Regisseurin Sofia Coppola "Die Frauen sind intelligent, sie verfallen keinem Schönling"

Sechs Frauen und ein Mann: Sofia Coppolas Film "Die Verführten" spaltet die Kritiker. Hier spricht die Regisseurin über Männer-Pin-up-Kalender, weibliche Lust und den Vorwurf des "Whitewashing".

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Ein Interview von


Zur Person
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    Sofia Coppola, 1971 in New York geboren, ist eine der profiliertesten Regisseurinnen der USA. Ihr Vater ist der Filmemacher und Produzent Francis Ford Coppola ("Der Pate"). Seit ihrem Debüt mit "The Virgin Suicides" (1999) drehte sie fünf weitere Spielfilme, darunter "Lost In Translation" (2003) und "Somewhere" (2010). "Die Verführten" (Kinostart am 29. Juni) basiert auf dem 1966 veröffentlichten Roman "The Painted Devil" von Thomas P. Cullinan, der 1971 von Don Siegel mit Clint Eastwood verfilmt wurde (deutscher Titel: "Betrogen"). Coppola lebt mit ihrem Ehemann Thomas Mars, Sänger der Band Phoenix, und ihren Kindern in New York City.

SPIEGEL ONLINE: Frau Coppola, in Ihrer Familie ist "Remake" ein verpöntes Wort, heißt es. "Die Verführten" basiert auf dem Roman von Thomas Cullinan, nicht auf der Verfilmung mit Clint Eastwood von 1971. Hätten Sie abgewunken, wenn der Film die Vorlage gewesen wäre?

Coppola: Es stimmt, ich würde nie den Film eines anderen Regisseurs noch einmal machen. Aber ich fand die Prämisse und die Story so interessant und war sicher, dass ich sie auf eine so andere Weise verarbeiten würde, dass ich es für gerechtfertigt hielt, einen weiteren Film aus dem Stoff zu machen. Seit dem ersten Film ist sehr viel Zeit vergangen, und ich schätze ihn für das, was er ist. Aber er nimmt komplett die Perspektive des männlichen Soldaten ein, der die Welt der Frauen entdeckt. Ich wollte dieselbe Geschichte erzählen, aber aus umgekehrter Sichtweise.

SPIEGEL ONLINE: Die Gruppe Frauen lebt abgeschieden in einer Mädchenschule im Süden der USA, während der Bürgerkrieg tobt. Sie finden einen verletzten Nordstaaten-Soldaten und nehmen ihn bei sich auf. Was interessierte Sie an dieser Story?

Coppola: Als ich den Siebzigerjahrefilm zum ersten Mal sah, fühlte ich mich an meinen Film "The Virgin Suicides" erinnert: Frauen, die in einem Haus gefangen sind, isoliert von der Außenwelt. Das ließ mich nicht mehr los. Als wir dann anfingen, meine Version von "Die Verführten" vorzubereiten, überlegte ich, dem Film eine ähnliche Ästhetik wie "The Virgin Suicides" zu verleihen. Im Kern geht es in beiden Filmen um das Mysterium zwischen Männern und Frauen. Aber "Die Verführten" erzählt keine Teenagergeschichte, sondern von Frauen in allen Altersstufen, von zwölf bis Mitte 40. Das ergab letztlich doch einen anderen Stil und einen anderen, reiferen Ansatz.

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"Die Verführten": Perspektivenwechsel

SPIEGEL ONLINE: Die Frauen leben friedlich und zivilisiert, vielleicht auch ein wenig freudlos, bis der Soldat wie ein wildes Tier in ihre Welt eindringt und Chaos stiftet. Welche Botschaft verbirgt sich darin?

Coppola: Je mehr ich mir Gedanken machte, wie sich die Situation aus der Warte der Frauen darstellt, desto mehr stellte sich die Stärke dieser Figuren heraus. Ich wollte zeigen, dass Lust, Verlangen und Sexualität Teile ihrer Menschlichkeit sind - und sehen, wie sie damit umgehen.

SPIEGEL ONLINE: War es schwer, den männlichen Part zu besetzen?

