"Sideways"-Regisseur Alexander Payne "Gute Weinkenntnis ist wie Yoga"

Alexander Paynes weinseliges Roadmovie "Sideways" ist für fünf Oscars nominiert, unter anderem als bester Film. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der 44-jährige US-Regisseur über seine alkoholischen Vorlieben, die Vorteile von Roman-Adaptionen und die Nachteile des Hollywood-Systems.




Regisseur Payne: "Ich mag Merlot"
AFP

Regisseur Payne: "Ich mag Merlot"

SPIEGEL ONLINE:

Mister Payne, Sie haben die Weine für Ihren Film selbst ausgesucht. Nach welchen Kriterien?

Payne: Ich habe einfach die Weine gewählt, die ich gerne mochte. Ich habe mich nicht unbedingt für die besten Weine entschieden, sondern für jene, die mir persönlich zusagten. Ich bin kein Weinkenner, nur ein Liebhaber. Eine gute Weinkenntnis ist wie Yoga: Man muss ständig üben und wird es doch nie vollständig beherrschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihre Liebe zum Wein entdeckt?

Payne: 1991 kam ich in den Genuss einer Flasche 1980er Sassicaia. Ich habe zwar immer gerne Wein getrunken, mich aber nie wirklich mit der Materie beschäftigt. Als ich schließlich diesen Sassicaia kostete, war ich überrascht, welche Gefühle Wein auslösen kann - das war die Initialzündung. Dieses Erlebnis habe ich auch in meinem Film verwendet: Die Hauptfigur Miles erzählt in einer Szene, wie eine Flasche 1980er Sassicaia sein Leben veränderte.

SPIEGEL ONLINE: Ihrem Film nach zu urteilen mögen Sie keinen Merlot?

Payne: Im Gegenteil, ich mag ihn sehr gern! In den USA ist Merlot äußerst beliebt. Miles, der Filmprotagonist, ist jedoch eingefleischter Pinot-Fan, deshalb sagt er in einer Restaurant-Szene diesen markanten Satz: "Wenn hier jemand Merlot bestellt, gehe ich sofort." Damit wollte ich seine Neurotik unterstreichen.

Payne-Film "Sideways" (mit Thomas Haden Church, Paul Giamatti): "Eine sehr aufrichtige Geschichte"
20th Century Fox

Payne-Film "Sideways" (mit Thomas Haden Church, Paul Giamatti): "Eine sehr aufrichtige Geschichte"

SPIEGEL ONLINE: Haben die Schauspieler während der Dreharbeiten echten Wein getrunken?

Payne: Gelegentlich schon - als Abwechslung zu dem Fake-Wein, den wir benutzten. Der schmeckt wirklich grauenhaft. Wir haben hauptsächlich einen alkoholfreien Wein namens Fre verwendet, teilweise aber auch Imitate aus verschiedenen Säften selbst gemixt. Wichtig war vor allem, dass die Fake-Weine die richtige Farbe hatten. Diese Gebräue sind den Darstellern leider nicht so gut bekommen. Virginia Madsen bekam von einem Wein knallrote Zähne.

SPIEGEL ONLINE: Bei so viel Liebe zum Detail - was sagen denn Weinexperten zu Ihrem Film?

Payne: Ich werde jetzt ständig zu Weinproben eingeladen, also scheine ich nicht alles falsch gemacht zu haben. Vielleicht sollte ich demnächst einen Film über Masseure drehen, um anschließend Massagen umsonst zu bekommen. Nein, im Ernst, die Reaktionen waren bislang sehr positiv. Viele Weinbauern sagten mir, "Sideways" würde der Weinindustrie sehr gut tun.

SPIEGEL ONLINE: Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee, "Sideways" zu drehen?

Payne: Vor fünf Jahren las ich das gleichnamige Buch von Rex Pickett. Eine Geschichte, die auf den Weingütern von Santa Barbara County spielt. Als Weinliebhaber war ich davon sofort fasziniert. Es war aber nicht nur die heimelige Atmosphäre der Weinproben, die mich anzog, sondern auch die Freundschaft zwischen diesen beiden unterschiedlichen Männern, die kleinen Romanzen, in die sich beide verwickeln und natürlich das komische Element der Erzählung. "Sideways" ist eine sehr aufrichtige Geschichte.

Szene aus "Sideways": "Comedy pur"
20th Century Fox

Szene aus "Sideways": "Comedy pur"

SPIEGEL ONLINE: "Sideways" ist nach "Election" und "About Schmidt" bereits Ihre dritte Romanadaption. Ist es einfacher, eine Buchvorlage zu verfilmen?

Payne: Was den Schreibprozess betrifft: Nein. Ich brauche rund sechs Monate für die erste Version eines Drehbuchs, egal ob es ein Originaldrehbuch oder eine Adaption ist. Der Vorteil einer Romanvorlage ist jedoch, dass man in Hinblick auf Milieu, Figuren und Situationen bereits eine Basis hat, auf der man aufbauen kann. Man beginnt nicht bei Null. Ein paar Entscheidungen sind schon vorher getroffen worden, das erleichtert meine Arbeit.

