"Song from the Forest" Der Dschungel singt in seinem Herzen

Er überlebte Malaria, Typhus und Lepra: Aus Liebe zur Musik eines Pygmäen-Volkes verschwand Louis Sarno im afrikanischen Dschungel. Der packende Film "Song from the Forest" begibt sich auf die Spuren eines Besessenen.

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Im Jahr 1985 sitzt der US-amerikanische Musikforscher Louis Sarno deprimiert in einem Zimmer in Holland und hört Radio. Er hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, kein Geld und keine Ahnung, wie es weitergehen soll. Da hört er eine merkwürdige Musik, die ihn tief berührt: "Ein polyfones Geflecht aus Frauenstimmen, raffinierte Jodellaute, eine sich endlos wiederholende an- und abschwellende Melodie", erinnert er sich später.

Sarno recherchiert. Die Musik stammt von den Pygmäen, einer Gruppe von Völkern, die in den Urwäldern Afrikas lebt. Mit seinen letzten 500 Dollar kauft er ein One-Way-Ticket nach Bangui, der Hauptstadt Zentralafrikas. Von dort aus reist er tief in den Dschungel. Er findet den Stamm der Bayaka. Obwohl die Jäger und Sammler ihn in den ersten Wochen nur mit nach Schlamm schmeckenden Kaulquappen füttern, bleibt er bei ihnen und lauscht ihren Gesängen. Er überlebt Malaria, Typhus und Lepra. Verliebt sich in eine Frau, die zwei Köpfe kleiner ist als er, und bekommt mit ihr zwei Kinder. Und Sarno zeichnet rund tausend Stunden Bayaka-Musik auf, um sie für die Nachwelt zu konservieren.

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Song from the Forest: Zwischen Urwald und Großstadtwüste
Für Jahrzehnte verschwindet er im Urwald. Vor einigen Jahren spürte der deutsche Journalist Michael Obert ihn dort auf. Er schreibt eine Reportage über ihn und seinen Kampf für die vom Untergang bedrohten Bayaka. Der faszinierende, eigenartige Mensch Louis Sarno lässt Michael Obert auch danach nicht los. Jetzt hat er einen Film über ihn gedreht.

Als Obert und sein Team Sarnos Spur im Urwald wieder aufnehmen, plant der gerade eine Reise nach New York. Er will seinen 13-jährigen Sohn Samedi mitnehmen. Der Junge hat den Wald noch nie verlassen, noch nie eine Stadt gesehen. "Mal sehen, wie Samedi mit New York klarkommt", meint Sarno. Aber die Reise verläuft anders als erwartet. Nicht Samedi, sondern seinen Vater überfordern die Lichter der Großstadt.

Die Faszination dieser Geschichte liegt auf der Hand. Aber sie birgt auch die Gefahr einer unguten Schwärmerei. Wie leicht hätte Obert in die noch heute so lebendige, letztlich rassistische Romantik vom "schwarzen Kontinent" mit seinen "edlen Wilden" abgleiten können. Schließlich konnte sich Sarno selbst früher nicht ganz frei davon machen.

"Sie verlangten mein Leben"

"Ich wurde von einem Lied ins Herz Afrikas gelockt", lautet der erste Satz seines 1993 erschienenen Buches "Der Gesang des Waldes". Darin klingt der romantisierende Gestus noch an. Ein Satz, den Louis Sarno so nicht mehr schreiben würde; er will von dem ganzen Buch nichts mehr wissen. Sein Verhältnis zu dem Pygmäen-Stamm, der sein Schicksal wurde, beschreibt er jetzt deutlich krasser: "Sie führten mich in ihre Musik ein, im Gegenzug verlangten sie mein Leben. Ich denke, das ist ein fairer Tausch."

"Song from the Forest" ähnelt dem Originaltitel von Sarnos Buch, aber Oberts Film hat damit wenig gemein. Er bedient keine diffuse Afrika-Sehnsucht, er widersteht der Versuchung, das Leben im Urwald mit dem in New York zu kontrastieren. Hier finden sich keine rassistischen Klischees vom Wilden in der Großstadt, aus denen dümmliche Komödien wie "Aus dem Dschungel in den Dschungel" ihre Kalauer bezogen. Im Gegenteil: Aus dem scheinbaren Gegensatzpaar Kultur-Natur kreiert Obert eine überraschende, bewegende Synthese.

Schon von Beginn an verbindet eine Parallelmontage beide Welten miteinander - statt sie zu trennen. Obert nutzt die filmischen Erzählmittel überraschend eigenständig, er schneidet assoziativ, stellt unsichtbare Verknüpfungen her. Wie in der Eingangssequenz: Da sehen wir Louis Sarno in überirdisch schönen Aufnahmen im dampfenden Dschungel, die Kamera heftet sich an seinen Hinterkopf, darüber legt sich die fremde und doch irritierend vertraute Musik der Bayaka - dann schneidet Obert, während die Musik weiterläuft, auf die Häuserschluchten New Yorks, eine Steinwüste mit Neonreklame und Lichtern. Ein weiterer Schnitt führt wieder in den Urwald zurück.

