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"Shrek der Dritte": Alptraumartig statt märchenhaft

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Computeranimierte Filme sind eben kein Kinderkram. Das dritte Kino-Abenteuer des grünen Ogers ist alles andere als eine leichte Familiensause: In der Märchenwelt werden Unterschichten-Probleme und Vaterschaftsnöte mit existenzialistischer Wucht auf den Punkt gebracht.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Was für ein verheißungsvoller letzter Satz für die Gewinnertypen der klassischen Märchen, also für all die schönen Prinzen und wachgeküssten Prinzessinnen. Aber natürlich muss diese etwas nebulöse Zukunftsprognose auch für die Verlierertypen des Märchenreiches gelten, also für die grimmigen Stiefmütter und gemeinen Magier. Dabei weiß man ja eigentlich recht wenig über den Verbleib der meisten Bösewichte. Einige sterben einen gerecht erscheinenden Tod, die meisten verschwinden einfach aus der Geschichte. Von Resozialisierungsmaßnahmen hat man in Märchen jedenfalls noch nie gelesen.

Eine Gesellschaft kann aber eben nur stark sein, wenn es ihr gelingt, auch die negativen Kräfte einzubinden. Und damit hapert es eben im Märchenreich Far Far Away, in dem auch der dritte Teil der "Shrek"-Saga spielt. Vor den Toren der Glitzer- und Glamourstadt haben sich in dunklen Kaschemmen die Aussortierten versammelt: Giftzwerge, Zyklopen, Besenreiterinnen und auch Captain Hook. In prekären Verhältnissen schlagen sie sich durch, während die Märchengewinner frei von allen materiellen Sorgen ihr Idyll genießen dürfen. Der ideale Nährboden einer Neidgesellschaft.

So hat Prinz Charming, der ölige Unterschichtenentertainer, den man sich auch ganz gut als Moderator einer RTL-II-Gewinnshow vorstellen könnte, leichtes Spiel. Der Aufstiegswillige mobilisiert die Abtrünnigen und die Arbeitsmarktverlierer der Märchenwelt zum Sturm auf Far Far Away. Der Zeitpunkt ist günstig. Den regierenden Froschkönig hat es nach dem Verspeisen einer letzten Fliege dahingerafft, sein Schwiegersohn Shrek ist ausgezogen den einzig möglichen Thronfolger aufzustöbern und heimzuholen. Seine Braut Prinzessin Fiona musste er schwanger im Königspalast zurücklassen, bewacht nur vom verpennten Schneewittchen, der falschen Blondine Rapunzel, einem Jungen aus Holz und einem Lebkuchenmännchen.

Auch der dritte Teil um den grünen Schlammbader ist also eine wunderbare De- und Remontage bekannter Märchen-Motive geworden. Diesmal führte Chris Miller Regie, der bereits als Chef-Animateur an DreamWorks Zoologen-Abenteuer "Madagaskar" beteiligt war. Der dort so lustvoll wie intelligent betriebene Comic-Darwinismus überforderte so manchen kleinen Zuschauer, und auch "Shrek der Dritte" könnte in seiner ungebremsten, manchmal gar aggressiven Detailfreude so manchen Knirps erschrocken aus dem Kinosessel reißen.

Computeranimierte Filmkunst ist eben alles andere als Kinderkram. Allein, wie es Miller und seinem Co-Regisseur Raman Hui gelingt, dem Lebkuchenmännchen in einer kaum 30-sekündigen Sequenz ein Leben samt aller menschenmöglichen Höhen und Tiefen zu schenken, dürfte das Abstraktionsvermögen der ganz jungen Zuschauer überfordern. Als dem beseelten Keks der Tod droht, sieht dieser noch mal seinen Werdegang im Extremzeitraffer vor sich ablaufen: Wie er aus dem Ofen geholt wird und die Welt erblickt, wie er auf dem Schulhof Demütigungen durch stärkere Backwaren erleidet, wie er im Stil von "Rocky" den knusprigen Körper trainiert und wie er schließlich Hand in Hand mit der seiner großen Liebe mit seinen Süßteigbeinchen geschmeidig über grüne Wiesen hüpft.

Wie könnte in Anbetracht solch existenzialistischer Wucht ein Sechsjähriger wissen, was da eigentlich erzählt wird. Und auch die Vaterschaftsgeschichte von "Shrek" weiß man wohl erst mit einer gewissen Lebenserfahrung zu goutieren: Denn die Rolle des Ernährers wird von dem Kinderschreck und Einzelgänger mit größter Panik anvisiert: Schließlich verspeisen Oger wie er schon mal den eigenen Nachwuchs, und der Ausfluss von Körpersäften potenziert sich bei diesen Kreaturen im Vergleich zu Menschenbabys um ein Vielfaches.

Geschickt kombinieren die zitierfreudigen "Shrek"-Macher für diesen Themenkomplex aus ganz unterschiedlichen Filmen zum Thema Nachwuchs, so dass die anstehende Domestizierung des ungewaschenen Hallodris in einem schönen Schwebezustand gehalten wird: Wie sich Shrek in die Rolle des Windelwechslers einfindet, erinnert zwar streckenweise an die Yuppie-Schmonzette "Family Man" mit Nicolas Cage, dafür verweisen die alptraumhaften Babybett-Sequenzen auf "Rosemarys Baby". Das Grauen schlummert in der Krippe.

Dem grünen Freigeist, der eigentlich ganz glücklich ist, wenn er sich alleine im Schlamm wälzen darf, wird in seinem dritten Abenteuer also familiär und gesellschaftlich aufs übelste mitgespielt. Am Ende, als Horden arbeitsloser Märchenbösewichter in Far Far Away eingefallen sind, legt Prinz Charming dann den Helden – "King Kong" lässt grüßen – für eine grottenschlechte Musical-Produktion in Ketten. Die wilde Kreatur wurde besiegt, Unterschichtenanimateur Charming singt dazu ein paar scheußliche Lieder. Lauf weg, Shrek, so lange du noch kannst!

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Shrek der Dritte: Höhen und Tiefen des Schlammbaders

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