SPIEGEL ONLINE: Was muss ein Roman haben, um von Ihnen adaptiert zu werden?

Payne: Grundsätzlich suche ich nach menschlichen Figuren und nach Geschichten, die unsere Welt widerspiegeln. Es gibt drei Basisanforderungen, die ich an einen Roman stelle: Er muss lustig sein, mich berühren und gute Szenen haben. Ein Beispiel aus "Sideways": Die Szene, in der Miles in ein Haus einbrechen muss, weil Jack dort seine Brieftasche nach einem One-Night-Stand vergessen hat - das ist für mich Comedy pur. Es gibt in dieser Szene keinen Dialog, sie ist auf sehr simple Weise urkomisch. Das ist ein Element, das für mich - neben einem subtilen Verbalhumor - großes Kino ausmacht.

SPIEGEL ONLINE: Die Charaktere in "Sideways" sind ebenso wie Sie mittleren Alters. Konnten Sie sich mit ihnen identifizieren?

Payne: In gewisser Weise schon. Allerdings ist keine der Figuren eine Art Alter ego von mir. Ich lasse zwar persönliche Erfahrungen in meine Filme einfließen, aber sie handeln nicht von mir. Es sind Menschen und ihre Geschichten, die mich interessieren. In diesem Sinne sind meine Filme Charakterstudien.

SPIEGEL ONLINE: Im Gegensatz zu den meisten Hollywood-Filmen sind die Figuren Ihrer Filme nicht eindimensional. Sie vermeiden zudem Geschlechter-Klischees.

Payne: Ich finde es albern, wenn Filme Männern und Frauen bestimmte Verhaltensweisen zuordnen. Ich will Menschen in all ihrer Komplexität darstellen, keine Stereotypen. Das ist doch die primäre Funktion der Kunst: zu erklären, wer wir wirklich sind. Die meisten amerikanischen Filme werden von großen Unternehmen nach einem Einheitsmuster produziert, dessen Aussage lautet: "Wir brauchen die zehn Euro des Kinogängers, damit unsere Bilanzen stimmen." Das ist bedauerlich. Wir brauchen viel mehr Aufrichtigkeit im Kino.

Payne-Film "About Schmidt": "Erklären, wer wir wirklich sind"
Warner Bros.

Payne-Film "About Schmidt": "Erklären, wer wir wirklich sind"

SPIEGEL ONLINE: Der Erfolg scheint Ihnen Recht zu geben: "Sideways" gilt in fünf Kategorien als Oscar-Anwärter und ist unter anderem als bester Film nominiert. Stehen die Stars inzwischen bei Ihnen Schlange?

Payne: Keine Ahnung - sollen wir sie anrufen und nachfragen? Soweit ich weiß, hat Cate Blanchett bereits Interesse an einem Treffen mit mir bekundet, was mich sehr freut. Sie ist eine tolle Schauspielerin. Als ich kürzlich in Frankreich war, ließ man mir mitteilen, dass Isabelle Huppert mich kennen lernen wolle. Also trafen wir uns auf einen Drink. Ich habe mich entsetzlich gelangweilt und hatte keinen blassen Schimmer, worüber ich mit der Frau reden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie der Erfolg von "Sideways" überrascht?

Payne: Überrascht ist gar kein Ausdruck! Ich bin verwirrt. Vielleicht liegt die positive Rezeption am Timing. "Sideways" scheint unserem Zeitgeist zu entsprechen. Es gab ja schon seit längerem keine "menschlichen" Filme mehr, die kommerziell vermarktet wurden. Das Publikum für diese Art von tiefen Komödien ist aber definitiv da. Man muss es nur bedienen.

SPIEGEL ONLINE: Wovon wird Ihr nächster Film handeln?

Payne: Momentan passiert so viel in der Welt, was mich beschäftigt - Bushs Wiederwahl, der Irak-Krieg. Das soll nicht heißen, dass ich einen politischen Film machen will. Aber man sollte diese Ereignisse nicht unkommentiert lassen. Es ist an der Zeit, eine Komödie darüber zu drehen. Keinen plumpen Rundumschlag im Stil von "Team Amercia", sondern eine scharf pointierte Satire. Nach "Sideways" bin ich in der privilegierten Lage, als Regisseur gewisse Freiheiten zu genießen. Ich empfinde das aber auch als Verantwortung.

SPIEGEL ONLINE: Kann man die Menschen mit Komödien besser erreichen?

Payne: Sagen wir so: Filme sollen unterhalten, daran ist nichts Verwerfliches. Es ist der Inhalt, der zählt, nicht das Genre. Komödien tun sich allerdings leichter, die Menschen zum Denken anzuregen. Nehmen Sie "Little Big Man" mit Dustin Hoffman: Ein wunderbarer Western, der in Wahrheit von Vietnam handelt. Solche Filme brauchen wir wieder.

Das Interview führte Dörte Langwald



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