Queere Rapperin Silvana "1,76 Meter Pussy Riot"

Die lesbische Rapperin Silvana mischt Schweden mit ihrer kämpferischen Musik auf. Ein Dokumentarfilm stellt sie nun auch in Deutschland vor.


"Ich bin so gut", flüstert die junge Frau. Sie liegt in einem handelsüblichen Neubau vor einem wandgreifenden Banner mit ihrem Namen, im Radio werden die neuesten schwedischen Single-Charts durchgegeben. Auf Nummer eins in dieser Woche, tatsächlich: ihre Single "I.M.A.M.". Es folgen Momente der Ungläubigkeit, dann ein Lächeln, das langsam in manisches Glück mündet: "Ich bin so verdammt gut!"

Ist sie auch, soviel sollte klar sein. Silvana Imam, laut eigener Aussage "1,76 Meter Pussy Riot", fegt Anfang 2014 wie ein reinigendes Gewitter über Schweden hinweg. Die Musik der heute 31-Jährigen ist ein festes Amalgam aus apokalyptischen Bässen, kehligen Raps und einem völligen Verzicht auf Zweideutigkeiten. "Ein brutales Klima braucht brutale Tritte von unten", sagt sie selbst dazu. Imams Fußabdrücke: gallige Zeilen gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und andere Betonköpfigkeiten.

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Rapperin Silvana: "Meine Musik ist fucking wichtig"

Das passt in den Zeitgeist, denn Schweden wird gerade von derselben Krankheit erfasst, die halb Europa infiziert hat. Neurechtes Gedankengut ist auf dem Vormarsch, faschistoide Gruppierungen gewinnen an Einfluss, der politische Diskurs wird zunehmend toxisch.

Ein Klima, das die lesbische Tochter eines syrischen Vaters und einer litauischen Mutter unverhofft ins Zentrum der nationalen Aufmerksamkeit katapultiert. Denn ihr breitbrüstig queerer, feministischer und antifaschistischer Aufschrei macht die Underground-Künstlerin quasi über Nacht zur Galionsfigur jener junger Schweden, für die Offenheit und Toleranz keine Optionen sind - sondern Existenzgrundlage.

Mitten hinein in diesen Wandel platzen die jungen Regisseurinnen Mika Gustafson, Olivia Kastebring und Christina Tsiobanelis. Das Trio hat gerade die Film-Uni abgeschlossen und plant nun sein erstes Langzeitprojekt, ein Porträt der einflussreichen Rapperin. Zeitraum und Form? Erst mal unklar.

Bis ins Schlafzimmer hinein

Dem Ergebnis merkt man diese Naivität in jedem Moment an. Streckenweise wirkt "Silvana", als hätten seine Macherinnen einfach ihr Arbeitsgerät mitgebracht, Vertrauen vorausgesetzt und ihrer Protagonistin in allen Lebenslagen die Linse vor die Nase gehalten - eine Direktheit, von der der Film allerdings auch stark profitiert.

Schon nach fünf Sequenzen hat man das Gefühl, Imam seit Ewigkeiten zu kennen, wie bei einer alten Freundin selbstverständlich zu wissen, dass sie als Kind ein Junge namens Eric sein wollte, dass ihr Vater es in seiner Strenge oft übertrieb und hinter der ganzen boldness eine verletzliche Seele steckt.


"Silvana"
Schweden 2017
Regie und Drehbuch: Mika Gustafson, Olivia Kastebring, Christina Tsiobanelis
Mit: Silvana Imam, Beatrice Eli
Produktion: Mantaray Film
Verleih: Rise and Shine Cinema
Länge: 91 Minuten
FSK: keine Einschränkung
Kinostart: 23. August 2018


Die Unterschiede zwischen innen und außen verschwimmen im Film mit jeder Einstellung mehr. So auch in einem anderen für Imam zentralen Moment: An der Grenze zum Voyeurismus beobachtet man durch eine Balkontür hindurch, wie sie die ebenfalls höchst erfolgreiche Sängerin Beatrice Eli kennenlernt und die beiden sich näherkommen.

In der Folge avancieren Eli und Imam zum lesbischen power couple Schwedens, deren Gesichter auf Bussen und Bahnen spazieren gefahren werden und die gemeinsam Auftritte absolvieren, die Teenager zu Tränen rühren. Man darf den beiden bis ins Schlafzimmer folgen, trifft die Menschen hinter den Stars und wird Zeuge eines verdrucksten Heiratsantrags. Das musst du schon machen, fordert Eli Silvana auf: "Ich bin zwar Feministin, aber da bleibe ich Prinzessin."

Keine "Pop-Love-Story"

Das ist stellenweise rührend, klar. Löst aber letztlich nicht das Versprechen auf den Filmplakaten ein: "Silvana" ist keine "Pop-Love-Story". Und ebenso wenig eine Parabel auf die Knochenmühle Musikgeschäft, wie im Verlauf immer wieder angedeutet wird.

Sicher, der Film folgt Imam mit reichlich Körperkontakt durch die Krise, als ihr die eigenen Wünsche zur Hypothek werden: Der Druck wird zu groß, die Fragen zu dumm. "Silvana" kramt in diesen Momenten tief in der filmischen Klischeekiste. Alle wollen etwas von ihr? Einblendung einer am Boden liegenden Imam, der zig fremde Hände ins Gesicht fahren. Alles klar, hätte man auch ohne optische Krücke verstanden.

Letztlich sind solche Allgemeinplätze aber verzeihlich. Denn am stärksten ist dieser Film, wenn er sich auf sein Kerngeschäft besinnt: das einfühlsame, über Jahre entstandene Porträt einer jungen Frau, die mutig für Andersartigkeit einsteht.

"Meine Musik ist fucking wichtig", sagt Imam an einer Stelle. Ein Satz, der wie ein Manifest der Jugend klingt: Wir wollen die Welt verändern und besser machen, auch wenn das manchen nicht passt - und wir sind bereit, dafür zu kämpfen. Das hat etwas Beruhigendes: Diese Kids sind ziemlich alright - und das ist tausendmal besser als alt-right.

Im Video: Der Trailer von "Silvana"

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