"Snowden" von Oliver Stone Im Bett mit dem Whistleblower

Will man Edward Snowden beim Sex sehen? In seinem Biopic über den berühmten Whistleblower rückt Oliver Stone die Privatperson in den Mittelpunkt. Trotzdem ist "Snowden" ein gelungener politischer Film.

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Im Frühling 2014 soll Oliver Stone Laura Poitras gewürgt haben. "Es war auf eine spielerische Art. Ich glaube, er war ein wenig betrunken. Es war in jedem Fall kein besonders angenehmer Abend", hat Poitras der "New York Times" von ihrem Treffen mit Stone in Berlin erzählt. Stone kann sich gegenüber der Zeitung an kein derartiges Vorkommnis erinnern. Doch wie bei jeder guten Geschichte reichen Andeutungen aus, um sich die Szene detailreich auszumalen.

Der Spielfilmregisseur Stone, der seit einigen Monaten an einem fiktionalen Porträt von Edward Snowden arbeitet, und die Dokumentarfilmautorin Poitras, die in den letzten Zügen ihres Films mit exklusiven Aufnahmen von Snowdens Zeit in Hongkong ist. Stone, der die Rechte an einem reißerischen Schlüsselroman von Snowdens russischem Anwalt Kutscherena kaufen musste, um Zugang zu dessen Klienten zu erhalten. Poitras, die von Snowden direkt kontaktiert wurde, weil sie ihm als Kennerin des US-Sicherheits- und Überwachungsapparats geeignet erschien, die größten politischen Enthüllungen des Jahrtausends anvertraut zu bekommen. Stone, der schon lange keinen erfolgreichen und vor allem relevanten Film mehr gemacht hat. Poitras, die dabei ist, den Scoop ihres Lebens fertig zu stellen. Als Stone Poitras bittet, ihren Film erst zu veröffentlichen, wenn seiner fertig ist, lehnt sie ab. Vielleicht legt er ihr daraufhin die Hände um den Hals. Vielleicht nicht.

"Citizenfour" feierte am 10. Oktober 2014 in New York Premiere. Er gewann den Oscar, den Emmy, den Deutschen Filmpreis und 41 weitere Preise. "Snowden" kommt diese Woche in die Kinos. Er ist der analytisch weniger gehaltvolle Film, er ist konventioneller erzählt, und er wird aller Voraussicht nach keine Preise gewinnen. Trotzdem ist es gut, dass es "Snowden" gibt. Denn wie bei jeder richtig guten Geschichte gibt es mindestens zwei Weisen, sie zu erzählen.

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"Snowden": Plädoyer für einen Whistleblower

Stones Version beginnt 2013 in Hongkong. Laura Poitras ist nun eine Filmfigur, gespielt von Oscar-Preisträgerin Melissa Leo. An der Seite von "Guardian"-Kolumnist Glenn Greenwald (Zachary Quinto) wartet sie in der Lobby des Mira-Hotels auf einen jungen Mann mit einem Zauberwürfel in der Hand und dem richtigen Satz auf den Lippen, mit dem er sich als ihr bislang anonymer Informant zu erkennen gibt. Joseph Gordon-Levitt nähert sich ihnen. Er hat das stolze Kinn und den sicheren Gang eines Hollywood-Stars, dann macht er den Mund auf, und seine Stimme ist so sanft und gepresst zugleich, dass er sich in diesem Moment in Edward Snowden verwandelt.

Mit Greenwald und Poitras geht es rauf auf Snowdens Hotelzimmer, und es beginnt der Teil der Geschichte, dessen tatsächlicher Verlauf in "Citizenfour" atemlos dokumentiert ist, dessen Nachinszenierung aber genauso spannend ist: Vorsichtig lassen sich Poitras und Greenwald auf Snowdens Ausführungen ein, dann wird ihnen das Ausmaß seiner Enthüllungen bewusst.

Während Poitras filmt, beginnt Greenwald, seinen ersten Artikel auf der Basis von Snowdens Datensätzen zu verfassen. Kurz zögert die Chefin des New Yorker "Guardian"-Büros noch, den Artikel live zu schalten, dann ist er in der Welt und mit ihm die unwiderrufliche Erkenntnis, wie umfangreich und unkontrolliert die NSA auf die privaten Daten von Millionen von Menschen zugreifen kann.

