Sherlock Holmes im Kino Tuntenball mit Krawall

Mehr Mätzchen, weniger Mystery: Der neue "Sherlock Holmes"-Film heißt zwar "Spiel im Schatten", wirft aber ein grelles Licht auf die Einfalt, mit der die erfolgreiche Serie auf Popcorn-Kurs gehalten wird. Und Robert Downey Jr.? Macht aus dem Meisterdetektiv einen Clown.

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Warner Bros.

Über 500 Millionen Dollar hat "Sherlock Holmes" seit Ende 2009 weltweit eingespielt. Das ist eine Zahl, die jede Kritik zum Verstummen bringen muss. Was nützt all das Nörgeln über verpasste Chancen und die Absenz von Intelligenz, wenn der Erfolg an der Kinokasse Guy Ritchie und seiner modernen Deutung des viktorianischen Detektivs Recht gibt? Wenn Grobheit über Geist siegt? Entspricht das nicht genau unserer Zeit? Mit ein paar schnellen Sprüchen feste zuschlagen, so sind doch auch die Regeln auf Facebook oder Twitter: Denken? Später. Lieber erst mal den gewitzten Kommentar absetzen und der Welt zeigen, dass man die Nase vorne hat. Je schneller, je ironischer, je mehr postmoderne Brechung, desto besser.

Ritchie ist mit genau diesem Spiel, alles als große Farce zu begreifen, berühmt geworden: "Bube, Dame, König, GrAS", "Snatch" und "RocknRolla" etablierten den Briten als Meister des schnell geschnittenen Lad-Movies: Ein Haufen kaputter Typen prügelt und schnackt sich durch eine verworrene Handlung, das Ganze gewürzt mit viel Cockney-Slang und Gewaltszenen in Slow Motion. Böse Zungen behaupten ja, das sei schon alles, was Madonnas Ex-Mann kann. Und wenn man sich "Sherlock Holmes: Spiel im Schatten" ansieht, mag man kaum widersprechen.

Denn die oben beschriebene Formel passt perfekt auf seine Conan-Doyle-Franchise, die vor zwei Jahren mit Robert Downey Jr. als Sherlock Holmes und Jude Law als Dr. John Watson begann und nun mit "Spiel im Schatten" fortgesetzt wird. Die Protagonisten sind hinreichend gestört: Der Meisterdetektiv hasst Frauen, läuft gerne mal als Drag Queen durch die Gegend, bekämpft sein Borderline-Syndrom mit Drogen und ist beleidigt, dass sein Kompagnon nicht auf homoerotische Avancen reagiert. Es scheint, als könnten seine legendäre Kombinationsgabe und sein Erfindungsreichtum schlicht nicht richtig funktionieren, wenn er sich nicht zu jeder sich bietenden Gelegenheit zum Clown machen würde.

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"Sherlock Holmes - Spiel im Schatten": Mummenschanz statt Mystery
Der verstockte Watson wiederum ist spielsüchtig und versucht einen Rest bürgerlicher Fassade aufrecht zu erhalten, indem er endlich seine puritanische Verlobte heiraten will. Doch die Faszination, die Holmes auf ihn ausübt, und die pure Abenteuerlust lassen ihn immer wieder dahinsinken, verführen ihn zum Abenteuer. Smarte, lakonische Einzeiler fallen im Minutentakt, und Lokalkolorit gibt es natürlich auch jede Menge, ob nun im liebevoll am Computer restaurierten London Queen Victorias, im Fin-de-siècle-Paris oder in einer grimmigen Bergfestung in den Alpen.

Und die Handlung? Holmes-Erzfeind Dr. Moriarty (leider nicht böse genug: Jared Harris) spielt mit gezielten Attentaten Europas Großmächte gegeneinander aus, um einen Weltkrieg zu provozieren und davon als Waffenfabrikant zu profitieren. Eigentlich ein hübscher Kommentar zur aktuellen Diskussion um die Skrupellosigkeit von Spekulanten. Nett eigentlich auch die Idee, die Superhirne Holmes und Moriarty zum Finale in einem Schachspiel gegeneinander antreten zu lassen. Doch über lauter Action und noch lauterem Geplapper wird der Plot mehr und mehr zur Nebensache und immer schwieriger nachvollziehbar. So wird "Sherlock Holmes" zu Ritchies Steampunk-Version von "Snatch".

