Sommer-Thriller "Was du nicht siehst" Wind, Wahn und Wasserspiele

Ich weiß, was du letzten Sommer geträumt hast: In dem kleinen deutschen Genre-Thriller "Was du nicht siehst" werden zwischen Steilküste, Pool und Jugendzimmer Teenager-Ängste durchgespielt. Ein sonniger Urlaubsfilm von Regie-Debütant Wolfgang Fischer, der den Zuschauer gekonnt zum Frösteln bringt.

W-film

Von Jörg Schöning


Sommerferien sind ja immer der Ausnahmezustand. Nicht nur für die Heranwachsenden, deren Hormone dann ganz natürlicherweise verrückt spielen, sondern oft auch für ihre Erziehungsberechtigten. Und das erst recht, wenn diese sich trotz vorgerücktem Alter in der Hitze des Sommers noch einmal Frühlingsgefühle gestatten.

Für den 17-jährigen Anton muss es darum ein höchstes Alarmzeichen sein, als seine Mutter während der Fahrt mit dem neuen Lover an den französischen Urlaubsort nicht etwa die Zigarettenkippe, sondern gleich den ganzen Zigarettenanzünder aus dem Autofenster wirft. Für den introvertierten Teenager (Ludwig Trepte) ist dies ein deutlicher Hinweis darauf, dass die aufgekratzte Luzia (Bibiana Beglau) während der Ferien offenbar nicht ganz bei sich sein wird.

Und - was für den Jungen, der den Tod seines Vaters noch nicht ganz verkraftet hat, wohl noch wesentlich schlimmer ist - auch nicht ganz bei ihm. Der Kinozuschauer aber ahnt angesichts des glimmenden Utensils am grasbewachsenen Straßenrand, dass hier etwas schwelt, das früher oder später heftig auflodern wird. Bald hat die teenage angst den jungen Helden voll im Griff.

"Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast", hieß vor Jahren ein Hollywood-Serial, das diese Angst vollendet zum Ausdruck brachte - jene Mischung aus schierer Existenznot, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen, Überschwang und Depression, die Jugendliche auch noch bei schönstem Sommerwetter erfasst.

Depression und Überschwang

Seinem deutschen Lehnwort zum Trotz hat der juvenile Psychothriller im deutschsprachigen Kino niemals richtig Fuß fassen können. Zwar haben Theaterautoren wie Frank Wedekind ("Frühlings Erwachen") und Ferdinand Bruckner ("Krankheit der Jugend") schon früh den immer auch schwer ödipal unterfütterten Blues der Kids auf deutschsprachigen Bühnen zu verstörender Wirkung verholfen. In dem viel jugendgemäßeren Medium jedoch, auf der Leinwand, haben deutsche Produktionen die Ambivalenz von Ausbruchsutopien und Selbstbestrafungsriten, die für das Genre so typisch sind, niemals wirklich auf die Reihe gekriegt.

Entweder waren sie verkopft wie Volker Schlöndorffs Verfilmung des Musil-Romans "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" (1965), oder es entstand phantasiefreie Unterleibs-Exploitation wie "Swimming Pool - Der Tod feiert mit" (2001), ein Horror-Thriller im Gefolge des erwähnten US-Mehrteilers. In dem hatten Jugendliche während der Sommerferien einen Fischer überfahren und seinen leblosen Körper im Meer versenkt. Ein Jahr später war er immerhin wieder so lebendig, dass er ihnen die Ferien am Pool mit seinem Fischerhaken ebenso gründlich wie blutig verderben konnte.

Meer und Swimmingpool sind auch in "Was du nicht siehst" entscheidende Schauplätze. An diesen zentralen Erlebnis- und Bewährungsräumen der Jugend ist der von seiner verliebten Mutter vernachlässigte Anton nun also ganz auf sich allein gestellt - bis in der unmittelbaren Nachbarschaft ein elternloses Paar gleichaltriger Feriengäste auftaucht. David und Katja sind Geschwister, auch wenn die Art, wie sie untereinander Zärtlichkeiten austauschen, dies eher fraglich erscheinen lässt. David (Frederick Lau) ist gern auch mal gewalttätig, Katja (Alice Dwyer) absolut verführerisch. Auf beide Eigenschaften reagiert der vereinsamte Anton zusehends fasziniert.

Erwachsene, draußen bleiben!

Für die Gefühlswelt eines verstörten Teenagers findet Regisseur Wolfgang Fischer in seinem Spielfilmdebüt, für das bereits 2009 auf einheimischen wie internationalen Festivals angemessenes Lob ernten konnte, eindringliche Bilder. Die Steilküsten des Atlantiks lassen in seelische Abgründe blicken, nebelumwallte Wälder - die der Filmemacher zum Zwecke wohligen Gruselns aus seiner niederösterreichischen Heimat in die Bretagne verpflanzt hat - illustrieren den sanften Wahn, dem sich der Pubertierende voller Wonne hingibt.

Aber ist David wirklich Antons Freund? Und begehrt Katja den Jungen tatsächlich? Und wenn ihre emotionalen Zuwendungen schon so zweifelhaft sind: Wie wirklich sind sie denn überhaupt selbst? An seinem sonnigen Sommerdomizil hat Anton abseits der familiären Verpflichtungen eine Gegenwelt aus frivolen Vergnügungen und unheimlichen Sehnsüchten vorgefunden, in der ein Erwachsener nur fehl am Platz ist. Als ihm einer dann allzu sehr auf die Pelle rückt, reagiert er darum panisch. So panisch, dass am Ende sogar der ohnehin schon nicht ganz natürliche Tod seines Vaters noch ein kleines bisschen unnatürlicher wirkt.

Regisseur Fischer, ausgebildet an der Kunsthochschule für Medien in Köln, ist professionell genug, um manches im Vagen zu lassen. Dennoch wird die Erzählung dadurch niemals beliebig. Dem steten Handlungszwang des Hollywood-Kinos und seiner Verpflichtung zu einer eindeutigen Lösung setzt Fischer ein Gedankenspiel entgegen, das bei Befolgung aller sonstigen Genreregeln in seiner reflektierten Variante den Traditionen des hiesigen Kinos ansonsten voll und ganz entspricht: Ich weiß, was du letzten Sommer geträumt hast!

Gegen eine Fortsetzung wäre darum nichts einzuwenden.



insgesamt 3 Beiträge
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prospektor 07.07.2011
1. hm
"Das Grauen am Beckenrand" Endlich eine Alternative zum Grauen am Spielfeldrand! ;)
sponti21 13.07.2012
2.
Guter, verstörender Film. Erinnert mich an Funny Games!
zwansept 26.07.2012
3.
Sponti hat zum Teil Recht - aber Funny Games war brutaler. Leider ist gestern Susanne Lothar gestorben
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