Jim Jarmusch ist auch dabei

So wird die Musik selbst zu einem Protagonisten von "Song from the Forest". Neben den Bayaka-Klängen tragen Renaissancegesänge aus dem 16. Jahrhundert den Soundtrack. Die Messe für vier Stimmen von William Byrd gehört zur Lieblingsmusik von Louis Sarno. Die Stücke übernehmen neben einer dramaturgischen auch eine metaphorische Funktion. Sie erweitern das Netz kultureller Referenzen, das Obert spinnt. Darin eingebunden wird auch der US-Regisseur Jim Jarmusch, der bis heute einer der engsten Freunde von Louis Sarno ist und sich von ihm zu Filmen wie "Dead Man" und "Ghost Dog" inspirieren ließ.

In seiner Reportage schrieb Michael Obert ausführlich über die Probleme der Bayaka, die unter der Rodung ihrer Wälder leiden und in Zentralafrika als Untermenschen angesehen werden. Diese handfesten Probleme werden im Film zum Subtext. Obert nutzt die Mittel von Montage und Musik für einen anthropologischen Blick auf die Kraft der Kunst - sie findet rund um den Globus in völlig verschiedener Weise ihren Ausdruck. Das verbindende Element ist die Tatsache, dass Kunst immer und überall den Lebensraum, die Erfahrungen und Gefühle von Menschen spiegelt. In dieser spirituellen Dimension wird "Song from the Forest" ein Zeugnis globaler Kultur.

Dabei kommt glücklicherweise kein Ethno-Kitsch heraus. Michael Obert schüttet den cultural gap nicht zu. Er zeichnet die Welt der Bayaka so fremdartig und hart, wie sie aus Sicht des Westeuropäers eben ist. Und er porträtiert in Louis Sarno einen zerrissenen Charakter, der einen Preis dafür zahlt, dass er den Kulturschatz der Bayaka für die Nachwelt erhält. Von seinen eigenen kulturellen Wurzeln, so scheint es, wenn er durch die Straßen New Yorks stolpert, ist er jedenfalls weitgehend abgeschnitten.

Song from the Forest

D 2013

Drehbuch und Regie: Michael Obert

Mit: Luis Sarno, Jim Jarmusch

Produktion: Tondowski Films

Verleih: Real Fiction

Länge: 97 Minuten

Start: 11. September 2014

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osos1009 13.09.2014
1. Die
Bin sehr gespannt auf den Film. Wenn der Film allerdings tatsächlich die Botschaft haben sollte, dass die quasi universelle Kunst die Menschheit vereint und alles eigentlich gut ist, dann würde ich mir es noch 'mal überlegen, mir den Film anzuschauen. Ich habe nur einen einzigen Satz von Luis Sarno aus einem Trailer für den Film in Erinnerung. Und da sagt er, als er auf das hyperurbane Leben von New York blickt: "Hier ist alles künstlich". DAS spricht für mich Bände. Auch die Kunst im Westen ist künstlich. Sie ist im besten Fall Sehnsucht wie bei Bach-Chorälen oder Kritik wie bei Brecht oder Molière, meistens ist sie Unterhaltung oder Perfektionierung von eigendynamischen "Kunst"-Parametern (die "hohe" Kunst der Fuge, der total ausgefuchste Jazz, etc.). Doch eines ist sie NIE: Das liebevolle Bild des gegebenen Urgrundes, der die Menschen erhält und geschaffen hat. DAS habe ich allerdings sofort bei nur einem kurzen Ausschnitt der Pygmäen-Musik im Trailer gehört. Es gibt keine Welt-"Kunst" oder eine verbindende "Kunst" auf dem heutigen Globus. Es gibt nur entfremdete Kulturen (wie die globale westliche) und sozioökologisch intakte, deren Sein und Bewusstsein direkt von der KONKRETEN täglichen Auseinandersetzung mit dem gegebenen Urgrund geprägt ist. Die einen schaffen entfremdete Kunst, die anderen adäquate. Jedem das Seine. Die Kunst als globale Durchschnittskunst kann NICHTS richten. Die Entfremdung des globalen Menschen wird weiter gehen, auch mit "Kunst". Nur die adäquate Kunst von Völkern wie den Pygmäen oder den Buschmännern kann uns noch so berühren, dass wir Entfremdete noch umkehren können. Wir brauchen ja nicht gleich in den Urwald zurück und alle Hochhäuser verfallen lassen. Aber wir müssen UNBEDINGT von den Jägern und Sammlern, die es noch gibt, lernen - hauptsächlich sozial, aber auch ökologisch. Dann können wir uns wenigstens wieder in die richtige Richtung bewegen.
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