Subtil ist das nicht, aber für einen Schenkelklopfer reicht's

Es gibt ein paar gelungene Momente in "Spiel im Schatten", etwa wenn Holmes Watsons Hochzeitsreise durchkreuzt, indem er sich an Bord des Zugs schmuggelt, mit dem das Paar nach Südengland unterwegs ist - und sich dafür als viktorianische Matrone verkleidet: Downey Jr., dem man Schamhaftigkeit zu allerletzt vorwerfen darf, sieht dabei aus wie eine Chimäre aus Jack Lemmon in "Manche mögen's heiß", Heath Ledgers Joker und Captain Jack Sparrow - und benimmt sich so überkandidelt wie alle drei zusammen.

Natürlich ist auch ein ganzer Trupp von Moriartys Schergen im Zug, und wenn Holmes und Watson im unvermeidlichen Kugelhagel plötzlich halbwegs koital übereinander kauern, ist das zwar zotig, aber lustig - und zerrt die im ersten Teil nur zaghaft angedeutete Bromance der beiden Detektive aus der Deckung. Metaphorik mit der Brechstange gibt es auch, als Holmes sich durch eine Lagerhalle voller riesiger, phallischer Granaten kämpfen muss. Subtil ist das nicht, aber für einen Schenkelklopfer reicht's.

Bei so viel knisternder Männerliebe haben es Frauen schwer: Watsons frisch angetraute Gattin Mary (Kelly Reilly) wird von Holmes im ersten Drittel des Films aus dem Zug und damit aus der Handlung geworfen, noch früher erwischt es Rachel McAdams, die noch einmal einen winzig kleinen Auftritt als Holmes-Freundin/Konkurrentin Irene Adler haben darf; am härtesten aber trifft es Noomi Rapace, Star der schwedischen "Millennium"-Filme, die, als Gypsy Woman ausstaffiert, in der zweiten Hälfte des Films neben Holmes und Watson herlaufen darf wie eine bessere Statistin.

Dabei wirkt Rapace immerhin noch um einiges tougher als die Hauptfigur. Denn Arthur Conan Doyles scharfsinniger Meisterdetektiv gibt sich unter Guy Ritchies Regie über weite Strecken einer enervierenden Larmoyanz hin und lässt die geistige Brillanz seiner literarischen Vorlage zur reinen Behauptung verkommen. Hielt Robert Downey Jr. im ersten Teil noch haarscharf die Balance zwischen Tollkühnheit und Travestie, so verkommt seine Holmes-Darstellung im zweiten Teil vollends zur Operette.

Wie man Staunen und Überraschung im Kino verhindert

Vielleicht sind zwei ähnlich dandyhaft gelagerte Franchise-Hauptrollen auf Dauer doch ein bisschen viel: Neben Holmes spielt Downey auch noch den Superhelden "Iron Man". Was vormals nuancenreiches Spiel war, erstarrt ebenso zur Formel wie der immer gleiche Inszenierungskniff Ritchies: die in Zeitlupe vorweg genommene Actionsequenz, in der man sich schon mal genau ansehen kann, welche Raffinesse Holmes bei seinem neuesten Trick wirken lässt, bevor alles in Echtgeschwindigkeit noch einmal abläuft. Wie man Staunen und Überraschung im Kino verhindert? Ungefähr so.

Das verschwiemelte Männer-Bonding, das mittelalterliche Frauenbild, die Zoten und die an Buddy-Movies aus den Achtzigern geschulte Krach-Bumm-Hahaha-Inszenierung ergeben am Ende eben doch keine sonderlich moderne Übersetzung der Holmes-Legende ins 21. Jahrhundert, sondern ein recht einfältiges, fast schon reaktionäres Rezept, dem Publikum möglichst wenig Hirnleistung abzuverlangen. Ist ja auch in Ordnung: Popcorn-Kino, und das ist "Spiel im Schatten" in Reinkultur, verlangt nach Pointen und Punches, nicht nach Kammerspiel.

