"Hobbit"-Regisseur Jackson "Ich fühle mich auch für die weiblichen Fans verantwortlich"

Erst wollte er nicht, doch jetzt ist Peter Jackson froh, dass er die "Hobbit"-Trilogie selbst inszeniert. Der neuseeländische Regisseur erklärt, wie er beim Dreh von "Smaugs Einöde" neue Lust aufs Filmemachen bekam - und warum die Story dringend weibliche Unterstützung brauchte.

DPA

Ein Interview von


Peter Jackson, 1961 in Neuseeland geboren, begann seine Karriere mit humorigen Horror- und Splatterfilmen wie "Braindead". Seit er Ende der Neunziger die Filmrechte an J.R.R. Tolkiens Fantasy-Epos "Der Herr der Ringe" erhielt, ist er der Meister von Mittelerde. Die "Herr der Ringe"-Trilogie (2001 bis 2003) gehört zu den erfolgreichsten Kinoprojekten der jüngsten Zeit und setzte weltweit rund drei Milliarden Dollar um. Nach jahrelangem Hin und Her entschied sich Jackson 2010, die Verfilmung des Tolkien-Romans "Der Hobbit", zeitlich vor dem "Herr der Ringe"-Epos angesiedelt, selbst zu inszenieren. Ursprünglich als Zweiteiler geplant, wurde eine Trilogie daraus. Der erste Teil, "Der Hobbit: Eine unerwartete Reise" setzte seit seinem Start im Dezember 2012 rund eine Milliarde Dollar um.

SPIEGEL ONLINE: Mr. Jackson, im zweiten Teil Ihrer "Hobbit"-Trilogie strecken und ergänzen Sie Tolkiens Originalgeschichte so radikal, dass mancher Fan das Grausen kriegen könnte. Ist das nicht ein gewagtes Spiel?

Jackson: Ach, wissen Sie, es deprimiert mich immer, wenn ich Filme sehe, bei denen ich das Gefühl habe, alles wurde auf ein bestimmtes Zielpublikum zugeschnitten wie ein marktgerechtes, profitorientiertes Designerprodukt. Unsere Filme sind nicht so. Wir machen das nicht mit dem Gedanken an eine Million Fans im Hinterkopf, sondern für genau drei Fans: meine Drehbuchpartnerinnen Philippa Boyens, Fran Walsh und mich selbst. Ich entscheide immer danach, was ich gerne im Kino sehen möchte. Das ist alles, was ich tun kann.

SPIEGEL ONLINE: Was war für Sie die größte Herausforderung bei "Smaugs Einöde", der ja eigentlich nie als als Mittelteil geplant war, sondern als zweiter und letzter Teil der Kino-Saga?

Jackson: Beim Mittelteil einer Trilogie denkt jeder sofort, das ist der uninteressante Brückenteil, der Füller. Stimmt ja meistens auch, und letztlich kommen wir mit "Smaugs Einöde" noch lange nicht bei der großen, finalen Klimax an. Umso wichtiger war es, die Freiheit zu nutzen, um Raum für neue Charaktere wie die Elben Legolas und Tauriel zu schaffen. Filmemachen ist natürlich aber auch Geschäft und Entertainment: Es stand fest, dass dieser Film aufregend, schnell und actionreich sein sollte. Die größte Herausforderung war, "Smaugs Einöde" nicht als Einzelfilm zu betrachten. In Zukunft wird man alle drei Filme, zusammen mit der "Herr der Ringe"-Trilogie, dramaturgisch als Ganzes betrachten. Und das muss atmosphärisch und ästhetisch homogen sein.

SPIEGEL ONLINE: Ein Teil des Films spielt in der Wasserstadt Laketown, eine Szenerie, die an die viktorianischen Panoramen von Charles Dickens erinnert und eine gewisse soziale Unruhe in Mittelerde abbildet. Ein versteckter politischer Kommentar?

Jackson: Ich bin ja nicht unbedingt der Typ, der dafür bekannt ist, in seinen Filmen politische Kommentare abzugeben. Dem Literaturwissenschaftler Tolkien ging es ja vor allem darum, den Engländern eine Mythologie zurückzugeben. Tolkien sagte immer, dass die Geschichten von Mittelerde vor 7000 oder 8000 Jahren spielen, also vor den Ägyptern, und natürlich auch lange vor den politischen Ereignissen unserer zivilisierten Welt.