Auf diesen robusten faktischen Rahmen stützt sich Stone, wenn er in der Folge stärker fiktionalisierte Rückblenden in Snowdens bisheriges Leben, von seinen unglücklichen Anfängen im Militär bis hin zu seinem letzten Arbeitstag als externer Systemadministrator bei der NSA, einstreut. Stone stellt Snowden als einen strebsamen Autodidakten vor, der politisch libertär denkt: Bei seiner ersten Verabredung mit seiner künftigen Lebensgefährtin Lindsay Mills (Shaylene Woodley) weigert er sich, eine Petition gegen den Irakkrieg zu unterschreiben; beim Bewerbungsgespräch bei der CIA gibt er die radikalkapitalistische Denkerin Ayn Rand als Inspiration an.

Heimlicher Blick ins Schlafzimmer

Doch Snowdens Überzeugungen wandeln sich. Unter dem Einfluss der liberaleren Mills beginnt er, seinen bedingungslosen Patriotismus, nach dem sich jede Kritik an der Regierung verbietet, zu überdenken. Gleichzeitig erlebt er auf der Arbeit - erst bei der CIA, dann bei Dell, schließlich als Angestellter der Beratungsfirma Booz Allen Hamilton -, wie staatliche Behörden die Rechte ihrer Bürger verletzen, indem sie unkontrolliert auf deren Privatdaten zugreifen. Und fast noch schlimmer: wie seine Vorgesetzten diese Gesetzesverstöße entweder schweigend hinnehmen oder aktiv vertuschen.

Mit Mills kann Snowden nicht über seine streng geheime Arbeit sprechen, doch seine schockierenden Erkenntnisse speisen sich auf andere Art in ihren Alltag zurück: Als das Paar in der Nacht zum Sex ansetzt, fällt Snowdens Blick auf die Kamera seines stationären Computers, und er erstarrt. Erst am Tag zuvor haben ihm Kollegen gezeigt, wie leicht sie sich auch in abgeschaltete Webcams einhacken und Menschen in intimsten Situationen ausspähen können.

Besonders angenehm anzusehen sind Szenen wie Mills und Snowden beim Sex nicht, sie nehmen sich selbst wie unbefugte Einblicke in das Leben fremder Menschen aus. Doch Stone und sein Co-Autor Kieran Fitzgerald schaffen es immer wieder, das Politische und das Private sinnvoll kurzzuschließen. Erst als Snowden begreift, wie sehr die NSA in den Alltag von Menschen weltweit und nicht zuletzt auch von ihm eingreifen kann, entschließt er sich zu handeln. Gleichzeitig erscheint Mills als die emotionale Stütze, ohne die der gesundheitlich angeschlagene Snowden - der Film zeigt zwei epileptische Anfälle - wohl nicht die Kraft gehabt hätte, den Weg als Whistleblower einzuschlagen.

Homestory im russischen Exil

In "Citizenfour" hat sich Laura Poitras bewusst für eine post-heroische Erzählung entschieden. Sie zeigt, wie einschneidend Snowdens Enthüllungen sind, wie sehr sich die Geschichte des 21. Jahrhunderts in ein vor und danach einteilen lässt. Im letzten Drittel ihres Films entfernt sie sich jedoch von Snowden und macht klar, dass die Verantwortung dafür, dass sich etwas grundlegend ändert, nun bei anderen liegt. Bei Politikern, die wirksame Kontrollen durchsetzen müssen. Und bei den Bürgern, die diese Kontrollen so lange einfordern müssen, bis sie wirklich greifen.

Auch "Snowden" ist post-heroisch, zumindest im Vergleich zu Stones anderen Große-Männer-Filmen. Das scheint weniger in einer intellektuellen Entscheidung als im Material selbst begründet zu sein. Ed Snowden ist kein Jim Morrison, und die Downloads von Datenpaketen sind keine Schüsse auf den Präsidenten. Ganz unversucht lässt es Stone auch nicht, inszenatorisch aufs Gas zu drücken. Die kurzen Auftritte von Nicolas Cage als alternder CIA-Mitarbeiter, der aufgrund seiner kritischen Nachfragen ins Archiv abkommandiert wurde, sind so drüber, wie es nur irgend geht. Und auch Rhys Ifans als Snowdens väterlicher Vorgesetzter bei der CIA, der das Vertrauen seines Schützlings missbraucht, gerät unnötig überzeichnet.

