Musik-Exzentriker Chilly Gonzales "Hasst ihr diesen Typen nicht?"

Megalomaner Großkotz? Oder sensibler Chansonnier? Das Filmporträt "Shut Up and Play the Piano" versucht, hinter die Maske des Exzentrikers Chilly Gonzales zu blicken.

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Chilly Gonzales geht gleich in die Vollen. Er trägt einen pinkfarbenen Anzug und schnaubt verächtlich: "Schaut mich an. Habe ich das Lob, den Reichtum etwa verdient? Wohl kaum! Ich bin verlogen, ich nehme das alles gar nicht ernst. Kommt schon, hasst ihr diesen Typen nicht?"

Und damit ist schon viel gesagt über den exzentrischen Musiker Jason Beck aka Chilly Gonzales. Er kann nicht ohne Publikum - aber gibt vor, es zu verachten. Mal gibt er sich tiefgründig, mal wahnsinnig, dann wieder arrogant - das trägt seine Bühnenshows am Mikrofon wie am Klavier.

Was Chilly Gonzales, 46, hervorbringt, ist deshalb immer extrem unterhaltsam. Ein Film über ihn kann im Prinzip gar nicht schiefgehen. Jetzt ist ein erster Versuch erschienen: die Doku "Shut Up and Play the Piano".

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"Shut Up and Play the Piano": Schrei nach Aufmerksamkeit

Der Erstling des Regisseurs Philipp Jedike schafft es jedoch nicht, hinter die so sorgfältig gepflegte Fassade Gonzales' zu schauen. "Shut Up and Play the Piano" ist klassische Doku-Arbeit aus Archivbildern, Konzertmitschnitten und Interviews. Private Filmaufnahmen waren tabu, Gonzo verwies auf seine Songtexte, damit sei alles gesagt.

Vom Künstler zum Entertainer zum Künstler

Auch Schriftstellerin und SPIEGEL-ONLINE-Kolumnistin Sibylle Berg entlockt ihm im rahmenden Interview wenig Privates. Gonzales rekapituliert mit Berg erste Klavierstunden, die Konkurrenz zu seinem Bruder und wie er mit über 40 Jahren angefangen habe, nach Noten zu spielen.

Im einzigen intimen Moment des Films sieht man das selbsternannte Musikgenie, wie es sich durch Etüden quält: "Für einen Akkord von Ravel brauchte ich zwei Minuten, wie ein Achtjähriger." Letztlich revidiert er aber alles, als er Berg später erzählt: "Journalisten, die seit Jahren die gleichen Fragen stellen, verdienen höchstens eine Fälschung. Sie verdienen einen Schauspieler, nicht die Realität."

Auch für "Shut Up" gibt Gonzales nicht mehr preis als seine Bühnenpersona. Dass der Film trotzdem sehenswert ist, liegt an der irren Energie und Vielseitigkeit, mit der sich sein Protagonist dem Musizieren, Performen und Komponieren hingibt, sowie seinen Wegbegleitern: Peaches, Mocky, Feist, Daft Punk, Jarvis Cocker. Gonzales dazwischen, halb megalomaner Rapper mit "drittem Hoden", halb sensibler Chansonnier am Klavier.


"Shut Up and Play the Piano"
D/F/UK 2018
Buch und Regie:
Philipp Jedicke
Mit: Chilly Gonzales, Peaches, Leslie Feist, Sibylle Berg, Jarvis Cocker
Produktion: Rapid Eye Movies, Gentle Threat, ZDF/Arte
Verleih: Rapid Eye Movies
Länge: 82 Minuten
Start: 20. September 2018


Elektropunk-Frau Peaches erzählt, wie sie, Gonzales und Mocky in Toronto ihre erste Band gründeten und sie selbstbewusst "The Shit" nannten. Anfang der Neunzigerjahre zogen Peaches und Gonzales nach Berlin. "Berlin war eine Spielwiese, ein wahr gewordener Traum", sagt Gonzales über den Nachwende-Underground.

Er stieß zur schrägen Handpuppen-Rap-Band Puppetmastaz und tobte mit Peaches über die Bühne. "Ich befriedigte den Künstler in mir", sagt Gonzales, doch für seinen Lebensunterhalt spielte er Klavier in Restaurants. "Bis ich Rap entdeckte. Ich war elektrisiert. Endlich konnte ich oberflächlich und tiefgründig zugleich sein", sagte Gonzales, "die kapitalistische Rachefantasie des HipHop war genau mein Ding."

Das Klavier, sein roter Faden

Dann kam der Bruch und mit ihm der Erfolg. Gonzales verlegte sich auf das Komponieren. Er schafft seitdem zärtliche Miniaturen, die nach Eric Satie oder Brahms oder Hooks aus der Popmusik klingen. Gerade ist "Solo Piano III" erschienen, der Abschluss seiner Klavier-Trilogie - kein Kitsch, aber leicht zu konsumieren. "Es ist zeitlos. Das wird noch 100 Jahre Bestand haben", glaubt Feist, "es ist der rote Faden in seinem Leben. Er hält die Klappe und spielt Klavier."

Von zu viel Konsens distanziert er sich bei seinen Shows in Bademantel und Pantoffeln, dort doziert er über Halbtonschritte und beschwört kommerziellen Erfolg als ewige Antriebsfeder. Es folgten ein Grammy mit Daft Punk, ein Weltrekord im Langzeitklavierspielen (27 Stunden) und eine Dreiton-Melodie, die durch eine Apple-Werbung weltweit bekannt wurde. Er brachte ein Kammermusik-Album heraus und schrieb mit Jarvis Cocker Songs über das Chateau Marmont in Hollywood.

Chilly Gonzales war nie ein großer Rapper oder ein begnadeter Pianist. "Ich bin nicht sicher, ob er an einer Musikhochschule die Aufnahmeprüfung bestehen würde", unkt ein Wiener Dirigent. Aber er weiß genau, was er tut, und ist dabei so professionell und respektlos zugleich, dass man ihn einfach sehen will.

Im Video: Der Trailer zu "Shut Up and Play the Piano"

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