SPIEGEL ONLINE: Was ja nicht heißt, dass man sich als Filmemacher nicht die Freiheit nehmen könnte, dennoch Parallelen zu modernen Geschehnissen zu ziehen.

Jackson: Das stimmt, und das wird ja auch gemacht, ob nun in den dreißiger und vierziger Jahren, als die Leute Tolkien lasen und Parallelen zu den Weltkriegen zogen - oder in den Sechzigern, als der "Herr der Ringe" vor allem in den USA im Zusammenhang mit der Hippie-Kultur und dem Vietnam-Krieg ausgedeutet wurde. Wir haben das selbst erlebt: Der erste Teil der "Herr der Ringe"-Trilogie kam nur wenige Wochen nach dem 11. September 2001 ins Kino. Und plötzlich setzten viele Leute Tolkiens archetypischen Kampf von Gut gegen Böse in einen Zusammenhang mit dem Trauma, das sie gerade erlebt hatten. Tolkien hätte das gehasst! Aber so ist das nun einmal mit Mythologien: Sie dienen unweigerlich als Reflexionsflächen.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie steuern solche Assoziationen nicht bewusst in Ihren Filmen?

Jackson: Uns ging es vor allem darum, diese Phantasiewelt ästhetisch in der Realität zu verankern, damit es visuelle Anknüpfungspunkte gibt und alles glaubhaft wirkt. Den Elben zum Beispiel gaben wir damals eine Jugendstil-Anmutung, einfach weil es gut zu ihrem Wesen zu passen schien. Und Laketown sollte definitiv etwas von Dickens' London haben, aber auch alte russische Architektur widerspiegeln. Ich mochte die Idee, dass alles in dieser Stadt schief und krumm ist und droht, ins Wasser zu rutschen. Das können Sie nun deuten, wie Sie wollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich jetzt schon seit fast 20 Jahren mit Tolkien, Hobbits, Elben und Orks. Haben Sie nicht langsam die Nase voll von Mittelerde?

Jackson: Ich habe damals gezögert, die Regie der "Hobbit"-Filme zu übernehmen, weil ich genau davor Angst hatte. Ich stellte mir die Frage: Kann ich mich wirklich noch einmal so sehr in diese Geschichten und Figuren verlieben - oder sollte eher ein anderer Regisseur sich mit seiner frischen Sichtweise versuchen. Also kam Guillermo del Toro dazu, dann gab es die bekannten finanziellen Querelen und Verzögerungen, und er musste absagen - und am Ende hatte ich keine Wahl. Als wir dann den ersten "Hobbit" drehten, hatte ich mehr Spaß daran, als ich je zu träumen gewagt hatte.

SPIEGEL ONLINE: Spaß muss es vor allem gemacht haben, mit der Elbenkriegerin Tauriel nicht nur einen komplett neuen Charakter zu erfinden, sondern den zottigen Zwergen, Hobbits und Orks der "Hobbit"-Geschichte eine attraktive, weibliche Actionfigur entgegenzustellen…

Jackson: Das war eigentlich eine recht kaltblütige Entscheidung: Das Buch "Der Hobbit" wird ja von einer Erzählerstimme vorgetragen, die viele Zusammenhänge erklärt. Das kann man im Film nicht machen. Wir brauchten also mehr Figuren, um eine gewisse Dramatik zu entwickeln. Dafür eigneten sich die drei Elbencharaktere perfekt. Es ist ja nicht nur Tauriel: Auch Legolas kommt im Roman nicht vor. Und der Elbenkönig hat bei Tolkien noch nicht einmal einen Namen.

SPIEGEL ONLINE: Es waren also nicht ihre Ehefrau Fran Walsh und Philippa Boyens, die beim Drehbuchschreiben auf eine weibliche Komponente bestanden haben?

Jackson: Nein. Aber wir hatten natürlich denselben Gedanken wie Sie: Es war eine sehr willkommene Gelegenheit, zwischen all die struppigen Kerle eine starke Frauenfigur zu platzieren. Ich fühle mich da durchaus für unsere vielen weiblichen Fans verantwortlich: Tauriel ist doch ein prima Rollenmodel! Die zeigt diesen jungen Frauen, wie man Orks killt. Wer weiß, wozu man das noch mal gebrauchen kann.



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