"Sometimes Happy, Sometimes Sad" Emotionale Überwältigung à la Bollywood

In Bollywood ist alles bunter - von den Gefühlen bis zu den Kostümen. Als erstes Indien-Spektakel mit deutschen Untertiteln lädt Karan Johars komödiantisches Familiendrama "Sometimes Happy, Sometimes Sad" nun auch hierzulande zum großen Kino-Rauscherlebnis ein.

Von Rüdiger Sturm


"Sometimes Happy, Sometimes Sad", Hauptdarsteller: Inbrünstig geliebt und gelitten
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"Sometimes Happy, Sometimes Sad", Hauptdarsteller: Inbrünstig geliebt und gelitten

Auf den ersten Blick trägt "Sometimes Happy, Sometimes Sad" ein fatales Stigma. Schließlich ist er ein Film aus Bollywood, dem Zentrum der indischen Filmindustrie. Und damit verbindet das seriöse Publikum nur Horrorvorstellungen: überladene Melodramatik, penetrante Romantik und keimfreie Erotik - alles zumeist auf mindestens drei Stunden ausgebreitet.

Manches davon trifft auch auf die Familiendramödie des jungen indischen Filmemachers Karan Johar zu. Mit dem zweithöchsten Budget und dem zweitgrößten Box-Office-Ergebnis der indischen Filmgeschichte verkörpert sie Bollywood in Reinkultur. Streng genommen bietet "Sometimes Happy, Sometimes Sad" jedoch die gleiche Art Kino, wie sie im vermeintlich zivilisierteren Kalifornien hergestellt wird: überlebensgroße Gefühle in überwirklichen Szenerien. Allein deren Konzentration ist um ein Vielfaches höher. Regisseur Shekar Kapur ("Die vier Federn"), der in beiden Industrien arbeitete, formuliert es so: "Bollywood lässt die Emotionen wild dahinpreschen, Hollywood hält sie zurück."

Tanzszene aus "Sometimes Happy, Sometimes Sad": Atemberaubend geschnitten und choreographiert
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Tanzszene aus "Sometimes Happy, Sometimes Sad": Atemberaubend geschnitten und choreographiert

Und wie sie dahinpreschen. Gegen die affektiven Wallungen von "Sometimes Happy, Sometimes Sad" verkörpert ein Film wie "Titanic" geradezu kalkulierte Kälte. Dabei passt die Handlung der Indien-Saga auf jede Seifenopernbühne: Industriellen-Sohn heiratet nicht die reiche Braut, sondern die arme Schöne. Das beschwört den Zorn des Herrn Papa und damit allerlei Verstrickungen.

Hauptdarstellerin Kajol: Ausgeklügelte Überwältigungstaktik
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Hauptdarstellerin Kajol: Ausgeklügelte Überwältigungstaktik

Aber es bringt wenig, sich mit rationalen Vorbehalten gegen derlei Klischees zu wappnen. Denn der Film setzt ein ganzes Arsenal von stilistischen und dramaturgischen Instrumenten ein, die jedes Distanzgefühl auflösen sollen. Entwaffnend ist schon allein die Ernsthaftigkeit, mit der das Geschehen präsentiert wird. Hier wird so inbrünstig geliebt und gelitten, dass Tränen von der Leinwand zu rinnen scheinen. Dabei wirken die Darsteller, darunter einige der Superstars des Subkontinents, selbst in exaltiertesten Gefühlsausbrüchen noch glaubhaft. Plötzlich sehen wir keine Soap Opera mehr, sondern klassische Oper.

Ironie hat hier zwar keinen Platz, wohl aber Humor. "Sometimes Happy, Sometimes Sad" ist durchsetzt mit Komödienelementen, die von burlesken Verwechslungsspielchen bis zu Parodien auf die westliche Lebensart reichen. Sogar Anspielungen auf "Clueless", Hollywoods Jane-Austen-Variation im Teeniemilieu mit Alicia Silverstone, fehlen nicht.

Massenszene à la Bollywood: Überlebensgroße Gefühle in überwirklichen Szenerien
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Massenszene à la Bollywood: Überlebensgroße Gefühle in überwirklichen Szenerien

Doch Bollywood versucht den Zuschauer nicht nur mit einem Wechselspiel aus Komik und Tragik um den Verstand zu bringen, denn die Filme aus der indischen Kino-Fabrik sind per Definition Musicals. Immer wieder löst Johar die Handlung in farbenflirrenden Gesangs- und Tanznummern auf, die der legendären Ära von Metro Goldwyn Mayer entstammen könnten. Atemberaubend geschnitten und choreographiert, angetrieben von mitreißenden den Raga-Rhythmen traditioneller indischer Musik, verwandeln sie das Geschehen einen Rausch von Bildern und Klängen. Wenn die Einstellungen eines landenden Hubschraubers und einem Kreis dahinwirbelnder Frauen zusammen montiert werden, dann wirkt diese Ästhetik poppiger und extravaganter als so manches MTV-Spektakel.

So entwickelt der Film eine Dynamik, bei der man sogar seine mehr als drei Stunden Länge vergessen kann. Selbst wer sich darauf nicht einlässt, kann eines nicht bestreiten: Mit seiner ausgeklügelten Überwältigungstaktik ist "Sometimes Happy, Sometimes Sad" ein regelrechtes Ereignis. Man könnte auch sagen: Kino total.

"Sometimes Happy, Sometimes Sad" ("Kabhi Khushi Kabhie Gham"). Indien 2002. Regie/Buch: Karan Johar; Darsteller: Amitabh Bachchan, Jaya Badhuri, Shahrukh Khan, Kajol; Produktion: Dharma Productions; Verleih: Rapid Eye Movies; Länge: 210 Min.; Start: 10. April 2003

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