"Sicario"-Regisseur Denis Villeneuve "Ich begebe mich mit jedem Film in Gefahr"

Soll man Drogenbosse mit ihren eigenen Waffen schlagen? Um diese moralisch schwierige Frage dreht sich der Kino-Thriller "Sicario". Regisseur Denis Villeneuve glaubt nicht, dass man mit Gewalt Probleme lösen kann. Eigentlich.

Studiocanal/ Richard Foreman

Ein Interview von


Zur Person
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    Denis Villeneuve, 1967 in der kanadischen Provinz Quebec geboren, machte sich mit Filmen wie "Polytechnique" einen Namen, bevor er mit dem Nahost-Drama "Die Frau, die singt" (2011) eine Oscar-Nominierung bekam und Hollywood begeisterte. Dem Kunstkino blieb er mit "Enemy" (2013) treu, zugleich drehte er den packenden US-Krimi "Prisoners". Sein nächster Film ist die Fortsetzung von "Blade Runner".
SPIEGEL ONLINE: Mr. Villeneuve, ist die mexikanische Grenzstadt Juárez wirklich ein so grauenhafter Ort, wie Sie ihn in Ihrem Film "Sicario" darstellen (Unsere Rezension lesen Sie hier)? In einer eindrücklichen Szene sieht man Opfer von Gangkriegen, die an Stricken von einer Autobahnbrücke gehängt wurden.

Villeneuve: Es gibt durchaus eine gewisse Spannung dort. Als wir zur Location-Suche hingefahren sind, mussten wir von einer bewaffneten Eskorte begleitet werden. Allein das ist eindrucksvoll, von Bodyguards mit Maschinenpistolen umringt zu sein. Es macht dich nervös. Weil auch diese großen, schwerbewaffneten Männer nervös sind! Selbst normale Polizisten sehen in Juárez aus wie Soldaten im Kriegseinsatz. Überall sind Einschusslöcher in den Mauern zu sehen, überall hängen Poster mit den Gesichtern verschwundener Frauen. Juárez ist kein Ort, den man einfach so, als Tourist, besucht. Es hat eine sehr intensive Atmosphäre, wie in einem Kriegsgebiet.

SPIEGEL ONLINE: In dieses Kriegsgebiet reisen in "Sicario" einige CIA- und FBI-Agenten und US-Soldaten, um den Krieg gegen die Drogenbanden mit illegalen Mitteln zu führen. Liegt darin die Lösung: Muss man sich die Kartell-Methoden aneignen, um zu gewinnen, Gewalt gegen Gewalt?

Villeneuve: Das war zumindest der Ausgangspunkt der Geschichte, die wir in "Sicario" erzählen. In dem Film geht es eigentlich gar nicht so sehr um die einzelnen Charaktere, es ist eine Geschichte über Amerika, über dieses Phantasma, das es meiner Meinung nach zum ersten Mal im Zweiten Weltkrieg gab: dass es möglich ist, Konflikte außerhalb der eigenen Grenzen mit extremer Gewalt zu lösen und den Schurken mit deren eigenen Mitteln die Regeln zu diktieren.

SPIEGEL ONLINE: Pure Wunschvorstellung? Oder ist vielleicht doch ein Körnchen Wahrheit drin?

Villeneuve: Ich dachte zunächst, es wäre reine Fiktion. Aber wenn man beim FBI nachfragt, ob es sich manchmal der Hilfe des Militärs bedient, um beispielsweise, wie im Film, einen Drogenboss aus Mexiko zu entführen, um ihn in den USA zu verhören, dann bekommt man immer dieselbe Antwort: No comment.

SPIEGEL ONLINE: Natürlich.

Villeneuve: Natürlich! Aber ich habe mich auch mit den ehemaligen Delta-Force-Soldaten und Navy Seals unterhalten, die wir am Set hatten, nicht nur als Berater, sondern auch als Statisten. Einen von ihnen fragte ich einmal, womit er seinen Lebensunterhalt verdient. Er sagte, er hätte ein Privatunternehmen. Sein Job sei es schlicht und einfach, zusammen mit ein paar anderen Jungs in fremde Länder zu reisen und für die US-Regierung bestimmte Dinge zu erledigen, die eine offizielle Behörde nicht tun kann, weil sie die Grenzen der Legalität nicht überschreiten darf.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre denn in Ihren Augen die Alternative zu dieser Praxis, wenn es sie denn gibt?

