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Neuer "Sin City"-Film: Wenig drunter, nichts dahinter

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Stolze neun Jahre brauchte die Fortsetzung der brillanten Comicverfilmung "Sin City". Was für eine Zeitverschwendung. Einzig Eva Green begeistert in "A Dame To Kill For" - als Frau, die ihren Körper wie eine Waffe einsetzt.

Das Einzigartige am Medium Comic sind ja bekanntlich die Leerstellen. Als the gutter, die Gosse, bezeichnete der amerikanische Comic-Theoretiker Scott McCloud einst den leeren Raum zwischen einzelnen Bildern eines Strips; der Raum, in dem der Leser frei phantasieren kann. Ein Gutteil der Geschichten spielt sich also im Kopf der Leser ab, was Comicautoren und -zeichnern größtmögliche Freiheit zur Abstraktion ermöglicht. Frank Millers sechsbändige "Sin City"-Saga ist auch deshalb ein Meilenstein des Genres - eine scherenschnittartige Collage aus Linien und Schatten, tiefschwarzen und grellweißen Flächen, reduzierten Gesichtern und Gesten, ein formal wie inhaltlich faszinierend brutales Werk.

2005 gelang Miller zusammen mit dem Regisseur Robert Rodriguez ("Spy Kids") das scheinbar Unmögliche: die Übersetzung des "Sin City"-Looks ins Medium Film. Die Schauspieler agierten vor einem Green Screen, auf den die gezeichnete, dann animierte Digitalkulisse im harten, kontrastreichen Schwarzweiß projiziert wurde. Einzelne, oft knallrote Farbtupfer - klaffende Wunden, lasziv geöffnete Lippen - ließen die Hardboiled-Storys nur noch schwärzer wirken. Sämtliche Klischees und Tropen des Film Noir kondensierten in der Gossenszenerie von "Sin City" zu einem kunstvollen, überraschend seelenvollen Bilderreigen. Mit "Sin City: A Dame to Kill For" kommt nun mit neun Jahren Verspätung die Fortsetzung ins Kino.

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"Sin City: A Dame to Kill For": Alles egal, außer Eva
Woran es lag, dass so viel Zeit vergehen musste, darüber gibt es viele Spekulationen. Die mitfinanzierende Weinstein Company habe die Produktion seit 2007 immer wieder verzögert, sagen die einen. Andere meinen, das Drehbuch von Co-Regisseur Miller sei partout nicht fertig geworden. Wie auch immer: Heute, da Comichelden sich in Teams auf der Leinwand tummeln und den Mainstream mit bunter 3D-Action dominieren, wirkt das Update von Millers Noir-Pastiche überholt.

Denn abgesehen davon, dass sich Rodriguez für einen aufwendigen Dreh in 3D entschieden hat, fügt "A Dame To Kill For" dem Vorgänger visuell nichts hinzu. Im Gegenteil: Die plastischen, inhaltlich überflüssigen Mätzchen schwächen eher die Wirkung der kontrastreichen Tableaus. Das wäre nicht weiter schlimm, würde wenigstens das Geschehen mitreißen. Selten aber hat man sich bei einer Aneinanderreihung von Sex und Splatter so sehr gelangweilt.

Femme Fatale mit giftgrünen Augen

Erzählt wird erneut episodisch. Die Hauptgeschichte dreht sich um den Privatdetektiv Dwight (Josh Brolin). Eigentlich ein aufrechter Typ, wird er von der obsessiven Liebe zu seiner Ex-Freundin immer wieder an den moralischen Abgrund gezogen. Diese Ava Lord, Schlüsselfigur des zweiten "Sin City"-Buchs und eine der besten Charaktere Millers, ist eine prototypische Femme Fatale. Um ihren reichen Ehemann loszuwerden, zieht sie erst Dwight erneut in ihren Bann und macht ihn zum Mörder, danach verdreht sie dem Detective den Kopf.

Nach langem Suchen, angeblich waren Angelina Jolie und Salma Hayek im Gespräch, fanden Miller und Rodriguez in Eva Green ("Casino Royale") die perfekte Besetzung. Mit giftgrün eingefärbten Augen gibt sie gleichermaßen überzeugend die intrigante Schlange und den verführerischen Sukkubus. Die zahlreichen Szenen, in denen sie sich entblößen muss, meistert Green mit einschüchternder Souveränität: Wie eine Waffe benutzt Ava ihren Körper, um die Männer willfährig zu machen.