Coppola: Das war tatsächlich der schwierigste Teil. Ich brauchte jemanden, der sehr maskulin wirkt, über eine dunkle Seite verfügt, aber auch charmant, verletzlich und sympathisch sein kann. Die Frauen sind intelligent, sie würden keinem dumpfen Schönling verfallen. Colin Farrell vereint nicht nur alle diese Qualitäten, er ist auch ein großartiger Schauspieler, der eine solche Figur in dieser doch sehr zugespitzten Geschichte glaubwürdig spielen kann. Ich wollte, dass man ihn ernst nimmt.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass es eine Art Pin-up-Kalender mit Bildern von Colin Farrell gibt?

Coppola: Noch nicht! Es gibt im Film einige Szenen, in denen Colin als Gärtner sehr viel seiner Männlichkeit präsentieren darf. Wir haben während des Drehs Fotos von ihm gemacht, die wie Cover von kitschigen Liebesromanen aussehen. Und dann habe ich im Scherz gesagt, dass man daraus einen Kalender machen könnte. Trotz unseres sehr straffen Dreh- und Zeitplans und viel harter Arbeit hatten wir am Set auch eine Menge Spaß.

SPIEGEL ONLINE: "Die Verführten" ist neues Terrain für Sie als Regisseurin. Es ist ein sehr straffer, Plot-getriebener Film, der noch dazu auf einem Schundroman basiert. Was war die größte Herausforderung dabei?

Coppola: Ich wollte etwas erschaffen, was zugleich unterhaltsam und künstlerisch ist. Die Vorlage ist tatsächlich sehr exploitativ. Bei meiner Neuinterpretation habe ich daher bewusst die Figur der schwarzen Sklavin weggelassen, ebenso wie sprachliche Übertreibungen und eine Inzest-Story. Ich hatte das Gefühl, all das passt nicht zu der Geschichte, die ich erzählen wollte.

SPIEGEL ONLINE: US-Kritiker werfen Ihnen wegen dieser Auslassungen "Whitewashing" und Geschichtsklitterung vor. Wie gehen Sie damit um?

Coppola: Für mich ist "Die Verführten" kein Film über den Bürgerkrieg, also bilde ich die Realitäten und den Horror auch nicht ab. Gerade die Sklaverei zu jener Zeit ist eine zu große Sache, um sie mit einer stereotypen Nebenfigur abzuhandeln. Es wäre kein respektvoller Umgang gewesen, und ich wollte vermeiden, falsch verstanden zu werden. Mein Fokus lag auf der Geschlechter- und Machtdynamik zwischen Männern und Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie überrascht von den Vorwürfen?

Coppola: Nein, ich habe mir sehr viele Gedanken über meine Entscheidung gemacht und wusste, dass es Kritik geben würde, wenn ich den Film ohne diese Figur machen würde. Aber ich musste herausfinden, was das Richtige für mich und meine Arbeit ist, ich glaube, das ist mein Recht als Künstlerin. Die Sklaven- und Rassenproblematik im Bürgerkrieg ist ein wichtiges historisches Thema, aber nicht das Thema meines Films. Eine Debatte darüber zu führen, finde ich ebenfalls wichtig und gerechtfertigt, ich glaube aber auch, dass einige Kritiker mich auf unfaire Weise attackieren, um ihre eigene Agenda zu promoten.

SPIEGEL ONLINE: In Cannes wurden Sie für "Die Verführten" mit dem Preis für die beste Regie geehrt - als zweite Frau in der 70-jährigen Geschichte des Filmfestivals. Dennoch: Ein Signal, dass sich allmählich etwas ändert in der männerdominierten Filmbranche?

Coppola: Zumindest sorgen mein Preis und vor allem der große Erfolg von Patty Jenkins "Wonder Woman"-Film im Moment für eine größeres öffentliches Gespräch über Regisseurinnen, das ist ein gutes Zeichen. Ich hoffe, dass es so weitergeht und künftig noch mehr weibliche, aber auch andere, diverse Perspektiven im Kino zu sehen sein werden. Gerade die Unterschiedlichkeit der Blickwinkel ist das, was ich am Kino liebe.

SPIEGEL ONLINE: Sie gehören zu den bekanntesten und profiliertesten Regisseurinnen der USA, trotzdem mussten Sie für "Die Verführten" mit einem schmalen Budget von zehn Millionen Dollar auskommen. Wie kommt das?

