"Sin City" Rote Lippen, weißes Blut

Harte Kerle, leichte Mädchen: Mit "Sin City" ist den Regisseuren Robert Rodriguez und Frank Miller die perfekte Comicverfilmung gelungen - und eine digitale Hommage an den Film noir.

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Szene aus "Sin City" (mit Clive Owen): Kein Kerl, der keinen Dreck am Stecken hat
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Szene aus "Sin City" (mit Clive Owen): Kein Kerl, der keinen Dreck am Stecken hat

Es sind die Bilder, die diesen Film einzigartig machen: Die Bewährungshelferin Lucille wird nachts geweckt. Als wohlgeformter Schattenriss steht sie nackt an ihrer Kommode, die Knarre im Anschlag, im Hintergrund ein grellweiß erleuchtetes Fenster. Oder Marv, der am Steuer eines sehr schnellen Wagens sitzt und bei offener Fahrertür neben sich einen Gauner über den Asphalt schleift und dabei einen Riesenspaß hat. Oder Jackie Boy, der auch mit durchgeschnittener Kehle und einem Pistolenlauf in der Stirn noch vor sich hin brabbelt.

Der texanische Regisseur Robert Rodriguez, ein Busenfreund Quentin Tarantinos, hat diese Bilder aus Frank Millers Comic "Sin City" herauskopiert und sie in Bewegung gesetzt. Sein Film sei keine Adaption eines Comics, sondern vielmehr eine Übersetzung, sagt Rodriguez. Gelungen ist ihm in jedem Fall eines der visuell beeindruckendsten Werke der jüngeren Kinogeschichte.

Szene mit Bruce Willis und Jessica Alba: Harte Kerle, leichte Mädchen
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Szene mit Bruce Willis und Jessica Alba: Harte Kerle, leichte Mädchen

"Sin City", jene Phantasiestadt, die sich der Comiczeichner Miller schon als Zwölfjähriger ausmalte, ist eine Art Sammelstelle für verlorene Seelen und gefallene Engel. Kein Cop, der nicht korrupt ist, kein Mädchen, das nicht im Stripclub tanzt oder auf der Straße anschaffen geht, kein Kerl, der keinen Dreck am Stecken hat. Kanonen werden zärtlich gestreichelt und Gladys genannt. Auch Trenchcoats sind wichtig in "Sin City", jene maskulinen Kleidungsstücke, die Humphrey Bogart einst in Klassikern wie "Der Malteser Falke" und "Tote schlafen fest" trug. Lange Mäntel als Schutz gegen menschlichen Schmutz in einer Stadt der ewigen Nacht, in der ständig Regen fällt, strichweise auf dreckige Gassen und miese Kaschemmen voller gescheiterter Kreaturen. Wer sich hier verliert, findet aus dem sündigen Rhythmus aus Sehnsucht und Liebe, Tod und Vergeltung nie wieder heraus.

Benicio Del Toro als "Jackie Boy": Kein Cop, der nicht korrupt ist
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Benicio Del Toro als "Jackie Boy": Kein Cop, der nicht korrupt ist

In den dreißiger und vierziger Jahren gaben Schriftsteller wie Dashiell Hammett, Raymond Chandler und Cornell Woolrich Szenerien wie diesen einen festen Platz in der amerikanischen Literatur. "Hardboiled" nannte man ihre Sex-and-Crime-Geschichten um zwielichtige Detektive und verruchte Frauen. Regisseure wie Orson Welles und John Huston bannten die Storys mit scharfen Schwarzweiß-Kontrasten auf die Leinwand. In den Schundromanen und den Filmen, die später als Hollywoods Schwarze Serie in die Kinogeschichte eingingen, fanden die von Wirtschaftsdepression und Weltkrieg gebeutelten Amerikaner Zuflucht: Knochenharte Kerle wie Philip Marlowe und Sam Spade quittierten jeden Schlag in die Magengrube mit einer verächtlichen Grimasse und zündeten sich eine neue Zigarette an. Es waren Romantiker, die sich nach einfachen Regeln und echten Gefühlen in einer komplizierten Welt sehnten.

Ebenso konservativ, wenn nicht reaktionär, ist die Sicht auf Frauen in dieser Traumwelt wahrer Machos. In fiktiven Metropolen wie "Sin City" sind Frauen wandelnde Stereotypen der männlichen Lust: verruchte Sexbomben im Sadomaso-Mieder, verschlagene Luder mit blonder Mähne oder fatale Flittchen, die den Helden nichts als Ärger bescheren.

Jessica Alba als Stripgirl Nancy: Fatales Flittchen
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Jessica Alba als Stripgirl Nancy: Fatales Flittchen

Gleich drei dieser von Leben und Liebe Geplagten spielen die Hauptrollen in den ineinander verwobenen Episoden von "Sin City": Marv (Mickey Rourke), der den Tod seiner geliebten Hure Goldie rächen will und dabei eine Spur aus Blut und abgerissenen Gliedmaßen hinterlässt; Dwight (Clive Owen), der aus unerfüllter Liebe zu der Prostituierten-Amazone Gail (Rosario Dawson) zum Cop-Killer wird; und Hartigan (Bruce Willis), der alternde Bulle mit dem Herzfehler, der sich zum rettenden Engel für die junge Unschuld Nancy (Jessica Alba) aufschwingt. Alle drei entstammen der siebenbändigen "Sin City"-Saga Millers, der seine Hommage an den Film noir in abgrundtiefem Schwarz und gleißendem Weiß gezeichnet hat.

