Skandalfilm "Die Geisha" Stolz und Vorurteil

Als die KP den Hollywood-Film "Die Memoiren einer Geisha" nicht in die Kinos lassen wollte, war die Aufregung groß. Dabei passt der Bann bestens ins Bild: Die Aufpasser greifen immer häufiger zur Schere.

Von , Peking


Als die chinesische Schauspielerin Vicky Zhao ein Kleid mit dem Muster einer alten japanischen Kriegsfahne trug, endete der modische Auftritt beinahe in einem Desaster. Der Seifenoper-Star musste sich tränenreich für den Fehltritt entschuldigen, die Karriere wäre sonst in Gefahr geraten: "Ich war so naiv!" Chinas Nationalisten und viele Opfer japanischer Gräueltaten im Zweiten Weltkrieg hatten das Gewand als tiefe Beleidigung empfunden.

Fotostrecke

3  Bilder
"Die Geisha": Skandalfilm mit Folgen

Nun sind zwei ihrer Kolleginnen ins Visier von anti-japanischen Hitzköpfen geraten: Der hellste Stern am chinesischen Filmhimmel, Zhang Ziyi, und Diva Gong Li. Gemeinsam mit der chinesischstämmigen Malaysierin Michelle Yeoh spielen sie in dem Hollywood-Film "Die Geisha" die Hauptrollen.

Das Kinodrama, das sich auf den gleichnamigen Bestseller von Arthur Golden stützt, erzählt in schönen Bildern vom Alltag der traditionellen Kimono-Unterhalterinnen im Japan der dreißiger Jahre, ein Leben zwischen Kabalen, Kunst und Kurtisanentum. Doch Chinesinnen, die sich den Gelüsten japanischer Männer hingeben und sei es nur auf der Leinwand, bringt das Blut vieler chinesischer Zeitgenossen in Wallung.

In den Internetforen machen sie sich seit Wochen über die angebliche Kränkung des chinesischen Nationalgefühls Luft, die Verteidiger des Films sind klar in der Minderheit. "Wir haben damit schwer unser Gesicht verloren", klagte ein Internet-Teilnehmer. "Wie konnte Zhang einen Japaner auf sich rauflassen?", empörte sich ein anderer, obwohl solch eine Szene gar nicht zu sehen ist. "Zhang und Gong haben Schande über die Chinesen gebracht", schmähte ein Dritter.

Chinas Zensoren haben das von Steven Spielberg produzierte Werk inzwischen verboten. Es sei, erklärte die Staatsverwaltung für Radio, Film und Fernsehen, zu "kompliziert und heikel" für das chinesische Publikum. Würde er in den Kinos laufen, könnte der Film anti-japanische Unruhen auslösen, hieß es. Die drei Schauspielerinnen, die gerade in einem Shanghaier Studio den in (schlechtem) Englisch gedrehten Film ins Chinesische übersetzten, brachen die Synchronisation ab - und hüllen sich seither in Schweigen.

Der Bann traf allerdings nur die Kinoversion. Die DVD-Geschäfte Pekings verkaufen eifrig Raubkopien, wenn auch nicht auf Chinesisch, für umgerechnet einen Euro. "Seit Tagen ist er ausverkauft", sagt der Händler, der seine Ware im staatlichen Freundschaftsladen im Pekinger Botschaftsviertel vertreibt. "Ich weiß gar nicht, was die Leute an dem Film so toll finden."

So erscheint das Argument der Kulturaufpasser nur vorgeschoben. Wohl weniger die Furcht vor anti-japanischen Protesten war der wahre Grund für das Verbot: Die konservativen Zensoren selbst fühlten sich in ihrem Nationalstolz verletzt und wollten den schönen Genossinnen die Lehre erteilen, nicht nur an Geld und Ruhm zu denken, sondern auch an das Vaterland. Gleichzeitig konnten sie den Japanern, mit denen die Beziehungen wegen ihrer vermeintlich mangelnden Reue über die Vergangenheit stark gespannt sind, eines auswischen: "Wir sind nicht an eurer Kultur interessiert!", lautete die Botschaft an Tokio.

Korsett der reinen Lehre

Die Entscheidung passt zum gegenwärtigen Trend. Während Chinas Wirtschaft erfolgreich einen kruden Kapitalismus entwickelt, versucht die KP zumindest an der Kulturfront verzweifelt, die reine Lehre zu verteidigen und vermeintlich schädliches Gedankengut zu blockieren.

So bannte die Propaganda auch den Oscar-Preis-verdächtigen Film "Brokeback Mountain" über zwei schwule Cowboys. Homosexualität - das ist nach Ansicht der Funktionäre auch im neuen China ein schwer verdauliches Thema.

Aus Angst, zu viel Meinungsfreiheit könne ihre Position gefährden, verstärkt die KP gleichzeitig den Druck auf andere Medien. Sie verbot jüngst die vierseitige, regelmäßig erscheinende Beilage "Gefrierpunkt" der "Chinesischen Jugendzeitung", dem offiziellen Organ des Kommunistischen Jugendverbandes. Der Vorwurf: "Verdrehung historischer Tatsachen, Verletzung der Nachrichten-Propagandadisziplin, ernsthafte Verletzung der nationalen Gefühle des chinesischen Volkes".

Die Journalisten hatten es gewagt, Artikel abseits der Propagandalinie zu veröffentlichen. Ein Historiker kritisierte etwa die offizielle Geschichtsschreibung über die ausländische Besatzungszeit im vorigen Jahrhundert. Ein anderer Beitrag schilderte die Stimmung in der Bevölkerung des abtrünnigen Taiwan, die nicht - wie von Pekings Führung stets Glauben gemacht - sehnsüchtig auf die Wiedervereinigung mit dem Festland wartet. Titel: "Ein Taiwan, das Sie vielleicht nicht kennen."

Gefangene der Zensur

In keinem anderen Land sitzen derzeit so viele Berichterstatter hinter Gittern wie in China, darunter jene, die sich im Internet zu weit vorgewagt haben und nach Meinung der Behörden entweder Staatsgeheimnisse verrieten oder die soziale Stabilität gefährdeten.

Als die Suchmaschine Google jüngst ihre chinesische Webseite öffnete, unterwarf sie sich gleich der chinesischen Zensur und sperrte kritische Wörter wie "Demokratie" oder "Menschenrechte". Zuvor hatten chinesische Internetpolizisten die Lexikonseite "Wikipedia" blockiert.

Fazit: Die KP-Propaganda will ihr China am Liebsten als schöne Fassade präsentieren - so wie das Leben einer Geisha. Wie bilanzierte die doch am Ende des Films: "Der Rest ist Schatten, der Rest ist Geheimnis."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.