Schulkomödie von Sönke Wortmann Angriff der Helikopter-Eltern

Was tun, wenn das Kind keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommt? In der Schulkomödie "Frau Müller muss weg" rüsten sich Eltern, angeführt von Anke Engelke, zur Attacke auf eine Lehrerin.


Eltern, die ihre Kinder täglich mit dem SUV zur Schule chauffieren und rechtswidrig direkt vor dem Haupteingang parken. Die dem Sprössling sodann die Schultasche tragen und ihn bis ins Klassenzimmer eskortieren. Ihm beim Ausziehen der Jacke behilflich sind und dem Lehrpersonal schnell noch ein wichtiges Gespräch aufdrücken, obwohl die Unterrichtszeit längst begonnen hat. Die die Toiletten der Kinder okkupieren, auf dem Schulhof rauchen und dann zum Abschied noch einmal winkend vor dem Fenster auftauchen.

Nein, kein Drehbuch-Szenario, sondern tagtägliche Realität an deutschen Grundschulen. So geschildert von einem Schulrektor, der angesichts übergriffiger Eltern einen erzürnten Brief schrieb, der von der "Stuttgarter Zeitung" veröffentlicht wurde und sich dann rasend schnell in anderen Medien verbreitete. Eine Steilvorlage also für eine saftige Satire auf die Helikopter-Eltern dieser Republik. Wenn, ja wenn nicht die Menschel-Maschine Sönke Wortmann auf dem Regiestuhl säße und ein Stück der Theater-Allzweckwaffe Lutz Hübner verfilmte. Dabei fängt der Film vielversprechend an.

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"Frau Müller muss weg": Bitte nicht wehtun
Dresden: Eine Handvoll Eltern strebt an einem schulfreien Samstag auf das Schulgebäude ihrer Kinder zu, um Frau Müller (Gabriela Maria Schmeide), der Klassenlehrerin ihres Nachwuchses, kurzen Prozess zu machen. Sie gefährdet den ersehnten Übertritt der Kinder aufs Gymnasium und soll, der Titel kündigt es an: weg. Dazu gehören die aus Köln zugezogenen Yuppies Patrick (Ken Duken) und Marina (Mina Tander), die am Telefon schnell noch dem Babysitter erklärt, wo der im Kühlschrank die Bio-Putenbrust findet. Der arbeitslose Jammer-Ossi Wolf (Justus von Dohnányi). Die eigentlich sympathische Katja (Alwara Höfels) und die eiskalte Hosenanzug-Trägerin und selbst ernannte Wortführerin Jessica (Anke Engelke). Ein ziemlich disparater Haufen, der sich da mit Umsturzgelüsten zusammengefunden hat.

Und sehr bald übereinander herfällt, als sich die Türe zum Klassenzimmer schließt. Denn Frau Müller entpuppt sich als resolute, sehr engagierte Pädagogin, die keineswegs das Zepter einfach so aus der Hand gibt und die versammelten Eltern darauf hinweist, dass nicht sie, sondern die Schulkonferenz und das Kultusministerium die Handhabe hätten, sie ihres Postens zu entheben. Und die ihnen ganz nebenbei jegliche Illusionen über ihre hibbelige, raufende, ständig störende Drachenbrut raubt.

Und dann zieht Wortmann den Stecker

Der Klassenraum als Druckkammer. Bald liegen die Nerven blank. Vorwürfe schwirren durchs Zimmer, Ressentiments brechen auf. Ossis, Wessis, Paare fallen übereinander her und beginnen, sich selbst zu demaskieren. Und dann? Ja, dann ziehen Wortmann und Hübner den Stecker. Bevor es zu hässlich wird oder sich jemand noch ernsthaft verletzt.

Frau Müller öffnet die Türe und stürmt aus dem Raum, der Druck entweicht. Die Eltern gehen im Gebäude auf die Suche nach ihr. Und damit verliert sich der Film in belanglosem Geplänkel, das mit einem defekten Getränkeautomaten und einem im Schwimmbecken versunkenen Handy seine komödiantischen Tiefpunkte erreicht. Noch dazu nimmt Sönke Wortmann mit dieser schlechten Idee Gabriela Maria Schmeide aus dem Spiel, seine mit Abstand beste Schauspielerin.

Der Autor der Theatervorlage und des Drehbuchs, Lutz Hübner, schreibt im Presseheft, es habe ihn gereizt, der Geschichte für das Kino mehr Luft und Bilder zu verschaffen, sie in einen anderen Kontext zu stellen. Das Problem ist nur: Der angeblich neue Kontext ist nichts weiter als der Versuch, die zumindest angedeutete Bösartigkeit, die das erste Drittel des Films ausmacht, schnell wieder zurückzunehmen. Man will doch schließlich die Zuschauer nicht beleidigen, die ja berechtigterweise annehmen könnten, mit den Figuren seien sie selbst gemeint. So wird aus dem Jammer-Ossi ein schluffiger Softie, die West-Yuppies haben sich doch noch lieb, und die keifende Karrierefrau ist selbst schuld, wenn ihr Mann sie betrügt.

