"Sommer vorm Balkon" Wo der Mülltonnen-Duft verfliegt

Frauen sind die besseren Menschen, das wussten der ehemalige Defa-Autor Wolfgang Kohlhaase und Regisseur Andreas Dresen schon immer. Zusammen haben sie das heiter-melancholische Verliererinnen-Porträt "Sommer vorm Balkon" gedreht - ein echter deutscher Wiedervereinigungsfilm.

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Auf dem Balkon einer ollen Ostberliner Mietskaserne kommt es zusammen, das Land. Wann immer Katrin (Inka Friedrich) Zeit hat, klemmt sie sich ein paar Flaschen preisgünstigen Rotwein unter den Arm und steigt aus ihrer Parterrewohnung zu Freundin Nike (Nadja Uhl) hoch. Die wohnt unter dem Dach und verfügt über die einzige Freiluftzelle des Hauses. Da sitzen dann die verarmte, aus Süddeutschland zugezogene Akademikerin und die Ossi-Hupfdohle, die sich als Altenpflegerin zu bescheidenem Wohlstand malocht hat, stundenlang zusammen, sortieren unerfüllbare Sehnsüchte aus und basteln sich neue Hoffnungen zusammen. Die Sonne über Berlin geht derweil unter und manchmal auch schon wieder auf.

"Sommer vorm Balkon" ist vielleicht der erste richtige deutsche Wiedervereinigungsfilm - eben gerade weil die Wiedervereinigung gar nicht explizit verhandelt wird. Der Osten und der Westen, hier treffen sie in einem noch nicht auf Hochglanz sanierten Teil des Prenzlauer Bergs aufeinander. Die in die Jahre gekommene Kunstmalerin und allein erziehende Mutter Katrin schwäbelt gelegentlich; Altenpflegerin Nike berlinert kess gegen alle Zumutungen des Alltags an. Ansonsten aber sucht man vergeblich nach regionalen Stereotypen.

"Man muss mit den Dingen erzählen, nicht über sie", erklärt Wolfgang Kohlhaase, der das Drehbuch für "Sommer vorm Balkon" verfasste. "Ich mag es nicht, wenn man Geschichten das Vorgedachte anmerkt." Und Regisseur Andreas Dresen ergänzt: "Mir gefiel der Gedanke, dass man glaubhaft die üblichen Klischees unterwandert. Nicht alle Ostdeutschen sind Wiedervereinigungsverlierer, und viele Hartz-IV-Empfänger kommen aus dem Westen."

Kohlhaase, 75, und Dresen, 43 - was für ein Gespann. Der eine schrieb schon in den fünfziger Jahren für die Defa raue Berlin-Filme. Der andere brachte in den letzten Jahren mit "Halbe Treppe" oder "Willenbrock" Orte aus den Neuen Bundesländer wie Frankfurt/Oder oder Magdeburg auf die Kinolandkarte. Von den gut drei Dekaden Altersunterschied ist im Gespräch nichts zu merken. Das gefühlte Alter hat eben viel mit dem Blick zu tun, den man auf die Welt richtet. Kohlhaase und Dresen haben denselben: wach, unmanipulierbar, aber niemals ganz schonungslos. Die beiden verorten ihre Figuren pointiert in einem bestimmten Milieu, ohne sie komplett zu Gefangenen der Verhältnisse zu machen.

Kohlhaase etwa erzählte 1980 in "Solo Sunny" vom Überlebenskampf einer Ostberliner Sängerin und wurde dafür seinerzeit stürmisch auf der Berlinale gefeiert; Dresen zeigte 20 Jahre später in "Die Polizistin" eine Beamtin, die in einer Rostocker Plattenbausiedlung zwischen Dienstbeflissenheit und Sehnsucht aufgerieben wird. Kohlhaases und Dresens Heldinnen können schon mal alles verlieren. Außer ihrer Würde. Die wankt manchmal gefährlich, bleibt aber niemals ganz auf der Strecke.

Wie schreibt oder dreht ein Mann eigentlich eine Frauengeschichte? "Das Wie ist kompliziert", gesteht Kohlhaase ein. "Die Frage nach dem Weshalb kann ich schneller beantworten: Ich habe in meinem Leben einfach so viele interessante Frauen kennen gelernt." Kompagnon Dresen bestätigt: "Oh ja, Wolfgang kennt wirklich sehr viele Frauen. Und die Dunkelziffer ist hoch!" Kohlhaase guckt gerührt und führt dann nüchtern aus: "Partnerinnen, Freundinnen, Kolleginnen: Wenn ich ehrlich bin, fand ich die immer spannender als die Männergestalten in meinem Umfeld. Frauen sind für mich das vielschichtigere Geschlecht. Über all die Jahre ist bei ihnen im Sozialen einfach mehr passiert. Es gibt mehr Bewegung, mehr Schicksal. Männer sind irgendwie stehen geblieben, aus Erzählersicht sind sie langweilig."

