"Snatch - Schweine und Diamanten" Saukomischer Milieu-Comic

Madonnas frisch angetrauter Ehegatte Guy Ritchie braucht sich keine Sorgen zu machen, bald nur noch im Schatten seiner berühmten Frau zu stehen: Mit seinem zweiten Film legt der Brite eine weitere haarsträubende Gangsterkomödie über durchgeknallte Typen vor.

Von Oliver Hüttmann


Selbstparodie: Brad Pitt wollte unbedingt in Ritchies Film mitspielen und mimt den nuschelnden Zigeuner-Boxer Mickey
Columbia TriStar

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Die halbe westliche Welt kennt Guy Ritchie, auch wenn sein Name den meisten auf Anhieb nichts sagen mag. Denn Ritchie ist kein Film- oder Popstar, sondern der Herzbube von Superstar Madonna, den sie im vergangenen Jahr geheiratet hat. Gemessen am Medienauftrieb rangiert das Brautpaar damit gleich hinter dem einstigen Rummel um Charles und Diana. Bei allem privaten Glück muss Ritchie nur darauf achten, beruflich nicht im Schatten seiner Frau zu verblassen.

Trailer: "Snatch - Schweine und Diamanten"


Immerhin ist der Brite auch ein pfiffiger Regisseur, hat aber erst einen Film gedreht. "Bube, Dame, König, Gras" ("Lock, Stock And Two Smoking Barrels") war als Gangsterkomödie mit schrägen Schlägern und durchgeknallten Dialogen eine kleine Virtuosität, die man ansatzweise mit Quentin Tarantinos "Pulp Fiction" vergleichen konnte. Die Kritiken waren sehr wohlwollend, der Erfolg dennoch bescheiden. Aber schon diese öffentliche Aufmerksamkeit verdankte er einer Frau aus dem Umfeld der Pop-Prominenz, denn sein Kinodebüt wurde von Trudie Styler produziert, der Gattin des Musikers und gelegentlichen Schauspielers Sting. Und wie selbstverständlich enthielt der Soundtrack den Funk, Punk und Rock der siebziger Jahre und einen Song von Robbie Williams.

Medienpräsenz: Regisseur Ritchie und Ehefrau Madonna
AP

Medienpräsenz: Regisseur Ritchie und Ehefrau Madonna

"Snatch ­ Schweine und Diamanten" heißt Ritchies zweiter Film, der an den englischen und amerikanischen Kinokassen wesentlich erfolgreicher abgeschnitten hat. Zur Premiere trug Madonna den Filmtitel auf einem engen T-Shirt zur Schau und die Kameras das Brustbild in jede Klatschsendung. Für den Film selbst interessierte sich die Presse kaum. Der sei zwar nicht minder grotesk und raffiniert inszeniert, darin aber doch nur eine Variation des Vorgängers, mäkelten Kritiker.

Trailer: "Snatch - Schweine und Diamanten


Und so konzentriert man sich auf Petitessen aus dem Familienleben und Porträts von Mr. Madonna, der bereits nachmittags auf ein paar Bierchen in Kneipen abhänge, natürlich Fußball liebe, schon mal mit offenem Hosenschlitz herumlaufe und mit Polohemd, Jeans und schweren Schuhen auch sonst wie eine Mischung aus Britpopper und Hooligan aussieht. Das alles mag eine gewisse Relevanz haben für den derben Witz seiner Filme, die gleichwohl geschickt verschachtelt und elegant geschnitten sind. Den Madonna-Bonus aber kann man getrost vergessen: "Snatch" macht einfach Spaß.

Dusseliges Trio: Vinny, Sol und Tyrone mischen sich in Dinge, die gleich mehrere Nummern zu groß für sie sind...
Columbia TriStar

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Ritchie erzählt darin vier, fünf Geschichten, die sich irgendwann alle miteinander kreuzen. Als eine Art "McGuffin" dient dafür ein in Antwerpen gestohlener riesiger Diamant, hinter dem ein halbes Dutzend Figuren mit schillernden Milieunamen herjagen. Bereits der Überfall von drei, als orthodoxe Juden verkleideten Räubern auf einen Juwelengroßhändler ist eine kunstvolle Köstlichkeit, da die gesamte Sequenz auf den Monitoren von Überwachungskameras abläuft. Franky Four Fingers (Benicio Del Toro) soll den erbeuteten Stein zu seinem Boss Avi (Dennis Farina) nach New York bringen. Und seine Zwischenlandung bei Avis Cousin Doug the Head (Mike Reid) in London ist dann der Auftakt für ein Kaleidoskop aus Aktionen von lakonischen Totschlägern, unfassbaren Knalltüten und verkrachten Existenzen aus dem Londoner East End.