Sehnsucht nach "Fack ju Göhte"

Unvermeidlich wird, wenn der Name Lutz Hübner fällt, darauf verwiesen, er sei nach Goethe und Shakespeare der in Deutschland meist gespielte Bühnenautor der Gegenwart. Nicht zu erwarten ist aber, dass seine Stücke in 200 Jahren immer noch aufgeführt werden. Dazu ist ihr ästhetischer Reiz und ihr Erkenntnisgewinn, und da macht "Frau Müller" keine Ausnahme, dann doch zu gering. Ein Theaterkritiker warf Hübner vor, er habe das Privatfernsehen im Theaterformat neu erfunden. Vielleicht ist das ein wenig zu stark, aber wahr ist, dass seine Dramatik auf den Erregungswellen des gesellschaftlichen Diskurses surft, ohne ihnen irgendetwas Neues hinzuzufügen.

Das ist in Sönke Wortmanns Film nicht anders. Er hätte eine Mittelschicht aufs Korn nehmen müssen, die zwischen Sorgen um Statusverlust und Selbstüberschätzung um sich selbst kreist und die Schule zum Kriegsschauplatz um Interessen macht, die mit dem Wohl der eigenen Kinder nur bedingt etwas zu tun hat. Aber dem Publikum den Spiegel vors Gesicht zu halten, war Wortmanns Sache noch nie. Wieder einmal, wie eigentlich bei allen seinen Arbeiten, insbesondere aber in "Das Wunder von Bern", biedert Wortmann sich beim Zuschauer an und kleistert etwaige Brüche ihrer heilen Welt mit einer patentierten Gefühlssauce zu.

So trudelt "Frau Müller muss weg" einer mickrigen Schlusspointe entgegen, die jeden giftigen Gag aus "Fack ju Göhte", der Schulkomödie des vergangenen Winters, umso heller erstrahlen lässt.

Frau Müller muss weg
Deutschland 2015

Regie: Sönke Wortmann

Buch: Lutz Hübner, Oliver Ziegenbalg, Sarah Nemitz

Darsteller: Gabriela Maria Schmeide, Justus Von Dohnanyi, Anke Engelke, Ken Duken, Mina Tander, Alwara Höfels, Jürgen Maurer, Dagmar Sachse

Produktion: Little Shark Entertainment, Seven Pictures, Constantin

Verleih: Constantin

Länge: 88 Minuten

FSK: 6 Jahre

Start: 15. Januar 2015

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Rapporteur 14.01.2015
1. Klingt nach Gott des Gemetzels für Arme
Nasses Handy, Karrierefrau, Softie, Eltern...
sönkeversteher 14.01.2015
2. bester deutscher Regisseur.
Wortmann biedert sich an? Was habt Ihr erwartet - er kann es doch gar nicht anders.
hschmitter 14.01.2015
3.
Schultasche ist veraltet - der Rollkoffer wird bis vor die Schule gerollt und von den Eltern hochbugsiert.
jujo 14.01.2015
4. ...
Schade das es wohl über das Seichte nicht hinausgeht! Meine Frau war jahrelang Elternsprecherin, konnte immer dem Druck von Helikoptereltern wiederstehen, sich für deren kleine Dummerchen instrumentalisieren zu lassen. Ein Beispiel, Mittags ein empörter Anruf einer Mutter, der Sohn hatte in Geschichte (7.Klasse) eine fünf geschrieben, weil das abgefragte im Unterricht nicht durchgenommen worden sei. Die Frau wurde vertröstet, Meine Tochter kam nachhause hatte eine gute Note. Meine Frau nahm sich die Arbeit, den Gechichtshefter und stellte fest, das sich die Antworten zu den Fragen der Arbeit aus den Aufzeichnungen des Ordners ergaben. Das teilte meine Frau der empörten Mutter mit und das sie nicht tätig werden würde. Es stellte sich noch heraus, das der Junge nicht mal eine Arbeitsmappe angelegt hatte !
anonymous123a 14.01.2015
5. Film zum Theaterstück
Wortmann hat das Theaterstück gut umgesetzt, aber die Idee ist letztendlich nicht seine. Im Kern trifft es das Problem aber sehr genau: Die Eltern geben den Lehrern die Schuld, aber eigentlich ist es ihre eigene. Und dann muss man sich auch nicht wundern, dass viele Lehrer es gesundheitlich nicht mehr bis zur Rente schaffen. Jojo hat da schon ein gutes Beispiel gebracht und als 30-jähriges Lehrer"kind" durfte ich das unmittelbar mitbekommen.
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