Skaterfilm "This Ain't California": Auf der schiefen Bahn

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Zu rasant, um wahr zu sein: Der preisgekrönte Film "This Ain't California" über die Skater-Szene in der DDR kommt als Dokumentation daher. Dabei ist vieles erfunden und nachgestellt. Ein paar Funsport betreibende Jugendlichen werden zu Polit-Rebellen verklärt - warum?

Mit einem Imagefilm bewerben Unternehmen sich selbst oder eines ihrer Produkte. Die Filme sind länger als herkömmliche Werbeclips und vermischen dokumentarische und narrative Elemente mit klassischen Stilmitteln der Werbung. Die Skater-Doku "This Ain't California" erinnert gefährlich an so ein Verkaufsfilm.

Regisseur Marten Persiel hat bislang Werbeclips, Musikvideos, Kurzdokumentationen und sogenannte Mockumentaries, also gestellte Dokumentarfilme, gedreht. Für sein Kinodebüt "This Ain't California" über die Skateboard-Szene in der DDR hat er den aus Ratingen stammenden Kai Hillebrand als Hauptdarsteller Denis gecastet und mit ihm im August 2011 in Berlin gedreht. Ein Teil des auch über Crowdfunding finanzierten Films stammt von Skateboard-Shops und -Magazinen. Mehrfach kommt Titus Dittmann, der Urvater der westdeutschen Skater-Szene und Besitzer einer Ladenkette für Skater-Bedarf, im Film zu Wort.

Auf der Berlinale 2012 wurde "This Ain't California" als Dokumentation ausgewiesen und gewann den Dialogue-en-Perspective-Preis - "für seine visuelle Kraft und seinen stilsicheren Schnitt", wie es in der Jury-Begrüdung heißt. Er lief auf dem Münchner Dokfest und wurde beim Cannes Independent Film Festival als Best Documentary ausgezeichnet, die Deutsche Film- und Medienbewertung in Wiesbaden hat ihn als Dokumentarfilm eingeordnet und ihm das Prädikat "besonders wertvoll" gegeben. Wie konnte es so weit kommen?

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Skater-Film "This Ain't California": Dichtung und Rollbretter
"Marten Persiel hat hier ein wunderbares Werk geschaffen und erzählt eine großartige Geschichte auf wundersame Weise", formuliert es Michael Schöbel, der Produzent des Films, in einer E-Mail auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Nach der Premiere des Films auf der Berlinale waren Fragen laut geworden, wie authentisch die Geschichte der Hauptfigur, dem jugendlichen Skate-Rebellen Denis "Panik" Paracek, sei.

Wohin sind die Überwachungskameras verschwunden?

An ein paar Skater auf dem Alexanderplatz konnten sich Zeitzeugen erinnern. Aber wie konnte es zu dieser allzu professionell geratenen Kamerafahrt aus einem Begleitfahrzeug gekommen sein, direkt neben einem Skater, der sich endlos durchs nicht genau einsehbare Plattenbauviertel ziehen lässt? Dazu dann Bilder aus der Skater-Bastelwerkstatt im Hinterhof, die so aussehen wie Als-wir-damals-noch-jung-waren-Bilder aus einer Bausparkassenwerbung?

Spätestens bei den Aufnahmen am Alexanderplatz wird klar: Diese Bilder sind nicht zu DDR-Zeiten entstanden. Warum? Weil zwar die Skater geschickt von unten gefilmt werden und so nur Gebäudekanten und Dächer zu sehen sind. Doch ein nicht unerhebliches Detail haben die Macher dabei übersehen. Hier gab es zu DDR-Zeiten überall Überwachungskameras - die fehlen auf den offenbar nachgedrehten Bildern.

Und dann der angebliche Stasi-Offizier, der relaxed seinen Text aufsagt, schlecht geschauspielert! Irgendwann traut man gar keinem Bild mehr, es fällt auf, dass die Bildsprache nicht die von DDR-Jugendlichen Anfang der achtziger Jahre sein kann. Die Ästhetik der "historischen" Filmaufnahmen ist die Ästhetik der zehner Jahre.

Die Frage nach dem Umfang der nachgedrehten Szenen ist entscheidend, denn nachgestellte oder animierte Sequenzen sind im Dokumentarfilm längst nicht mehr an sich ein Problem. Die israelische Dokumentation "Waltz With Bashir" (2008) hat den souveränen Umgang mit diesem Stilmittel überzeugend vorgeführt, indem sie sowohl die Gespräche mit Zeitzeugen als auch deren Erlebnisse in expressionistische Animationen übersetzte und damit klar machte, dass letztlich allem ein fiktives Moment innewohnt.