Und dennoch: Wie man Sherlock Holmes wirklich intelligent und unterhaltsam modernisiert, hat die BBC unlängst mit ihrer Mini-Serie "Sherlock" gezeigt. 2012 soll es drei neue Folgen geben. Aber bis dahin hat Guy Ritchie bestimmt schon wieder 500 Millionen umgesetzt. Leider.



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Seite 1
joergsi 22.12.2011
1.
Zitat von sysopMehr Mätzchen, weniger*Mystery:*Der neue "Sherlock Holmes"-Film heißt zwar "Spiel im Schatten", wirft aber ein grelles Licht auf die Einfalt, mit der die erfolgreiche*Serie auf Popcorn-Kurs gehalten wird. Und Robert Downey Jr.? Macht aus dem Meisterdetektiv einen Clown. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,804924,00.html
Stimmt, von der BBC Serie ist der Film Lichtjahre entfernt! Weniger Krachbum, mehr Witz, Spannung und Wendungen! Alleine der dritte Teil, aber egal, wird sowieso keiner in Deutschland gesehen haben wegen der genialen Planer der ARD!
gehdoch 22.12.2011
2. Hm... eine Spiegelrezension, die mich anspricht? Ungewöhnlich...
Zitat von sysopMehr Mätzchen, weniger*Mystery:*Der neue "Sherlock Holmes"-Film heißt zwar "Spiel im Schatten", wirft aber ein grelles Licht auf die Einfalt, mit der die erfolgreiche*Serie auf Popcorn-Kurs gehalten wird. Und Robert Downey Jr.? Macht aus dem Meisterdetektiv einen Clown. http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,804924,00.html
Ich gebe es zu... Normalerweise liebe ich die SPON Kino Rezensionen,weil sie mit nahezu 100%iger Wahrscheinlichkeit den Gegensatz zu meiner Meinung bilden und damit ein prima Wegweiser sind.... in dem ich einfach in die andere Richtung gehe. Ich mag zwar die alten Guy Richie Filme, aber ich liebe auch Sherlock Homes und das geht für mich tatsächlich nicht zusammen.
manuelbaghorn 22.12.2011
3. !
"Über 500 Millionen Dollar hat "Sherlock Holmes" seit Ende 2009 weltweit eingespielt. Das ist eine Zahl, die jede Kritik zum Verstummen bringen muss. Was nützt all das Nörgeln über verpasste Chancen und die Absenz von Intelligenz, wenn der Erfolg an der Kinokasse Guy Ritchie und seiner modernen Deutung des viktorianischen Detektivs Recht gibt? Wenn Grobheit über Geist siegt? Entspricht das nicht genau unserer Zeit? Mit ein paar schnellen Sprüchen feste zuschlagen, so sind doch auch die Regeln auf Facebook oder Twitter: Denken? Später. Lieber erst mal den gewitzten Kommentar absetzen und der Welt zeigen, dass man die Nase vorne hat. Je schneller, je ironischer, je mehr postmoderne Brechung, desto besser." Soll der Autor dieses Artikels doch weiter sein französisches Independent-Kino gucken, zwingt ihn ja niemand dazu Hollywood-Produktionen zu gucken...
totalmayhem 22.12.2011
4.
Guy Ritchie gibt seinem Publikum genau das, was es von ihm erwartet. Und das sind nunmal keine Literaturverfilmungen. Waren uebrigens die Produktionen aus den 40er und 50er jahren mit Basil Rathbone und Peter Cushing auch nicht, sondern kaum verhohlene Kriegpropaganda oder schlicht Unterhaltung im Sinne des damaligen Zeitgeistes. Sollte so mancher junge Kinobesucher inspiriert werden, Sherlock Holmes zu lesen ist doch schon viel gewonnen, wozu also dieses Jammern auf hoechstem Niveau. Ich freue mich schon auf ihre Besprechung, wenn die zombifizierte Version von Jane Austen's Pride and Prejudice verfilmt wird. :)
bennysalomon 22.12.2011
5. toller Film
Hab den Film heute in einer ausverkauften Vorstellung gesehen, ca 700 Besucher. Fand den Film tolle so wie die meisten Besucher die nach Ende der Vorstellung applaudiert haben.
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