Skaterfilm "Dogtown Boys" Rebellion auf Rollen

Aufstand der Adoleszenten: Der Film "Dogtown Boys" beschreibt die Anfänge der Skateboarder-Szene im Kalifornien der siebziger Jahre. Mit furiosen Bildern und viel Gespür für Jugenddramen gelingt US-Regisseurin Hardwicke das Porträt einer revolutionären Subkultur.


Die "Z-Boys" aus "Dogtown": Asphalt-Cowboys im Ghetto am Meer
SONY PICTURES

Die "Z-Boys" aus "Dogtown": Asphalt-Cowboys im Ghetto am Meer

Manchmal kann allein schon das Zusehen wehtun: Unaufhaltsam rast der Surfer auf ein Pier zu, bis sein von den Elementen beschleunigter Körper mit aller Wucht gegen die Holzbefestigungen schlägt. Das dumpfe Geräusch des Aufpralls lässt den Betrachter unweigerlich zusammenzucken, und im Kopf rauschen diffuse Bilder von Knochenbrüchen und Schädelfrakturen vorbei. Doch noch bevor das Schreckensszenario zu Ende gedacht ist, taucht der lädierte Wellenreiter wieder auf und paddelt hinaus ins nächste heranrollende Verderben.

Schmerz, das scheint diese Szene zu Beginn von "Dogtown Boys" zu sagen, ist zwar unangenehm, aber nahezu unvermeidbar, wenn es um den wagemutigen Ausbruch aus der Norm geht. Und nichts geringeres will Catherine Hardwickes ungestümes Jugenddrama über die kalifornische Skateboardszene Ende der siebziger Jahre zelebrieren: Den Aufstand einer Gruppe von Adoleszenten, welche unter vollem Körpereinsatz den Gesetzen der Schwerkraft und der Gesellschaft trotzten, um die Verhältnisse in Sport und Popkultur buchstäblich auf den Kopf zu stellen. Gelegentliches auf die Fresse fallen gehört da selbstverständlich zum Programm.

Doch zunächst beginnt Hardwickes dramatisierte Chronik dieser historischen Straßenrevolution wie erwähnt auf dem Wasser, genauer am Pacific Ocean Park Pier von Venice Beach. Unter den drei ungleichen Freunden Stacy Peralta (John Robinson), Tony Alwa (Victor Rasuk) und Jay Adams (Emile Hirsch), die dort unter den argwöhnischen Blicken der schikanösen Älteren surfen, heißt das heimische Strandviertel lapidar Dogtown, "das Ghetto am Meer".

Gemeinsam mit den anderen Jugendlichen der Gegend werben sie um die Gunst des selbstherrlichen Vor-Wellenreiters Skip Engblom - inbrünstig verkörpert durch Heath Ledger, der Jim Morrison, Charles Bukowski und den Big Lebowski der Coen-Brüder in einer manischen Performance vereinigt. Engblom will seinen Surfshop "Zephyr" um ein eigenes Skateboardteam erweitern.

Szene aus "Dogtown Boys" (mit John Robinson und Nikki Reed): Ausweitung der Konkurrenzzone
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Szene aus "Dogtown Boys" (mit John Robinson und Nikki Reed): Ausweitung der Konkurrenzzone

Es ist die Geburtsstunde der "Z-Boys", die kurzerhand ihre halsbrecherischen Surftricks auf das schmale Rollbrett übertragen. So mischen sie fortan dank unorthodoxer Choreographien sowie neuer Räder aus Urethan (deren stärkere Haftung erstmals vertikale Fahrten ermöglicht) die verschlafenen Wettbewerbe der kreuzbraven Polohemdfraktion auf, wobei ihr renitentes Sozialverhalten samt Gangmentalität zusätzlich für publikumsträchtiges Aufsehen sorgt.

Asphalt-Cowboys

Der athletische Quantensprung bleibt jedoch nicht ohne persönliche Folgen, und bald dreht sich die Konkurrenz nicht mehr allein um die spektakulärsten Spins oder die Gunst von Tonys Schwester Kathy (Nikki Reed), sondern um Geld und Sponsoren, die das goldene Ticket aus der Armut versprechen: Aus Delinquenten werden Dressmen und Werbeträger. Pointiert rekapituliert Hardwicke einige der bizarrsten Auswüchse dieses ersten großen Trendsport-Hypes, wie etwa Stacy Peraltas Gastauftritt bei "Drei Engel für Charlie".