Gefilmt in der DDR, gefallen in Afghanistan

Ähnliche Stilelemente finden sich auch in "This Ain't California" wieder: Die ersten Erlebnisse des Freundeskreises um Denis mit den sogenannten Rollbrettern werden etwa in schwarz-weißen Trickfilmsequenzen nacherzählt. "Hier waren wir nicht dabei, hierfür haben wir keine Bilder" suggerieren diese Passagen.

Und danach? Ist bei allem - vom ersten Rollen auf dem Alexanderplatz bis zum internationalen Skater-Treffen in Prag - immer eine Super-8-Kamera und immer genügend Filmband dabei. Ein Bonzen-Vater aus dem Freundeskreis soll für stetigen Nachschub des arg knappen Materials gesorgt haben.

Für alles eine Erklärung, keine Fragen offen: Warum es keine aktuellen Aufnahmen von Denis gibt? Weil er, so der Film, nach der Wende erst verschwunden, dann in die Bundeswehr eingetreten und schließlich 2011 in Afghanistan umgekommen ist. Die verkrampfte Absicherung, dass sich alles so abgespielt hat, macht "This Ain't California" so problematisch. Während Mockumentaries wie Banksys Oscar-nominierter Film "Exit Through the Gift Shop" augenzwinkernd Zweifel an der Glaubwürdigkeit ihrer Erzählung streuen und ihr Publikum somit zum Reflektieren der eigenen Erwartungen einladen, pochen Marten Persiel und Michael Schöbel auf die Wahrhaftigkeit ihrer Geschichte.

Der Glaube an Pop wird wiederbelebt

"Ich werde Ihnen nicht beantworten, was inszeniert und/oder nachgedreht ist und/oder Quellen nennen und Namen preisgeben", schreibt Schöbel in seiner E-Mail. Dokumentationen brauchen sich nicht an diesem Film zu messen, Schöbel schließt seine Mail mit einem auch in der SED beliebten Zitat des kommunistischen Filmemachers Sergej Eisenstein von 1925: "Für mich ist es egal, mit welchen Mitteln ein Film arbeitet, ob er ein Schauspielerfilm ist mit inszenierten Bildern oder ein Dokumentarfilm. In guten Filmen geht es um die Wahrheit, nicht um die Wirklichkeit."

Dabei hätte es dem Film gutgetan, wenn seine Macher nicht nur mit dem korrekten Ausweisen ihres Materials überaus frei und unverbindlich umgegangen wären, sondern auch ihren Ansatz nicht so ernst genommen hätten. Jenseits der Fragen, wie groß die Skater-Szene in der DDR wirklich war und welche Aufnahmen es von ihr gibt, ist es fast ebenso spannend zu untersuchen, warum genau diese Szene uns fasziniert. Warum ist die Vorstellung so reizvoll, dass es in der DDR Jugendliche gegeben hat, die mit ihren Skateboards die Obrigkeit herausgefordert haben? Warum glauben wir so gern, dass diese Jugendlichen die perfekte Mischung aus Funsport und Agitprop gefunden haben?

Raum, um diesen Fragen nachzugehen, bietet "This Ain't California" leider nicht. Vielmehr will der Film mit immer neuen Schauwerten aus krassen Skate-Stunts und verrückten Achtziger-Frisuren plus krachigem Soundtrack bloß keine Ruhe einkehren lassen.

Was Marten Persiel und sein Team uns verkaufen, ist keine nostalgisch gefärbte Version der DDR, sondern eine nostalgisch gefärbte Version von jugendlichen Subkulturen. In "This Ain't California" lebt der Glaube an das subversive Potential des Pop wieder auf. Hier darf ein bunter Freizeitsport noch einmal das dröge politische Engagement ersetzen. Skater sind hier nicht die hedonistischen Schüler, die seit ein paar Jahren wieder ihre Bretter durch die deutschen Innenstädte rollen lassen. Skater sind hier wieder die Outlaws, die sich nach dem "Endless Summer" sehnen, sie sind wieder die legendären Z-Boys, die im Kalifornien der siebziger Jahre dem Skaten neue Regeln gaben.

Von dieser Verklärung von Jugendsubkulturen und speziell der Skater-Szene profitieren vor allem die eingangs genannten, am Film Beteiligten - nicht direkt ökonomisch, aber eben ideologisch. Und das macht "This Ain't California" letztlich zu einem Verkaufsfilm.