Auch bei Robert Rodriguez hat diese Welt nur wenige Zwischentöne: Ein paar Grauschattierungen, ein paar kirschrot geschminkte Lippen, eine Figur namens Yellow Bastard, die tatsächlich ekelgelb ist. Alles ist wie in Millers Büchern: Jedes Bild, jeder Dialog, jede Perspektive wirkt wie abgemalt. "Sin City" ist die perfekte Comicverfilmung.

Szene mit Lucille (Carla Gugino) und Marv (Mickey Rourke): Weltsicht in Schwarzweiß

Szene mit Lucille (Carla Gugino) und Marv (Mickey Rourke): Weltsicht in Schwarzweiß

Die Entstehungsgeschichte dieses ungewöhnlichen Films ist schon fast eine Hollywood-Legende. Um den Comic-Auteur Miller, der "Sin City" als sein Heiligtum betrachtet, davon zu überzeugen, aus seinen Büchern einen Film zu machen, beförderte Robert Rodriguez den Zeichner kurzerhand zum Co-Regisseur. Das kostete ihn seine Mitgliedschaft in der Regisseurs-Gewerkschaft, denn nach Hollywoodregeln darf es bei jedem Film nur einen Regisseur geben. Rodriguez war so wild darauf, "Sin City" zu verfilmen, dass er noch nicht einmal ein Drehbuch schrieb; Millers Comic-Dialoge sollten eins zu eins übernommen werden. In den berühmt-berüchtigten Miramax-Bossen Bob und Harvey Weinstein fanden die beiden ein Produzententeam, das der wahnwitzigen Vision freien Lauf ließ.

Mit modernster Digitaltechnologie verliehen Miller und Rodriguez ihrem Werk seinen artifiziellen Schwarzweiß-Look. Gefilmt wurden lediglich die Darsteller, der Rest entstand im Computer. "Sin City" ist nicht der erste Film, der diese umstrittene Technik anwendet. Das Action-Spektakel "Sky Captain and the World of Tomorrow" und die Comic-Adaption "Immortal" wurden auf ähnliche Weise gedreht, sahen aber scheußlich aus. Rodriguez gelang es erstmals, aus dieser Antithese des Zelluloid-Kinos eine Kunstform zu machen.

"Sin City"-Stilistik: Eingetupfte rote Lippen
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"Sin City"-Stilistik: Eingetupfte rote Lippen

Die totale Künstlichkeit dient vor allem der Inszenierung von äußerster Brutalität. Frank Millers Exzesse aus spritzenden Blutfontänen und abgerissenen, manchmal abgenagten Gliedern finden sich originalgetreu auf der Leinwand wieder. Erträglich wird dies nur durch die völlige Abstraktion: Das Blut fließt in strahlendem Weiß, Kugeln durchdringen Körper ohne Effekt. Die Helden müssen sich immer wieder aufraffen, dürfen nicht sterben, bis ihre Mission erfüllt und Erlösung in Sicht ist. So kompromisslos und virtuos wurde Gewalt im amerikanischen Kino schon lange nicht mehr inszeniert. Rodriguez, der sich mit Bleigewitter-Opern wie "From Dusk till Dawn" und "Desperado" einen Namen gemacht hat, zieht eine Linie von Sam Peckinpah ("Getaway") über Martin Scorsese bis zu seinem Vorbild Tarantino, der auch eine Szene in "Sin City" drehen durfte.

So ist "Sin City" in seiner episodischen Struktur, seiner bis ins Absurde stilisierten Gewalt und seinem haarsträubendem Humor "Pulp Fiction" in Vollendung - ein grandioses Stilexperiment von Cineasten für Cineasten. Alles, ob Action, Horror oder Gewalt, hat hier nur einen einzigen Zweck: sich selbst zu zelebrieren. Echter Schmerz, spürbares Leid finden sich nur in jenen vereinzelten Farbtupfern wieder: Manchmal dürfen die harten Kerle auch rotes Blut vergießen. Kein Subtext und keine Moral verbergen sich unter dieser ebenso brillanten wie oberflächlichen Inszenierung. Alles ist eins zu eins an "Sin City", die Botschaft ist das Bild.


Sin City

USA 2005. Regie: Robert Rodriguez, Frank Miller. Buch: Frank Miller. Darsteller: Mickey Rourke, Brude Willis, Clive Owen, Benicio Del Toro, Elijah Wood, Jessica Alba, Rosario Dawson, Rutger Hauer, Nick Stahl, Brittany Murphy, Jaime King, Carla Gugino, Devon Aoki, Michael Madsen, Josh Hartnett. Produktion: Dimension Films, Troublemaker Studios. Verleih: Buena Vista. Länge: 124 Minuten. Start: 11. August 2005

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