Während sich Alwa und Peralta als rollende Rockstars von ihren jeweiligen Promotern um die Welt scheuchen lassen, bleibt Jay Adams in der Abbruchwohnung seiner tagträumenden Mutter Philaine (Rebecca De Mornay) zurück. Verwegener und kompromissloser als seine ehemaligen Teamkollegen, findet Adams seine Heimat in einer neuen, wütenden Subkultur, welche lautstark die letzten Reste kalifornischer Hippie-Illusionen wegnietet: Die Rede ist selbstverständlich vom Punk, dessen epochemachende Ankunft im Film durch einen tumultartigen Auftritt der Hardcore-Legende Black Flag verkündet wird - übrigens recht geschmackssicher imitiert von der aktuellen Rock-Hoffnung Rise Against.

Adams ist somit Geburtshelfer für das Subgenre des Skate-Punk, einer bis heute einzigartigen (und mittlerweile erfolgreich kommerzialisierten) Symbiose aus Ästhetik, Athletik und Attitüde. Gegenstand fast schon mystischer Verklärung der Szene waren und sind dabei die berühmten Pool-Sessions der "Z-Boys", die auch Hardwicke zum Schlüsselerlebnis ihrer Protagonisten stilisiert: Als aufgrund sommerlichen Wassermangels die Swimmingpools der Umgebung leergepumpt werden, marodieren die Skateboarder durch die vornehmen Vorgärten, um in den Betonbecken ihre Bahnen zu ziehen. Das Credo dieser erfinderischen Umwidmung fremden Eigentums besang Duane Peters, enorm tätowierter Punkmusiker und zahnloser Skate-Veteran, in einem seiner Songs mit dem wunderschönen Reim "Only a fool has a pool and keeps it full".

Unter dem Pflaster liegt der Strand

Surfende "Z-Boys": Aus dem Ozean auf die Straße
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Surfende "Z-Boys": Aus dem Ozean auf die Straße

Die dazugehörigen spektakulären Poolsequenzen in "Dogtown Boys" drehte Lance Mountain, selbst professioneller Skateboarder, mit geschulterter Kamera und in voller Fahrt. Auch sonst kann Hardwickes begeisterte Hommage an die alles andere als unschuldige Jugend eines Extremsports auf prominente Beteiligte verweisen: Stacy Peralta etwa schrieb das Drehbuch auf Grundlage seiner eigenen preisgekrönten Dokumentation "Dogtown and Z-Boys" und schwang sich zudem gemeinsam mit Alwa für einige Stunts auf die Bretter. Dass der Film trotz dieser engen Verknüpfung zwischen Filmemachern und Gegenstand nicht zur unreflektierten Nostalgierevue verkommt, ist den glaubwürdigen Hauptdarstellern zu verdanken und vor allem Catherine Hardwickes sicherem Gespür für den unbändigen Sturm und Drang einer Jugendbewegung, welcher letztlich den Skateboard-spezifischen Hintergrund transzendiert.

Wie schon in ihrem Aufsehen erregenden Regiedebüt "Thirteen" übt die Regisseurin unbedingte Solidarität mit ihren heranwachsenden Helden, ohne dabei die schmerzvollen und destruktiven Seiten jugendlicher Identitätssuche zu beschönigen. Dabei beweist sie ein tiefes Verständnis für den gerechtem Zorn und die zaghafte Zärtlichkeit, mit der ihre "Z-Boys" einen Platz in der Welt suchen. So erhebt "Dogtown Boys" angesichts der Verfehlungen seiner Protagonisten nie den Zeige-, sondern allenfalls den Mittelfinger. Denn letztlich geht es auch darum, jenseits eines furios bebilderten - und zudem mit einem kongenialen Soundtrack unterlegten - Pophistorienstück einen zeitlosen Traum zu verteidigen, der die Skateboarder mit allen urbanen Rebellen eint: die Vorstellung, dass unter dem harten Pflaster der Strand liegt.


Dogtown Boys (Lords of Dogtown)

USA/Deutschland 2005. Regie: Catherine Hardwicke. Buch: Stacy Peralta. Darsteller: John Robinson, Emile Hirsch, Victor Rasuk, Heath Ledger, Nikki Reed, Rebecca De Mornay. Produktion: Columbia Pictures, Indelible Pictures, Linson Films, Senator International. Verleih: Senator. Länge: 107 Minuten. Start: 8. September 2005



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