Villeneuve: Das ist genau die Frage, um die sich "Sicario" dreht, ich habe leider keine Antwort darauf. Sie sind Deutscher, bitte entschuldigen Sie, aber ich denke dabei oft an den Zweiten Weltkrieg. Damals war es notwendig, mit Gewalt zu reagieren, so wahnsinnig war das, was Hitler getan hat. Aber verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin strikt gegen Gewaltanwendung, und ich bin mir sehr bewusst, dass man die Konsequenzen nicht absehen kann: In den Irak einzumarschieren, war ein Fehler und hat nur noch mehr Probleme geschaffen. Jetzt haben wir es nicht mehr nur mit Saddam Hussein zu tun, sondern in direkter Konsequenz mit dem IS.

Sehen Sie hier den Trailer zu "Sicario":

SPIEGEL ONLINE: Große Teile von "Sicario" werden aus der Perspektive der FBI-Agentin Kate Mercer geschildert. Sie wird von der CIA angeheuert, bei einer illegalen Operation in Juárez zu helfen und gerät darüber in einen moralischen Konflikt. Glauben Sie wirklich, dass eine Beamtin, deren Einsatzgebiet die Grenze zu Mexiko ist, derart naiv sein kann?

Villeneuve: Das war auch meine anfängliche Sorge. Aber deswegen habe ich Emily Blunt für die Rolle ausgewählt, ich wollte eine möglichst jugendliche, verletzlich wirkende Darstellerin vor der Kamera. Kate Mercer ist unerfahren und vermeintlich leicht zu manipulieren, das ist der Grund, warum sie von der CIA für diese Aufgabe ausgewählt wird. Aber dass sie jung ist, bedeutet eben auch, dass ihre Sichtweise auf bestimmte Dinge noch nicht so dogmatisch ist wie bei vielen älteren Kollegen, die sich nach dem 11. September sehr auf die Homeland Security versteift haben. Um diesen Übergang zwischen verschiedenen Agenten-Generationen ging es mir in "Sicario", ich wollte zeigen, wie eine neue Generation sich in einer zunehmend gesetzlosen Welt verhält.

SPIEGEL ONLINE: Für eine neue Generation von Kinogängern drehen Sie demnächst die Fortsetzung des Science-Fiction-Klassikers "Blade Runner". Schon aufgeregt?

Villeneuve: Aufgeregt ist gar kein Ausdruck! "Blade Runner" ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme, ich habe ihn wahrscheinlich 50-mal gesehen, ich kenne ihn in- und auswendig! Als ich davon hörte, dass es eine Fortsetzung geben soll, war ich einerseits aus dem Häuschen, andererseits dachte ich aber auch: Seid ihr wahnsinnig!?

SPIEGEL ONLINE: Und dann hatten Sie das Drehbuch in der Post.

Villeneuve: Ja, und das hat mich fast zu Tränen gerührt. Was mich überzeugt hat, den Job anzunehmen, war das starke Drehbuch und dass ich den Segen von Ridley Scott habe. Dennoch bin ich mir bewusst, dass es Leute da draußen gibt, auch Kritiker, die schon jetzt die Baseballkeulen gezückt haben, um mich zu verprügeln. Aber wissen Sie was? Ich fühle mich ganz gut mit diesem Druck. Ich liebe Risiken und begebe mich mit jedem Film aufs Neue in Gefahr.

Sicario

    USA 2015

    Regie: Denis Villeneuve

    Drehbuch: Taylor Sheridan

    Darsteller: Emily Blunt, Benicio Del Toro, Josh Brolin, Jon Bernthal, Victor Garber, Jeffrey Donovan

    Produktion: Thunder Road Pictures

    Verleih: StudioCanal

    Länge: 122 Minuten

    FSK: ab 16 Jahren

    Start: 1. Oktober 2015

  • Offizielle Webseite zum Film

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Seite 1
glasshaus 07.10.2015
1. Den Film kann ich nur empfehlen!
Kurzweilige Abendunterhaltung. Natürlich nur für jene welche kein Problem mit exzessiver Gewalt, Waffen, Männern in Uniform, und gewissem old school Machogehabe haben! Wer damit ein Problem hat sollte statt dessen besser seinen Jutebeutel flicken; er könnte nämlich sonst ein wenig in seinem Weltbild verstört werden...
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