Doch insgesamt ist "Snowden" als Mainstream-Film, der einem breiteren Publikum - vor allem in den USA - Snowdens Motivation verständlich machen will, überraschend besonnen geraten. In den letzten Szenen zeigt Stone, wie bei Biopics üblich, dokumentarische Aufnahmen seines Protagonisten. Normalerweise zerstören solche Bilder die zuvor sorgsam aufgebaute Illusion von Authentizität und lassen die Leistungen der Schauspieler verblassen. Schließlich ist nichts so aufregend wie der Blick in die Augen des Menschen, der das zuvor Behauptete tatsächlich gelebt hat.

Bei "Snowden" haben die Bilder von Edward Snowden - irgendwo im russischen Exil, Lindsay Mills an seiner Seite - eine andere Wirkung. Sie führen wie eine Brücke vom Kino in die Realität herüber. Snowden lebt, er ist erst 33 Jahre alt. Er müsse sich keine Sorgen um morgen machen, lässt ihn Stone in die Kamera sagen, er wisse, dass er bereits geleistet habe, was er in diesem Leben leisten könne.

So kommt "Snowden" über einen völlig anderen Weg doch zum selben Schluss wie "Citizenfour": Die Verantwortung für das Erbe von Edward Snowden liegt nicht bei ihm. Sie liegt bei uns.

Im Video: Der Trailer zu "Snowden"

"Snowden"

    USA 2016

    Regie: Oliver Stone

    Drehbuch: Oliver Stone, Kieran Fitzgerald

    Darsteller: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Zachary Quinto, Rhys Ifans

    Produktion: Endgame, Vendian, Krautpack

    Verleih: Universum

    Länge: 134 Minuten

    Start: 22. September 2016

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
skygirl 21.09.2016
1. Snowden....
...würde ich gerne vor Gericht sehen. Ist hier aber wahrscheinlich wieder eine Mindermeinung.
Newspeak 21.09.2016
2. ...
Ich glaube es ist nicht sehr realistisch, daß sich durch diesen Film, auch wenn er interessant sein mag, irgendetwas ändert. Wann hätte denn "das Volk" irgendwann mal etwas eingefordert, seit der Französischen Revolution? Die ostdeutsche "Revolution" z.B. war doch nur erfolgreich, weil die DDR sowieso schon am Ende war, Jahre zuvor schon. Und so wird es auch mit der NSA sein. Die wird irgendwann ihr Ende finden. Wenn die USA selbst absteigen und relativ bedeutungslos werden. Z.B nach der nächsten oder übernächsten Finanzkrise, wenn auch die großen Player nicht mehr zu retten sind. Dann wird irgendwann alles langsam auseinanderfallen, weil es schlichtweg zu teuer ist und zu uneffektiv. Genauso wie die Stasi im Prinzip zu teuer und ineffektiv war.
docmillerlulu 22.09.2016
3.
Schön daß uns der Spiegel gleich zu Beginn des Artikels Oliver Stone in das richtige Licht rückt. Ich sehe den Sinn für diesen Satz und diese Information nicht (Ironie!) - man könnte meinen SPON möchte Stone gleich vorab diskreditieren. Ich kann mir aber nicht vorstellen daß freie Journalisten so etwas machen.
fred_m 22.09.2016
4. Leider, leider . . .
Zitat: "Die Verantwortung für das Erbe von Edward Snowden liegt nicht bei ihm. Sie liegt bei uns." "Snowden" wird wahrscheinlich das gleiche Schicksal erleiden wie "Citizenfour": die Leuten, die den Film unbedingt sehen sollten, werden ihn ignorieren bzw. sich stattdessen ein Fußballspiel anschauen. Ich erinnere mich "Citizenfour" in München: in einem Saal mit ungefähr 200 Plätzen saßen 11 Zuschauer. Die einttäuschende Zahl der Reaktionen auf diesem SPON-Artikel spricht eine deutliche Sprache: man will es einfach nicht wissen.
fiftysomething 22.09.2016
5. @skygirl
Nein, nein.....Sie sind die Speerspitze der schweigenden Mehrheit. Snowden vor Gericht. Klar. Verrat ist Verrat. Hoffen wir, dass die Gerechtigkeit immer siegt und das Gute und Böse sich so deutlich an Personen festmachen lässt. Im Grunde ist ja egal, ob Snowden stirbt oder auf Staatskosten den Rest seines Lebens in Einzelhaft sitzt, sein "Verrat" ist in der Welt. Was soll da vor Gericht noch verhandelt werden? Moralische Aspekte? Das wir anschließend wieder besser schlafen können, weil wieder ein "Krimineller " mehr im Gefängnis sitzt? Merken Sie es?
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