Hätten sich Autor und Regisseur auf die pervers vertrackte Geschichte dieser großartig verkörperten Frauenfigur verlassen, wäre "A Dame to Kill For" vielleicht ein guter Film geworden. Doch Miller fügte noch zwei extra für den Film geschriebene Episoden hinzu: "The Long Bad Night" dreht sich um einen jungen Spieler (Joseph Gordon-Levitt), der sich an dem aus "Sin City" bekannten Schurkensenator Roarke (Powers Boothe) abarbeitet. Um eine Abrechnung mit Roarke geht es auch in "Nancy's Last Dance", der im Comic wie im Film bisher fehlenden Konklusion des Story-Segments um die Tänzerin Nancy (Jessica Alba).

Leider fiel Miller dazu nicht viel mehr ein, als Alba möglichst oft leicht bekleidet auf der Bühne eines Nachtclubs tanzen zu lassen. Immerhin dürfen in den insgesamt drei Nebenhandlungen auch der alte Haudegen Marv (Mickey Rourke) und der Geist des heldenhaft zerquälten Polizisten Hartigan (Bruce Willis) noch einmal auftreten.

Alle Plots sind dramaturgisch gleich gewichtet, stehen inhaltlich aber recht sinnlos nebeneinander; eine eintönige, zynisch brutale Reihung von Schauwerten, die im US-Kino nur deshalb so offen und schamlos gezeigt werden dürfen, weil der artifizielle Look für abmildernde cartoonhaftigkeit sorgt.

Für Regisseur Rodriguez ist der Film bereits das zweite Sequel, mit dem er den Charme des Originals verspielt: Seinem originellen "Grindhouse"-Nebenprodukt "Machete" (2010) ließ er im vergangenen Jahr das Machwerk "Machete Kills" folgen. Und auch für Comiclegende Frank Miller bedeutet "A Dame To Kill For" eine Niederlage: Die Chance, seinem inzwischen 25 Jahre alten Meisterwerk etwas Frische und Modernität einzuhauchen, ist vertan.

Gewartet hat auf das Sequel wohl ohnehin niemand mehr: Am US-Startwochenende floppte der in 3000 Kinos angelaufene Film mit kaum mehr als sechs Millionen Dollar Umsatz. Wie für viele Figuren des Comics führte auch für Rodriguez und Miller die Rückkehr nach "Sin City" ins Verderben.

Sin City: A Dame To Kill For

USA 2014

Regie: Robert Rodriguez, Frank Miller

Buch: Frank Miller

Darsteller: Josh Brolin, Eva Green, Bruce Willis, Jessica Alba, Mickey Rourke, Powers Boothe, Joseph Gordon-Levitt, Rosario Dawson, Jamie Chung, Dennis Haysbert, Christopher Meloni, Jeremy Piven, Christopher Lloyd, Stacy Keach, Lady Gaga, Ray Liotta, Jaime King

Produktion: Troublemaker Studios, Dimension Films

Verleih: Splendid

Länge: 102 Minuten

Start: 18. September 2014

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Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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1. Super!
majestic12 16.09.2014
SPON hats verissen, dann könnte der Film etwas werden. Ich schau ihn mir an.
2.
_derhenne 16.09.2014
Eine Frau mit Augenbrauen...Toll! Ganz im ernst, allein deswegen würde ich jetzt in den Film gehen.
3.
sgift 16.09.2014
Zitat von majestic12SPON hats verissen, dann könnte der Film etwas werden. Ich schau ihn mir an.
Genau mein Gedanke. Gab es eigentlich mal einen Film bei dem ein SPON-Verriss passend war? Kann mich jedenfalls nicht erinnern.
4. Achtung
avo99 16.09.2014
Der Film hatte am Startwochenende keine 6 Millionen Zuschauer (was sicherlich kein Flop wäre), sondern hat nur 6 Millionen Dollar eingespielt!
5. leider...
leafs 16.09.2014
...hat nicht nur SPON den Film zerrissen. Schade drum, hatte mich seit Jahren auf die Fortsetzung gefreut.
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