"Shanghai Knights" Kung-Fu mit Gene Kelly

Albern, aber angenehm: In dem klassischen Abenteuerfilm "Shanghai Knights" prügeln und blödeln sich Jackie Chan und Owen Wilson durchs viktorianische London. Kung-Fu-Star Chan hat sich längst auch als Entertainment-Ikone des Westens etabliert.

Von Oliver Hüttmann


Actionstar Chan: Ringt mit den Widrigkeiten wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin
Constantin

Actionstar Chan: Ringt mit den Widrigkeiten wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin

Als das Privatfernsehen kam, trat auch Jackie Chan in unser Leben. Drollig wirbelte er nachts über den Bildschirm, leicht krummbeinig und mit einer Frisur, die Jahrzehnte früher zu einem chinesischen Laufbursche der Beatles gepasst hätte. Die Filme hatten ebenso martialische wie infantile Titel: "Der Superfighter", "Der Powerman", "Der Supercop". Man hatte nie davon gehört und merkte erst später, dass sie im Original auch nicht besser hießen.

Kaum anders war der Eindruck bei den Dialogen, die offenbar im Nebenjob von Pornodarstellern synchronisiert worden waren, schrille Klamauksätze ohne Punkt und Komma. Hektisch rannte, sprang, raste, grinste, trat und schlug Jackie Chan sich herum, um immer irgendjemanden oder sich selbst zu retten. Alles wirkte heruntergekurbelt, billig, B-Filme aus den Achtzigern. Der kleine Kerl aber zog mit kaum fassbarer Energie alle Aufmerksamkeit auf sich.

Chan-Erfolg "Rush Hour" (1998) mit Chris Tucker: Übernahme des Buddy-Prinzips
AP

Chan-Erfolg "Rush Hour" (1998) mit Chris Tucker: Übernahme des Buddy-Prinzips

Damals, Anfang der neunziger Jahre, war Jackie Chan mit diesen Streifen in Asien schon ein Superstar. Heute kann man ihn einen Weltstar nennen, weil die Leute ihn durch "Rumble In The Bronx" von 1996 auch in Amerika und Europa kennen lernten. Der Film unterscheidet sich im Konzept nicht von seinen Action-Komödien davor, war aber für den US-Markt produziert worden und zeigte nun ein Mindestmaß an westlichem Filmwitz. Plötzlich begriff man auch, worum es Jackie Chan geht. Er ist eben nicht der Superheld, auch kein Trottel, sondern eine milde Parodie auf das Klischee vom Chinesen, der entweder freundlich nickt oder mit der Handkante zuschlägt.

Jackie Chan macht beides. Wie Buster Keaton oder Charlie Chaplin ringt er mit den Widrigkeiten, reagiert nur auf Aggressionen und hat er sich deren Komik im Kung-Fu einverleibt. Eigentlich will er Ärger aus dem Weg gehen, befindet er sich stets auf der Flucht, kämpft trotzig im Rückwärtsgang und nutzt dabei mit schier unendlichem Einfallsreichtum jeden nur denkbaren Gegenstand. Es sind physische Pointen, mit denen der Akrobat unterhält. Und anders als die schöne Kunst und Magie der Martial Arts, wo Kämpfer sogar über Baumwipfel schweben, erstaunt seine listig-verzweifelte Selbstverteidigung gerade durch die Bodenhaftung, wenn er scheinbar mühelos physikalische Grenzen aushebelt.

Frühwerk "First Strike" (1996): Billige Produktionen, komische Titel
ProSieben

Frühwerk "First Strike" (1996): Billige Produktionen, komische Titel

Jackie Chan lässt sich gerne nachsagen, er mache jeden Stunt ohne Double und doppelten Boden und sei sein eigener Spezialeffekt. Insofern war "Rumble In The Bronx" sein kreativer Höhepunkt, während er mit seinem größten Erfolg "Rush Hour" und der Western-Komödie "Shang-High Noon" deutlich mehr zu jenem Buddy-Slapstick neigte, wie er typisch für Hollywood ist. Immerhin: Der Mann ist bereits 49. In diesem Alter haben ehemalige Spitzenathleten mit Sport allenfalls als Besitzer einer Rhea-Klinik zu tun.

So schmunzelt man auch beim Abspann von "Shanghai Knights" wieder über die Outtakes, wenn Jackie Chan sich vor Schmerz die müden Knochen reibt. Man sieht ihm in diesem Film an, das die Elastik gelitten hat und die Stunts weniger waghalsig ausgefallen sind. Aber es reicht immer noch für frappierende Ideen. So kettet er gewitzt drei Polizisten in einer Drehtür mit deren Handschellen an den Griff. Wie er das fertig bringt, kapiert man wohl auch nicht, würde man den Ablauf in Zeitlupe studieren. Bemerkenswert präzise und amüsant ist auch sein schlagkräftiger Tanz mit Taschendieben, denen er als Referenz an Gene Kellys "Singing In The Rain" mit einem Regenschirm auf die langen Finger klopft. Das hat den Charme und die Leichtigkeit von Burt Lancaster in "Der rote Korsar", die dem läppischen "Fluch der Karibik" fehlen.

Szene aus "Shanghai Knights": Harold Lloyd heiter nachgestellt
Constantin

Szene aus "Shanghai Knights": Harold Lloyd heiter nachgestellt

Solche Zitate machen "Shanghai Knights" zum klassischen Abenteuerfilm alter Schule, wie man den einen oder anderen an den Weihnachtstagen auch im Fernsehen wieder sehen kann. Jackie Chan reist mit seinem Kumpel Owen Wilson vom Wilden Westen ins viktorianische London, um dort den Mörder seines Vaters zu suchen und nebenbei die Queen vor einem Attentat zu retten. Vergnüglich wird die britische Kultur aufs Korn genommen, und das auch buchstäblich, wenn das Duo das Wachsfigurenkabinett von Madame Tussaud verwüstet oder mit einem Automobil gegen die Felsen von Stonehenge kracht. Jack The Ripper und Sherlock Holmes werden zu Witzfiguren, und am Uhrzeiger von Big Ben wird heiter Harold Lloyds berühmteste Szene aus "Der Wolkenkratzer" nachgestellt. Es ist albern, aber angenehm.

Bei Owen Wilsons verbalen Spitzfindigkeiten sollte man indes versuchen, die amerikanische Originalfassung zu sehen. Am Ende will er Jackie Chan für eine neue Idee begeistern, "bewegte Bilder aus Kalifornien". Da könne er sein Kung-Fu erst richtig entfalten. Und weil alles stumm sei, hätte er auch kein Problem mit seinem Akzent.


Shanghai Knights


USA 2003. Regie: David Dobkin. Drehbuch: Alfred Gough, Miles Millar. Darsteller: Jackie Chan, Owen Wilson, Aidan Gillen, Donnie Yen, Fan Siu Wong, Gemma Jones. Produktion: Spyglass Entertainment, Touchstone Pictures, Jackie Chan Films Limited, Birnbaum/Barber, All Knights Productions LLC. Verleih: Constantin. Länge: 115 Minuten. Start: 25. Dezember 2003



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.