Anliegen dieser Welt erscheint.

Dass die US-Fassung trotzdem so gut funktioniert, liegt daran, dass die Macher mit Paul Abbott den Erfinder von "Shameless" ins Boot geholt haben. Und der achtet darauf, dass seine Schöpfung bei aller Amerikanisierung nicht verwässert oder überzuckert wird. Was wiederum auch nur möglich ist, weil die Serie in den USA beim Bezahlsender Showtime läuft, der die explizite Darstellung von Sex, Drogenkonsum und Gewalt zum Geschäftskonzept erklärt hat, und seit dem Erfolg von "Weeds" und vor allem "Dexter" auch aus kreativer Sicht zum ähnlich aufgestellten Rivalen HBO aufschließt.

Um ganz sicher zu gehen, hat man eine exquisite Besetzung verpflichtet: Als älteste Tochter Fiona spielt Emmy Rossum ("Das Phantom der Oper") das vernünftigste Familienmitglied so warmherzig und gleichzeitig unterschwellig traurig, dass ihr Ruf als langweiliges Starlet bald Geschichte sein wird. Und Comedy-Veteranin Joan Cusack ("In & Out") erinnert als agoraphobische und nymphomanische Teilzeitfreundin von Frank daran, dass es wenige Schauspieler gibt, die so lustig sein können.

Herz und Seele des Ganzen ist aber William H. Macy ("Fargo") als Alptraum-Patriarch Frank. Er spielt einen Mann, der seine Kinder vernachlässigt, manchmal sogar gewalttätig wird; einen Lügner und Betrüger, der zuerst immer nur an sich denkt und sonst nur an das nächste Bier - und trotzdem ist es schwer, ihn nicht irgendwie gernzuhaben. Frank Gallagher ist ein verabscheuungswürdiger Charakter, aber Macy umgibt ihn mit einer traurigen Resignation, die andeutet, dass da doch ein besserer Mensch drinstecken könnte.

Und vielleicht doch sogar ein ganz kleines bisschen Würde.


Shameless. Erschienen bei Warner. Mit William H. Macy, Emmy Rossum, Joan Cusack. Einfach und bequem: Direkt im SPIEGEL-Shop bestellen.

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insgesamt 10 Beiträge
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1. Tolle Serie
junkerjoerg 12.07.2012
Wer diese Serie nicht kennt, aber durch den Artikel Lust darauf bekommen hat, der sollte sich die DVD holen. Das Geld ist gut angelegt. Seit ich bei FOX auf diese Serie gestoßen bin, bin ich Fan. Tolle Schauspieler, gut geschnittene Charaktere und viel Situationskomik. Einfach genial. Hoffentlich kommt bald auch Staffel 2 auf DVD, die lief gleich im Anschluss an Staffel 1 bei FOX und ist genau so gut in Teilen sogar noch besser wie Staffel 1. Super. Rein theoretisch könnte die Serie im Free-TV vom Sendeschema bei RTL 2 laufen, aber da der Sender massiv sein Puplikum verdummt. Könnte das in die Hose gehen, die Serie hat ja auch Anspruch und ist nicht nur pure Unterhaltung. Hatte ich persönlich zwar auch vom Projekt "Game of Thrones" bei RTL 2 gedacht, dass ist aber widererwarten aufgegangen. Achso noch was hab ich, als Serie ist Shameless sehr übersichtlich gehalten, gemessen an der Episoden Anzahl aktuell 12 Folgen pro Staffel.
2. Remake
joek76 12.07.2012
Ich empfehle das britische Original, das nochmal sehr viel besser ist als das US-Remake. Läuft seit 2004.
3. Absolut empfehlenswert - auch auf deutsch
Fleno 12.07.2012
Stimme junkerjoerg völlig zu, eine der besten Serien seit langem und das auch in der deutschen Synronisation. Mittlerweile schaue ich mir fast alle Serien nur noch auf englisch an, aber hier wird sehr gut übersetzt und nichts weichgespült. EIn Grund mehr, die Serie weiterzuempfehlen. Des Weiteren finde ich es immer wieder erstaunlich, was für gegensetzliche Gefühle die Rolle des Familienvaters Frank auslöst. Da macht er etwas so herzzerreißendes und eine Minute später ist er wieder der Säufer, der seine Familie und sich selbst kaputt macht.
4. Schamlosigkeit auf die Spitze getrieben...
Dirk Schmidt 12.07.2012
Diese Serie ist die Entdeckung des Jahres! Sehr kreatives Drehbuch, spritzige Dialoge, tolle Schauspieler, geniale Handlungsstränge mit überraschenden Wendungen. Es wird NIE langweilig, nicht eine einzige Minute! Habe Staffel 1 & 2 auf FOX HD gesehen - und nicht eine einzige Folge verpaßt! Warte jetzt schon gespannt auf Staffel 3... hole mir die Serie garantiert auf DVD/Blu-Ray. Wenn's dir mal schlecht geht: Schau dir "Shameless" an, danach geht's dir garantiert besser. Und wenn du denkst, es geht nicht noch schamloser, dann setzt diese Serie noch (mindestens) einen obendrauf!
5. Grandios
ancoats 12.07.2012
Wer des Englischen so mächtig ist, dass er auch den nordenglischen Dialekt einigermaßen versteht, sollte trotzdem unbedingt das englische Original anschauen - die Serie hat einen sehr speziellen regionstypischen (Sprach-)Witz, der bei der Übersetzung weitgehend verloren geht. Manchester White Trash at its best. Wie auch immer: es ist eine absolut großartige und sehr witzige Serie über das Leben im sozialen Abseits, die ihre Figuren nicht vorführt, sondern respektiert. Ich möchte EIN MAL erleben, dass unser hochfinanziertes deutsches Fernsehen den Mut zu einer solchen Story hätte... Auch interessant: unerwarterweise hatte die durchaus harte, weil das Elend realistisch abbildende, Serie in GB großen Erfolg auch in älteren Zielgruppen (besonders Frauen): die sahen hier vor allem eine Familie, die im Prinzip "traditionelle britische" Werte verkörpert: Zusammenhalt, wenn's drauf ankommt, Kampfgeist, praktische Intelligenz. Unbedingt anschauen. So gut kann Unterhaltungsfernsehen sein...
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