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insgesamt 36 Beiträge
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1. Was für ein blödsinn!
Chrysler-Fahrer 17.08.2012
Ich glaube, man sollte die beiden Autoren des Beitrages mal in eine Zeitmaschine stecken und auf eine Reise in die späten 80er der DDR schicken. Ich bin genau so alt wie die Skater im Film und habe sie am Alex gesehen - und zwar mit Neid. Meine Szene war eine andere, aber die Jungs waren verdammt cool. Es war übrigens genau so, diese zweite Hälfte der Achtziger. Die DDR war nach innen so marode, dass unglaublich viel möglich war, jenseits der Staatskultur. Wie marode sie war, haben wir natürlich erst später erfahren, aber das Erstaunen war auch schon damals groß, wie viel glatt durchgelaufen ist an Frechheit. "This Ain't California" ist ein großartiger und wahrhaftiger Film. Völlig wurscht, welche Sequenz dokumentarisch ist und welche nicht, das ist kleinliches Gemeckere. Laßt Euch auf den Film doch mal ein, Leute! Auch SPIEGEL-Redakteure können ihre Emotionen wiederfinden, wir glauben ganz fest an Euch! Sicher gibt es bessere Zeiten, doch dieses war die unsere.
2. Ja,
gekreuzigt 17.08.2012
Sicher gibt es bessere Zeiten, doch dieses war die unsere.[/QUOTE] Da schreiben zei Möchtegernkritiker mal wieder über Sachen, von denen sie nicht das Geringste verstehen. Soweit ich das sehe, ist der Film doch nicht ausdrücklich als Doku angekündigt worden. Ich habe den verdacht, dass es sich bei dem Beitrag um einen Verkaufsversuch handelt, nämlich von zwei mindertalentierten Kritikastern, die sich der Hochkultur anbiedern wollen. Könnte sogar klappen, viel Lärm um Nichts können sie ja schon.
3. Kleinlicher Artikel
Benutzernameoptional 17.08.2012
Klar. Wie sonst soll man als Spiegel-Autor reagieren, wenn man eine schriftliche Absage bekommt, als mit Kleinlichkeit und Realitätsverdrehung? Hier wird nichts verklärt. Wer in der damaligen DDR Skateboard gefahren ist, war cool. Ich bin zwar Wessi, aber sehe da so und habe einen Haufen Respekt vor den Jungs. Völlig egal, was da nachgedreht wurde. Der Artikel strotz von Überheblichkeit und Nachtreterei der Autoren.
4. Frage an die Autoren:
toi_ 17.08.2012
---Zitat--- Z"Zu rasant, um wahr zu sein: Der preisgekrönte Film "This Ain't California" über die Skater-Szene in der DDR kommt als Dokumentation daher. Dabei ist vieles erfunden und nachgestellt. Ein paar Funsport betreibende Jugendlichen werden zu Polit-Rebellen verklärt - warum? Mit einem Imagefilm bewerben Unternehmen sich selbst oder eines ihrer Produkte. Die Filme sind länger als herkömmliche Werbeclips und vermischen dokumentarische und narrative Elemente mit klassischen Stilmitteln der Werbung. Die Skater-Doku "This Ain't California" erinnert gefährlich an so ein Verkaufsfilm." Skaterfilm "This Ain't California": Alles echte DDR oder doch Fake? - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,850003,00.html) ---Zitatende--- In den ersten zwei Absätzen direkt 2 Fehler - bei 2 Autoren?! Liest sich denn nicht zumindest einer davon noch einmal den Text durch, bevor was online geht?? Sorry, weiter habe ich dann nicht mehr gelesen... aber "Herrn Chrysler" nach zu urteilen ist der Artikel ja offensichtlich inhaltlich genau so minderwertig, wie er in den ersten 2 Absätzen erscheint.
5. optional
spon-facebook-10000304292 17.08.2012
Ich muss eine Lanze für die Autoren brechen: Nach all der Lobhudelei für diesen Film empfinde ich es als sehr wichtig, dass ein Finger in diese Wunde gelegt wird. Mir persönlich ist es überhaupt nicht egal, ob, was und wieviel in einem angeblichen Dokumentarfilm getürkt - prinzipiell nicht. Ich würde mir so etwas wie CaliforniaPlag wünschen, wo genau zu sehen ist, welche und wieviele Szenen echt sind und welche nicht (das ist doch ein Unterschied!) - und welche Charaktere echt sind und welche "nur" Schauspieler (der Abspann verrät es ja nicht). Erstaunlich, dass man die Macher mit ihrer Verweigerungshaltung - "wir verraten nichts" - davonkommen lässt.
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