Actionfilm "Sicario 2" Rambo kommt nach Mexiko

Der Film zu Trumps harter Immigrations- und Abschottungspolitik: Im brutal-reaktionären Actionthriller "Sicario 2" wird das mexikanische Grenzland zum Spielplatz zynischer US-Strategen und -Killer.

Studiocanal

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Irgendwo im Niemandsland zwischen den USA und Mexiko liegen drei Gebetsteppiche im Staub. Wenig später marschieren drei arabisch aussehende Männer in einen Supermarkt in Kansas - und sprengen sich in die Luft. Eine Mutter mit einem kleinen Kind versucht, sich ins Freie zu retten, fleht einen der Männer an: "Sie müssen das nicht tun!" Doch der Terrorist lässt die beiden nicht entkommen.

Diese wirkungsvoll aus der Dunkelheit in die hell erleuchtete Warenwelt hinein gefilmte Szene geht mehr unter die Haut als alle anderen Gräueltaten, die im Verlauf von "Sicario 2" gezeigt werden. Und davon gibt es einige. Die Szene ist deshalb von so perfider Effektivität, weil sie ins Zentrum der bürgerlichen Angst zielt, auf die unbekannte Bedrohung, die sich nach 9/11 im Bewusstsein der Amerikaner verankert hat: Das Böse kann immer und überall zuschlagen.

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"Sicario 2": Geballer an der Grenze

Und weil das Böse dank schärferer Kontrollen an den Flughäfen nicht mehr einfliegen kann, kommt es im wilden, gesetzlosen Südwesten über Land, eingeschleust von mexikanischen Kartellen, die mit somalischen Piraten und IS-Milizen im Nahen Osten eine profitgeile Schlepperallianz bilden und Amerika nicht mehr nur mit Drogen und unerwünschten Einwanderern fluten, sondern auch mit Terror. Und zwar über jene Grenze, die US-Präsident Donald Trump bekanntlich mit einer Mauer abriegeln will.

Das zumindest ist die Angst-Phantasmagorie, derer sich Drehbuchautor Taylor Sheridan für "Sicario 2" bedient, einer Fortsetzung des vielschichtigen Thrillers "Sicario" von 2015. Auch damals ging es um den Krieg im Grenzland, allerdings installierte Regisseur Denis Villeneuve ("Arrival", "Blade Runner 2049") ein paar wichtige Fragen, zum Beispiel die nach der Abgrenzung zwischen Staatsmacht und Gangstern, wenn sich beide Parteien fragwürdigster Mittel bedienen.

Statt Villeneuve übernahm nun der für Brutalo-Stoffe bekannte Italiener Stefano Sollima ("Suburra", "Gomorrha") die Regie. Herausgekommen ist ein harter, streckenweise virtuos inszenierter Film, der das Unbehagen des Originals zugunsten einer reaktionären Westernlogik opfert. Zu "Sicario" verhält er sich in etwa so wie in den Achtzigern "Rambo II" zu "First Blood": Das Nachbarland Mexiko wird kriminalisiert, als wäre "Sicario 2" ein inoffizieller Werbefilm für Trumps paranoide Politik der Abschottung: Jeder Mexikaner ist potenziell ein korrupter Schurke.

Auf die moderierende Rolle der Polizistin Kate Macer (damals: Emily Blunt) verzichtete Sheridan. Und damit nicht nur auf die einzig relevante Frauenrolle, sondern auch auf das moralische Gewissen und die kritische Distanz seines Films. Stattdessen schmückt er die Geschichte um den rachsüchtigen mexikanischen Killer Alejandro (Benicio Del Toro) und den skrupellosen CIA-Ausputzer Matt Graver (Josh Brolin) weiter aus.

Graver will die verfeindeten Kartelle gegeneinander aufzuhetzen, damit sie sich in einem blutigen Konkurrenzkrieg selbst dezimieren. "Das könnte schmutzig werden", warnt der Mann fürs Grobe den schmierigen US-Verteidigungsminister (Matthew Modine), der nüchtern antwortet: "Dafür haben wir Sie ja geholt."


Sicario 2

USA 2018
Originaltitel: Sicario: Day of the Soldado
Regie: Stefano Sollima
Drehbuch: Taylor Sheridan
Darsteller: Benicio Del Toro, Josh Brolin, Isabela Moner, Elijah Rodriguez, Jeffrey Donovan, Catherine Keener, Matthew Modine
Produktion: Black Label Media, Rai Cinema, Thunder Road Pictures
Verleih: Studiocanal
Länge: 122 Minuten
FSK: ab 18
Start: 19. Juli 2018


Wer Graver holt, bekommt auch dessen bar jeder Staatsverantwortung agierenden Handlanger Alejandro. Er soll die 16-jährige Tochter ausgerechnet jenes Drogenbosses entführen, der einst Alejandros Familie umbringen ließ, um den beabsichtigten Unfrieden zu stiften. Im brutalen Chaos, das sich daraufhin entfaltet, wird nicht nur Gravers paramilitärisch organisierte Undercover-Aktion pulverisiert, sondern auch der politische Popanz: Dass die Selbstmordattentäter von Kansas gar nicht über Mexiko ins Land gelangten, ist ein am Rande erwähntes Detail, das im machohaften Geballer und Getöse unterzugehen droht.

