Shooting-Star Hannah Herzsprung "Ich habe mir meine eigenen Noten gemalt"

Hannah Herzsprung spielt in "Vier Minuten" eine aggressive Göre, deren Leben sich radikal ändert, als sie im Gefängnis Klavierunterricht bekommt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät sie, wie man Klavier spielt, ohne es zu können.


SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Rolle in "Vier Minuten" überhaupt bekommen? Es wurden ja insgesamt 1200 Mädchen für den Film gecastet.

Herzsprung: Ich bin ziemlich spät dazu gekommen. Die haben schon ein Jahr lang gecastet, haben aber bis dahin niemanden gefunden. Ich hatte mich zwar mit meinem Schauspielcoach sehr gut vorbereitet, war aber trotzdem sehr aufgeregt, weil ich diese Rolle unbedingt haben wollte. Und dann hatte ich Glück und bin in die zweite Runde gekommen.

Schauspielerin Herzsprung: "Ich versuche, mich nicht unter Druck setzen zu lassen"
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Schauspielerin Herzsprung: "Ich versuche, mich nicht unter Druck setzen zu lassen"

SPIEGEL ONLINE: Im Casting haben Sie gesagt, dass Sie Klavier spielen können. Stimmte das?

Herzsprung: Das Casting war ja eigentlich nicht dafür gedacht, zu testen, ob man Klavier spielen kann, sondern es wurden Szenen aus dem Drehbuch verlangt, die ich gelernt und vorgeführt habe. Danach haben sie mich dann gefragt: "Kannst Du denn auch Klavier spielen?" Und da habe ich halt einfach mal etwas übertrieben.

SPIEGEL ONLINE: Hat man Ihnen Ihre Notlüge übel genommen?

Herzsprung: Nein, nicht wirklich. Aber das war echt nicht so lustig, denn als ich dann die Rolle hatte, sollte ich nach Berlin fahren, um vorzuspielen, damit die sehen, wie gut ich es kann. Ja, und dann saß ich da und konnte es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Also ein Totalausfall?

Herzsprung: Als Kind habe ich mal "Für Elise" gekonnt. Wir hatten ein Klavier zu Hause und ich konnte schon immer sehr gut nach Gehör spielen. Also dachte ich: "Ach, das kann ich bestimmt noch", und habe groß angekündigt, dass ich "Für Elise" spielen werde - und dann kam der Flohwalzer! Der war so schlecht, es war eine Katastrophe. Und dann hatte ich Angst, dass ich die Rolle doch nicht mehr bekomme. Ich habe fünf Monate nur Klavier gespielt.

SPIEGEL ONLINE: Spielen Sie im Film nun tatsächlich alle Lieder selbst?

Herzsprung: Ja. Ich habe alles auswendig gelernt. Weil ich keine Noten lesen kann, habe ich mir meine eigenen Noten gemalt. Die sind wie Hieroglyphen, das ist total absurd. Ich habe die Finger nach Zahlen benannt und die Stücke dementsprechend aufgeschrieben. So wusste ich, welchen Finger ich wann wo spielen muss. Die Anfänge konnte ich alle auswendig, die habe ich fast perfekt gespielt, aber alles, was darüber hinaus mit den Fingern gedreht wurde, ist gedoubelt.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie an der Rolle der Jenny von Loeben besonders gereizt?

Herzsprung: Was muss mit so einem wohlerzogenen Mädchen, einer so tollen Pianistin, passieren, dass sie plötzlich hasserfüllt ist und auf die schiefe Bahn gerät? Das hat mich fasziniert.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Ihnen einige Charakterzüge von Jenny bekannt vor?

Herzsprung: Nein, gar nicht. Das war die große Herausforderung an dieser Rolle. Im Moment versucht gerade jeder herauszufinden, ob ich das bin. Aber ich bin das wirklich nicht und das ist auch gut, denn man muss sich vor solchen Rollen auch schützen. Ich bin noch nie abends als Jenny schlafen gegangen, sondern immer als Hannah.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als neue Nachwuchshoffnung im deutschen Kino. Lastet dadurch ein besonderer Druck auf Ihnen?

Herzsprung: Nein, überhaupt nicht. Ich mache einfach genauso weiter wie bisher auch, ich drehe ja schon, seitdem ich 15 bin. Die Produktion von "Vier Minuten" ist schon eineinhalb Jahre her, damals hat sich niemand für mich interessiert, und ich habe trotzdem diese Rolle spielen dürfen. Ich versuche, mich nicht unter Druck zu setzen und setzen zu lassen.

Das Interview führte Samira Neuhaus



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