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"Signs - Zeichen": Schrecken in Reinkultur

Von Daniel Haas

Horror de luxe aus Hollywood, inklusive grausiger Moral: Starregisseur M. Night Shyamalan ("The Sixth Sense") macht in seinem neuen Film "Signs" eine Alien-Invasion zur Glaubensfrage.

"Signs - Zeichen": Gefühl des Grauens
Buena Vista

"Signs - Zeichen": Gefühl des Grauens

Ein einsames Haus, ein verlassenes Maisfeld, ein leichter Wind, ein Hund, der bellt: Mehr braucht Regisseur M. Night Shyamalan nicht, um ein Gefühl des Grauens zu erzeugen. Horror, das weiß der von "Newsweek" bereits zum Nachfolger Steven Spielbergs geadelte Regisseur, hat nichts mit Schauwerten zu tun, sondern mit Suggestion. Was verbirgt sich hinter der Tür? Was bedeutet dieser Schatten? Woher kommt jenes Geräusch? Angst entsteht im Kopf des Zuschauers nicht durch die Anhäufung von Fakten, sondern durch Interpretation von Zeichen - und deshalb ist "Signs" gewissermaßen Horror in Reinkultur.

Doch "rein" ist nicht nur das Verfahren, mit dem Shyamalan seinen dritten Film zur perfekten Gruselmär gestaltet, sondern auch dessen missionarischer Kern. Ein exzellenter Horrorthriller in der Tradition von Hitchcock und Spielberg hätte es werden können, wäre da nicht eine Koda, die den virtuos inszenierten Schrecken zum ideologischen Spuk verkommen lässt.

Entdeckung im Maisfeld: "Gott hat das gemacht"
Buena Vista

Entdeckung im Maisfeld: "Gott hat das gemacht"

Held der Geschichte ist Graham Hess (Mel Gibson). Der ehemalige Pfarrer hat nach dem vermeintlich sinnlosen Tod seiner Frau seinen Glauben verloren. Zurückgezogen lebt er mit seinem Bruder Merrill (Joaquin Phoenix) und zwei kleinen Kindern auf seiner Farm in Pennsylvania. Eines Tages entdeckt er riesige Kornzeichen in seinem Maisfeld, gigantische Muster, deren Herkunft erst einmal unerklärlich bleiben.

"Gott hat das gemacht", meint sein Sohn; "Aliens sind im Anmarsch", spekuliert der TV-Reporter, den die Familie gebannt auf dem Bildschirm verfolgt. Sind die geometrischen Felder vielleicht Landemarken für Außerirdische? Und wenn ja, sind sie ein Zeichen göttlicher Harmonie oder Indiz fürs dräuende Weltenende? Tatsächlich sind es Aliens, die durch die Kornzeichen ihren Weg zur Erde finden, und deshalb spitzt sich die Lage zu: Hess verbarrikadiert sich mit der Familie im Keller, die Extraterrestrischen bedrohen als anonyme Macht die Schwundform der amerikanischen Kleinfamilie.

Mel Gibson in "Signs": Göttlicher Plan
AP

Mel Gibson in "Signs": Göttlicher Plan

Es gebe zwei Sorten Menschen, erklärt der ehemalige Geistliche seinem Bruder: Jene, die glauben, alles sei nur Zufall, und jene, die denken, in allem zeige sich ein göttlicher Plan. An Hess, dem Atheisten wider Willen, spielt nun "Signs" ein eschatologisches Konfliktprogramm durch, an dessen Ende die gute alte Vorsehung wider salonfähig wird. Die merkwürdigen Marotten von Hess' kleiner Tochter, die Asthmaerkrankung des Sohnes, ja selbst der Unfalltod der Frau werden in einen größeren Zusammenhang gestellt, der keine Fragen offen lässt. Gegen den Glauben an höhere Mächte ist dabei grundsätzlich nichts einzuwenden, und dass Amerika seine Geschichte seit den Anfängen als sinnvolle Heilserzählung begreift, ist hinlänglich bekannt. Doch "Signs" koppelt die religiöse Spekulation an eine heikle Frage: Kann man ein guter Vater sein und zugleich Atheist oder Agnostiker? Der Film sagt nein und verschärft damit das Konzept einer paternalistischen Gesellschaft, in der es zwischen richtig und falsch keine Nuancen geben kann.

Mit "Signs" setzt einer der erfolgreichsten Regisseure Hollywoods ein deutliches Zeichen. Es verweist direkt auf das kulturelle Mandat, das sich Amerika immer wieder selbst erteilt: in einer Welt wachsender Komplexität eindeutige Standpunkte zu vermitteln. Es liegt viel kreatives Potenzial in dieser Aufgabe. Und auch ein großer Schrecken.

"Signs - Zeichen" ("Signs"). Buch und Regie: M. Night Shymalan; Darsteller: Mel Gibson, Joaquin Phoenix, Rory Culkin, Abigail Breslin, Cherry Jones; 120 Minuten; Buena Vista.

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