Coppola: Tatsächlich war es sogar noch etwas weniger. Es ist, zumindest in Amerika, eine sehr konservative Zeit für Filme, das ist eine Herausforderung für alle. Ich selbst war sehr froh, dass ich in der Lage war, diesen Film zu machen und ihn so zu drehen, wie ich es wollte: Kreative Freiheit ist mit einem niedrigen Budget immer sehr viel einfacher durchzusetzen. Aber je mehr Filme erfolgreich sind, die sich an ein vorrangig weibliches Publikum richten, desto weniger Finanzierungsprobleme wird es geben. Hoffentlich.

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Seite 1
redneck 29.06.2017
1.
Wonderwoman ist ein Chick-flick. 300 Frauen im Saal Seufzen und Rascheln auf den Sitzen synchron zu den Szenen und imitieren das posturing der Protagonistin. Drum sehenswert.
micheleyquem 30.06.2017
2. Welch ein Witz
"Regisseurin Sofia Coppola: "Die Frauen sind intelligent, sie verfallen keinem Schönling" Beide Satzteile sind falsch, wobei bei Letzterem noch hinzugefügt werden muss, dass sie nicht nur Schönlingen verfallen sondern in aller erster Linie den Geldsäcken. Aber wahrscheinlich ist das für Frauen wie Coppola kein Makel. Dass Frauen generell intelligent sind, was hier wohl heissen soll: intelligenter als Männer, das sollte man schon noch mal hinterfragen. Angesichts der Politikerinnen der letzte Jahrzehnte und wie in diesem Fall, der Filme die Frau Coppola in ihrem Leben geliefert hat, kann man da zu ganz anderen Schlüssen kommen. Es gibt überall jede Menge ganz hervorragend intelligenter Frauen, aber denen tut Frau Coppola mit solch abstrusen Äuswerungen keinen Gefallen.
fx33 30.06.2017
3. Lernen Sie lesen
Zitat von micheleyquem"Regisseurin Sofia Coppola: "Die Frauen sind intelligent, sie verfallen keinem Schönling" Beide Satzteile sind falsch, wobei bei Letzterem noch hinzugefügt werden muss, dass sie nicht nur Schönlingen verfallen sondern in aller erster Linie den Geldsäcken. Aber wahrscheinlich ist das für Frauen wie Coppola kein Makel. Dass Frauen generell intelligent sind, was hier wohl heissen soll: intelligenter als Männer, das sollte man schon noch mal hinterfragen. Angesichts der Politikerinnen der letzte Jahrzehnte und wie in diesem Fall, der Filme die Frau Coppola in ihrem Leben geliefert hat, kann man da zu ganz anderen Schlüssen kommen. Es gibt überall jede Menge ganz hervorragend intelligenter Frauen, aber denen tut Frau Coppola mit solch abstrusen Äuswerungen keinen Gefallen.
Frau Coppola spricht über die Frauen in ihrem Film. Es mag ja sein, dass Ihre Männlichkeit sich angegriffen fühlt, wenn jemand Frauen als intelligent bezeichnet, aber müssen Sie sich dann so outen?
h.engelhardt 30.06.2017
4. Si tacuisses
# micheleyquem: Sofia Coppola bezieht sich in ihrem Satz auf die drei Frauenfiguren in ihrem Film, nicht auf Frauen im allgemeinen. Für letzteres hätte sie den bestimmten Artikel weglassen müssen ("Frauen sind intelligent" ='alle Frauen, "die Frauen sind intelligent" ='bestimmte Frauen). Ich wünsche Ihnen trotzdem etwas mehr Selbstbewusstsein im Ungang mit Frauen. Wir sind gar nicht so schlimm, wie Sie zu denken scheinen. ;-)
roenga 30.06.2017
5. So so
Coppola plant also eine Art Pin Up Kalender von Colin Farrell und findet die Idee amüsant. Ich würde gerne mal Ihre Reaktion erleben, wenn ein männlicher Regisseur während eines Drehs Fotos der weiblichen Darstellerin in wahrscheinlich eher leichter bekleidetem Zustand macht (Gartenarbeit? evtl. nackter Oberkörper bei Farrell?) und dazu einen Pin-up Kalender vorschlägt. Das würde wohl zu den bekannten Empörungsarien in den Medien und bei Coppola selbst führen.
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