Shooting-Star Lars Eidinger Anders als alle anderen

Er tanzt Breakdance als Hamlet, strippt im Sommernachtstraum - und tauschte die Bühne jetzt erstmals mit der Leinwand. In Maren Ades Film "Alle anderen" gibt der Theaterschauspieler Lars Eidinger ein beeindruckendes Kino-Debüt als Architekten-Sensibelchen.

Von Christine Wahl


Obwohl die Wetterlage eher einen Regenschirm erfordern würde, sitzt Lars Eidinger mit einer riesigen Sonnenbrille im Coffeeshop in Berlin-Mitte. Früher hätte er solche Inkognito-Maßnahmen ja nicht nötig gehabt, witzelt er zur Begrüßung und schiebt das Accessoire auf die Stirn. Aber jetzt, wo der erste Kinofilm mit ihm angelaufen sei...

Ironie hin oder her: Tatsächlich hat seine Rolle als entscheidungsschwaches Architekten-Sensibelchen Chris in Maren Ades grandioser Beziehungsstudie "Alle anderen" den Berliner Theaterschauspieler in die cineastische Königsklasse katapultiert. Von null auf hundert. Und völlig zu Recht. Den "Silbernen Bären", mit dem Eidingers Filmpartnerin Birgit Minichmayr verdientermaßen ausgezeichnet wurde, hätte es eigentlich im Doppelpack geben müssen.

"Früher habe ich höchstens einmal pro Woche mit meiner Agentur telefoniert", erzählt Eidinger. Seit der Filmpremiere im Februar bei der Berlinale hat er seine Agentin mindestens dreimal täglich an der Strippe. Und Zuhause stapeln sich die Drehbücher. Am Sonntag wird der 33-jährige Schauspieler, Hobbyfußballer und DJ im Schweriner "Polizeiruf 110" an der Seite von Fritzi Haberlandt dubiose Geschäfte mit der osteuropäischen Metall-Mafia abwickeln. Und für den Hessischen Rundfunk dreht er gerade mit Nicolette Krebitz und Devid Striesow, seinem alten Studienkumpel von der Berliner Schauspielschule Ernst Busch, die Dreiecksgeschichte "Verhältnisse".

Seinen ersten Kinofilm hat Lars Eidinger Nina Haun zu verdanken, Casterin für "Alle anderen"-Regisseurin Maren Ade. Sie ist Stammbesucherin der Berliner Schaubühne - er gehört dort schon seit zehn Jahren zur Top-Riege. Sein Auftritt als Partyanimateur in Shakespeares "Sommernachtstraum", den der Schaubühnenchef Thomas Ostermeier und die Choreografin Constanza Macras vor drei Jahren als schräg-schwüle Sommerfete inszenierten, gilt in Theaterkreisen als legendär.

Eidinger legte nicht nur einen Striptease hin, der jeden professionellen GoGo-Boy vor Neid erblassen ließe. Anschließend steckte er noch seinen Penis hingebungsvoll durch die Mundöffnung einer Totenkopfmaske, ließ ihn wie eine schwerfällige, alkoholisierte Zunge herausrüsseln und intonierte dann stilsicher hochtrabende Shakespeare-Verse. Dem Jugendmagazin "Jetzt" der Süddeutschen Zeitung musste er damals eigens in dieser Angelegenheit ein Interview geben: "Wie es ist, sich vor 350 Menschen auszuziehen."

Wer daraus allerdings schlussfolgert, dass Eidinger in expressiver Lässigkeit über seine Figuren hinweghuscht, irrt gewaltig. Der Schauspieler ist ein Perfektionist und Präzisionskünstler, der mitten im hochtourigsten Lauf plötzlich innehalten und mit einem einzigen Blick 27 Geschichten erzählen kann. So wie in "Alle anderen", wo Eidinger und Minichmayr aus dem heitersten italienischen Urlaubshimmel heraus den emotionalen Super-GAU herbeispielen - nur durch die Art, den anderen an- oder an ihm vorbeizuschauen.

Eidinger hat sich gründlich auf seine Rolle vorbereitet: Von einem befreundeten Architekten ließ er sich für einige Wochen als Praktikant in ein Architekturbüro einschleusen. "In den Mittagspausen habe ich ausgiebig über den Lehrter Stadtbahnhof gefachsimpelt", sagt er grinsend. "Aber ich wollte einfach nicht auf Klischees hereinfallen und einen Architekten mit Designerbrille und schwarzem Rollkragenpullover spielen."

Der Aufwand hat sich gelohnt: Der Identifikationsgrad ist gewaltig. Viele an der Produktion beteiligte Mittdreißiger, erzählt Eidinger, hätten sich während der Dreharbeiten von ihren Partnern getrennt. Seine eigene Frau, die Opernsängerin Ulrike Eidinger, merkte indes nur kritisch an, fast jeden Satz seines Filmcharakters Chris schon mindestens einmal auch von ihm gehört zu haben.

Kein Wunder - zählt doch Eidinger selbst zu jener Generation, die die antike Tragödie auf der Bühne eher ironisch bricht und das große Lebensdrama lieber im gemäßigtem Beziehungstalk klein hackt. "Ich wäre froh, wenn ich nein sagen könnte", gesteht Eidinger auf die Frage, inwiefern er sich mit seiner Figur Chris identifiziere.

Dass sein Blick auf diese Generation zwar frei von moralinsaurer Oberlehrerhaftigkeit, aber dennoch durchaus kritisch ist, hat Eidinger gerade bei seinem Regiedebüt an der Berliner Schaubühne bewiesen. Dort zwang er Schillers jugendliches Revoluzzer-Drama "Die Räuber" kurzerhand in ein Disco-Karaoke.

Wo der Student Karl Moor bei Schiller eine Räuberbande nach Robin-Hood-Vorbild gründet und schnell bei den Grenzfragen von Idealismus und Terrorismus landet, tanzt sich die unpolitische Generation bei Eidinger nurmehr durch achtziger Jahre Hits von Queen bis Rod Stewart. "Heute ist es doch völlig egal, ob ich Michael Jackson oder Che Guevara auf dem T-Shirt trage", meint Eidinger. "Keiner weiß mehr, wofür diese Leute eigentlich stehen."

Kaum hatte er auf der Berlinale sein Filmdebüt gefeiert, wurde er mit seiner "Räuber"-Inszenierung zum Münchner Nachwuchsregie-Festival "Radikal jung" eingeladen. Wohin das Pendel künftig ausschlagen wird, zur Bühne oder zur Leinwand, steht noch nicht fest.

In der Schaubühne tanzt Eidinger unterdessen weiter im Breakdance als Dänenprinz "Hamlet" über die Bühne, bewirft seine Kollegen mit prall gefüllten Tetrapacks und verkeilt sich kopfüber in Dekovorhängen. Bis er plötzlich ganz ruhig stehen bleibt, in den Zuschauerraum blickt und die berühmten Shakespeare-Zeilen spricht: "Sein oder Nichtsein, das ist die Frage."



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