Von den Behörden zu Freiwild erklärt, wird Alejandro auf sich selbst zurückgeworfen. In dieser zweiten, aufs Existenzialistische schrumpfenden Hälfte von "Sicario 2" ist Taylor Sheridan ganz bei seinen Lieblingsmotiven: Wie in "Hell or High Water" und "Wind River" entwirft er Männer, die in einer verdorbenen Welt ihrem eigenen Kompass folgen: gern handfest und pragmatisch, gern außerhalb des Gesetzes, aber stets mit einem letzten Rest Anstand ausgestattet.

In einer Szene zitiert er John Fords umstrittenen Western "The Searchers" und lässt ein zartes Verständnis zwischen dem wortkargen Killer und dem entführten Mädchen (Isabela Moner) entstehen. Zwei Generationen Mexiko, in posttraumatischer Störung vereint.

Fast meint man, der Film bekäme spät doch noch die Kurve vom Knall- und Krawallvehikel zum Kommentar jener zerstörerischen Wirkung der Grenzkonflikte, unter denen ja - im Kinderlager-Eklat gerade aktuell - auch in der Realität die Jüngsten am meisten zu leiden haben. Eine Nebenhandlung um den jungen Nachwuchsschleuser Miguel (Elijah Rodriguez), dessen Wege sich mit Alejandros kreuzen, macht ebenfalls Hoffnung auf mehr inhaltliche und emotionale Tiefe. In der kalten und effekthascherischen Ökonomie von "Sicario 2" dient Miguels Geschichte jedoch vorerst nur dazu, den geplanten dritten Teil anzuteasern. Er kann nur besser werden.

Im Video: Der Trailer zu "Sicario 2"

Studiocanal
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insgesamt 14 Beiträge
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Walther Kempinski 20.07.2018
1. Unlogisch
Die Handlung erscheint mir recht unlogisch. Im ersten Teil wollte Graver noch die vielen verfeindeten mexikanischen Syndikate durch das einzelne kolumbianische Kartell ersetzen. Frei nach dem Motto: "Ein großer Löwe ist uns lieber als 100 Katzen. Das gibt weniger Blutvergießen und die sind leichter zu steuern". Das ist real-politisch zwar unsinnig, da in jedem sonstigen Mafiafilm die unterschiedlichen Familien auch immer gegeneinander aufgehetzt werden (spart der Polizei Arbeit). Nun will man das genaue Gegenteil einleiten? Also das Prinzip aus den Mafiafilmen einführen und den ersten Teil somit komplett negieren? Ich hab Teil 2 nicht gesehen, ich freu mich aber schon auf die glorreiche Erklärung dafür. Ich wette jedoch das wird nicht erklärt.
Pickle_Rick 20.07.2018
2.
"Heraus gekommen ist ein harter, streckenweise virtuos inszenierter Film, der das Unbehagen des Originals zugunsten einer reaktionären Westernlogik opfert." Na toll, hab's doch gewusst. Sicario war ein richtig guter Thriller mit nicht zu viel und nicht zu wenig Action. Kate Macer war extrem wichtig, da sie als Gegenpol zu Alejandro agierte. Obwohl sie als Polizeibeamtin bereits ein paar Erfahrungen gemacht hatte, hat sie die Welt in der der Sicario agierte schockiert und das hat diese fast schon surreal düstere Welt der Grenzregion ausgezeichnet transportiert. Ihre Sichtweise und ihre Reaktionen haben im Film gezeigt wie die meisten Zuschauer auf das Handeln der Staatsbeamten, der Handlanger und der Gangster reagiert hätten. Zum Beispiel bei der Fahrt nach Juárez. Nach dem ersten Trailer zum zweiten Teil habe ich schon befürchtet, dass der Film zum beliebigen Actiongeballer verkommt. Man benötigt daher auch nur noch die Charaktere, die für Action taugen. Nix gegen unterhaltsames Popcornkino aber dazu muss man sich nicht an das Setting und die Personen aus dem ersten Teil klammern. Wahrscheinlich werde ich mir Sicario 2 irgendwann mal ansehen. Trottzdem fraglich ob der Film das Label des ersten Teils haben muss.
observerlbg 20.07.2018
3. Klingt nach einem echten "Männerfilm"
Hier bei SPON werden doch immer wieder die richtigen Worte gefunden, um uns Männer den Film so richtig schmackhaft zu machen. Wird ich mir wahrscheinlich demnächst wieder frühmorgens mit Kopfhörer per Netflix oder Maxdome allein ansehen. Meine Liebste hält mich diesbezüglich eh für weniger reif ;-)
rogerm 20.07.2018
4. Moderner Western
Die Macher hätten sich die ersten 20 Minuten mit dem ganzen unnötigen Terrorismusquatsch sparen müssen, der Rest des Films ist dann einfach nur ein verdammt guter moderner Western und für mich einer der besten Filme der letzten Jahre.
zgembozabuslic 20.07.2018
5. The Counselor
Beide Sicario Filme sind solide gemacht, mehr aber auch nicht. Wer einen richtig guten Film zu diesem Thema sucht, sollte sich "The Counselor" anschauen. Der spielt in einer ganz anderen Liga.
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