Die Ergiebigkeit ihres Sujets zeigt sich schon an der Tatsache, wie viel Tragik und wie viel Komik Kohlhaase und Dresen ihrem Mikrokosmos abringen. Der Mief der Mülltonnen ist auf Nikes Balkon verflogen, die anstrengenden Arrangements des Alltags lassen sich in dieser Höhenlage temporär aufkündigen.

Doch plötzlich erscheint Ronald (Andreas Schmidt) auf der Bildfläche, ein Fernfahrer mit Faible für gestelzte Worte, Dosenbier und Pornos. Nike findet, dass er ganz gut in ihre Wohnung und vielleicht sogar in ihr Leben passen würde und lässt ihn mit seiner Plastiktüte voller Habseligkeiten bei sich einziehen. Während die Freundin mit der Domestizierung des Truckers beschäftigt ist, leert Katrin die Rotweinflaschen alleine im Parterre.

Kalkül und Solidarität - Kohlhaase und Dresen erzählen davon ohne jeden sozialromantischen Touch. Wie richtet man sich ein Plätzchen ein, das geschützt ist vor der Ökonomisierung des Alltags? Und was passiert, wenn dieses Plätzchen wieder verloren geht?

Mit fast schon dokumentarischer Wucht drängt die Wirklichkeit ins zerbrechliche Balkon-Idyll. Teilweise drehte Dresen mit Schauspiel-Laien, die er in genau jenen Lebensbereichen fand, in denen die Geschichte spielt. Bei den Seminaren, die Katrin als Hartz-IV-Empfängerin besuchen muss, lehrt ein echter Bewerbungstrainer das richtige Auftreten im unwahrscheinlichen Falle eines Einstellungsgesprächs. Und in einem Sportgeschäft versucht ihr ein realer Verkäufer einzureden, dass ihr halbwüchsiger Sohn Turnschuhe für 120 Euro braucht.

Der Schuhwunsch von Katrins Sprössling bleibt aber erstmal ebenso unerfüllt wie Nikes Traum von moderater Zweisamkeit. "In unserem Film passieren die Dinge ja oft nur halb", meint Kohlhaase. "Da sucht jemand die Liebe oder die Partnerschaft - findet eben aber nur eine halbe Liebe und eine halbe Partnerschaft. Das macht die Frau aber noch lange nicht zu einer schwachen Person. Sie ist sich über das Arrangement ja durchaus bewusst, wenn sie zu ihrem Typen sagt: 'Glaubste, weil hier sexuell was läuft, kannst du dich wie ein Arsch benehmen?' Mir gefällt diese Haltung: Ich pflege alte Leute, sentimentalisiere das aber nicht; ich will einen Mann in meinem Leben, also hole ich mir einen in die Wohnung und gucke, was passiert."

So ist die zärtlichste Szene zwischen Mann und Frau im Film ausgerechnet diese: Nike und ihr Fernfahrer liegen nach dem Akt in postkoitaler Erschöpfung auf dem Wohnzimmerboden, während im Hintergrund ein Porno im Fernsehen läuft. Draußen vor dem Fenster gähnt der Sommer. Dresen: "Ich habe ganz bewusst versucht, Sexszenen soweit wie möglich raus zu lassen. Hier aber findet man sonderbarerweise ein Gefühl echter Nähe."

"Sommer vorm Balkon" ist ein Film, der mit den Gefühlen seiner Figuren nicht hausieren geht - und das Publikum trotzdem für sie vereinnahmt. Als Dresen das Buch von Kohlhaase las, war er sofort Feuer und Flamme. Innerhalb von vier Monaten hat er das Projekt bei den Produzenten durchgepaukt, eine rekordverdächtige Zeit für deutsche Verhältnisse, wo man ansonsten über Jahre die Fördertöpfe abgrast. "Dieser Film wollte einfach gedreht werden!", schwärmt Dresen. "Wenn du so eine starke Überzeugung mit dir rum trägst, ziehst du die anderen mit. Wenn Du in der Lage bist, Geldgebern zu sagen: Wir machen das, ob ihr einsteigt oder nicht, haben die Leute schnell Angst etwas zu verpassen."

Ist Filmemachen also nur Taktik? Vielleicht auch - vor allem aber ist es für Dresen, dem sanften Hasardeur unter den deutschen Regisseuren, eine Sache des Herzens: "Ich schwöre, ich hätte den Film so oder so gemacht. Notfalls auf Video."



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