Zum einen will sich hier der russische Waffenhändler Boris the Blade (Rade Sherbedgia) das hochkarätige Stück schnappen. Um sich aus der Schusslinie zu halten, zwingt er den verschuldeten schwarzen Pfandleiher Vinny (Robbie Gee), Franky beim Platzieren einer Boxwette auszurauben. Mit seinem tuntigen Kumpel Sol (Lennie James) und dem fetten Fahrer Tyrone verwüstet der Amateur dabei ein Wettbüro des Unterweltspaten, Box-Promoters und Schweinezüchters Brick Top (Alan Ford), den Ritchie die besten Sprüche knurren lässt. "Nimm deine Zunge aus meinem Arschloch, das machen nur Hunde", droht er einem seiner Handlanger. "Obwohl, du hast ja alle Eigenschaften eines Hundes. Bis auf Loyalität." Derweil jettet Avi mit der Concorde nach London, um sich mit dem Auftragskiller Bullet Tooth Tony (Vinnie Jones) seinen Diamanten wiederzubeschaffen.

Abgekartetes Spiel: Mickey (Brad Pitt, M.) soll k.o. gehen, bringt es aber nicht fertig, absichtlich zu verlieren
Columbia TriStar

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Ein Problem haben auch der Spielhallenbesitzer Turkish (Jason Statham) und sein trotteliger Partner Tommy (Stephen Graham). Sie haben für Brick Top einen illegalen Boxkampf vorbereitet, doch kurz vorher ist ihnen ihr tumber, massiger Knochenbrecher im Streit mit dem jähzornigen irischen Zigeuner Mickey "One Punch" O'Neil verlustig gegangen. Versoffen, versifft und verrückt parodiert Brad Pitt hier genüsslich seine Rolle aus "Fight Club", weil er unbedingt in Ritchies neuem Film mitspielen wollte. Im Original sprechen Mickey und seine Landsleute, die mit Wohnwagen handeln und bei jedem Geschäft einen ihrer Köter dazugeben, einen kaum verständlichen Dialekt. Bei der Synchronisation sorgt nun ein kräftiges Nuscheln für heitere Running Gags. Brick Top verlangt von Turkish, dass Mickey als Preisboxer in den Ring steigen soll ­ allerdings will der Sturkopf partout nicht in der dritten Runde zu Boden gehen, damit Brick Tops Kunden bei getürkten Wetten abkassieren können.

Vor allem die Boxkämpfe hat Ritchie mit Zeitlupe und Zeitraffer, rasanten Schnitten und ausgefallenen Kameraperspektiven furios choreografiert. Aber auch viele andere Szenen wurden ästhetisch mit Montagen aufgemotzt, etwa durch so genanntes Split-Screening, ein typisches Stilmittel aus Filmen der siebziger Jahre. Aus jener Dekade hat Ritchie auch zahlreiche Referenzen in seinem Plot eingebaut. Dennoch funktioniert das chaotische Konglomerat, zumal peppig unterlegt von Rocksongs und BigBeat-Tracks, so lässig wie ein Video-Clip.

"Snatch" ist ein mal makabrer, immer saukomischer Comic, und die Einfälle hätten eigentlich für mehrere Filme gereicht. Doch die Britpop-Band Oasis hatte ja auch alle ihre Hits auf dem zweiten Album. Allerdings hat sie sich davon nicht mehr erholt. Guy Ritchie wird sich anstrengen müssen, damit ihn nicht dasselbe Schicksal ereilt.

"Snatch ­ Schweine und Diamanten" ("Snatch"). GB 2001. Regie: Guy Ritchie; Drehbuch: Guy Ritchie; Darsteller: Benicio Del Toro, Dennis Farina, Brad Pitt, Mike Reid, Vinnie Jones. Länge: 103 Minuten; Verleih: Columbia Tristar; Start: 22. März 2001.



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