"Song to Song" von Terrence Malick Kino zum Abheben

Terrence Malick polarisiert: Auch in "Song to Song", seinem Film über die Musikszene von Austin, unterwerfen sich Top-Stars dem steten Strömen und Suchen des US-Regisseurs. Wer sich einlässt, findet großes Kino-Glück.


Eine Schaukel schwingt. Eine junge Frau hüpft herunter, rollt sich im Gras. Die Kamera schiebt sich ihr entgegen, an ihr vorbei, dreht sich, findet sie wieder, findet ihren Blick. Ein Schnitt: ein veränderter Blick, eine veränderte Pose - Veränderung schlechthin, Veränderung des Ganzen. Im Off fragile Stimmen - Stimmen, die etwas anrufen: einen Geliebten, eine Geliebte. Oder das Leben, Gott, sich selbst, den eigenen Körper, das eigene Empfinden, das fremde Empfinden. Sie bilden Wörter zu Sätzen - Sätze, die sich sammeln und wieder zerrinnen, die immer erst klingen, bevor sie kommunizieren. Manchmal klingen sie nur.

"Any experience is better than no experience", heißt es gleich zu Beginn von "Song to Song". Es ist ein Moment, in dem sich für den Zuschauer schon alles entscheiden kann: Man kann ihn entweder zum Anlass nehmen, das Kino ob der Trivialität des Angebots gleich wieder zu verlassen. Oder man kann ihn als Initial nutzen, sich restlos ins Kino einzuschmelzen, sich durch die Wörter hindurch zu ihrem blanken Klang zu begeben, selbst körperlos zu werden; offen für eine Erfahrung, welcher Art auch immer.

"Song to Song" ist nach "Tree of Life" und "Knight of Cups" wieder einer dieser Filme im viel gescholtenen Spätwerk von Terrence Malick, in dem jedes Zentrum, jedes äußerliche Maß, jede Bodenhaftung immer schon aufgehoben sind. Auch als Zuschauer verliert man jedes zeitliche Maß. Man wird zwei Stunden lang von Raum zu Raum getragen. Es sind Räume, in denen man von der Vergangenheit in die Zukunft gelangt, ohne zu realisieren, dass man dabei die Gegenwart passiert: ein kinematografischer Spiritualismus - das ist das luftige Niveau, auf dem sich die Geschichten des US-Regisseurs abspielen.

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"Song to Song": Abheben in Austin

Und so ist es auch dieses Mal wieder: "Song to Song" führt uns an den Liebesgeschichten, um die er sich dreht, eher vorbei als durch sie hindurch. Es gibt wenig, was sich als Plot beschreiben lässt: der Liebeskampf zwischen der zarten Fay (Rooney Mara) und dem Musiker BV (Ryan Gosling) oder die einzelnen Stationen einer scheiternden Beziehung zwischen dem stinkreichen und Sonnenbrillen sammelnden Musikproduzenten Cook (Michael Fassbender) und der Kellnerin Rhonda (Natalie Portman) - all das sind keine miteinander verleimten Handlungsblöcke, es sind eher Formationen, die sich in einem ständig veränderlichen Strömen flüchtig ergeben, bevor sie in neue Formen münden.

Fay wird mit Cook Sex haben, BV wird seinen Weg allein weitergehen, wird sich mit dem verhassten Vater versöhnen, wird Amanda (Cate Blanchett) kennenlernen. Rhonda wird währenddessen dem Scheitern ihrer Beziehung nur noch zusehen können und einen drastischen Ausweg wählen. Zwischendrin trauert die echte Sängerin Patti Smith um ihren verstorbenen Mann oder die losgebundene Kamera von Emmanuel Lubezki ("Gravity", "The Revenant") gleitet über Iggy Pops ledrig-schlaffen Oberarm.

Val Kilmer wird einmal von Sicherheitskräften von der Bühne des City Limits Festivals in Austin, Texas, abgeführt. Viele Szenen spielen auf solchen Bühnen, in den Backstage-Bereichen des Festivals. Aber nirgends bleibt dieser Film, immer nur streift er die einzelnen Räume und Szenen.


"Song to Song"
USA 2017
Regie und Buch: Terrence Malick
Darsteller: Ryan Gosling, Rooney Mara, Michael Fassbender, Natalie Portman, Cate Blanchett, Bérénice Marlohe, Holly Hunter, Val Kilmer
Produktion Buckeye Pictures, FilmNation Entertainment, Waypoint Entertainment
Verleih: StudioCanal
Länge: 129 Minuten
Start: 25. Mai 2017


Hinter den Bühnen ragt im Dämmerlicht die Skyline von Austin auf; sie wirkt, als sei sie in Gebäude zerfallen, nicht durch sie geschaffen. Die Stadt ist, wie der Film selbst auch, ohne Zentrum, ein Gebilde aus Zugängen und Abfahrten, Ein- und Ausfallstraßen. Nichts lädt zum Verweilen ein. Auch alle Wohnungen, die zahllosen Häuser, die man sieht, werden nie bewohnt, bleiben immer nur Transiträume - sie versprechen keine Permanenz. Und die Intimität? Auch sie ist etwas, das in Berührungen eher zerbröselt, anstatt durch sie gestiftet zu werden. Bei Malick wird ein Kuss nicht gefunden, sondern immer gesucht; sogar dann noch, wenn tatsächlich geküsst wird.

Ewige Suche, ständige Veränderung, unendliches Strömen. Solche Figurationen lassen Malicks Kritiker regelmäßig und mit viel Elan auf die Palme der Empörung kraxeln. Es gibt keine Permanenz, nicht im Leben und nicht in der Liebe. Das ist banal, ja, vielleicht.

Aber hier geht es in keiner Sekunde um Kalenderweisheiten oder religiösen Kitsch. Worum es geht, oder gehen kann, ist, dass sowohl die Melancholie als auch die Hoffnung, die über sie hinwegtröstet, ein und derselbe Effekt einer einzigen großen Veränderlichkeit sind, dass Trauer und Trost für mindestens zwei Stunden ein und dieselbe Erfahrung stiften.

"Song to Song" ist ein Meisterwerk - und im beschimpften Spätwerk des Regisseurs nichts Geringeres als das nächste in einer länger werdenden Reihe. Wer das Glück hat - und Glück trifft es mehr als Mut oder Verstand -, sich diesem Film öffnen zu können, der kann mit ihm buchstäblich abheben; mehrmals sogar: im Cockpit eines Charterfliegers; der kann schwerelos werden, wie einmal die Figuren an Bord. "Song to Song" führt uns zum Glauben. Mindestens zum Glauben an das Kino.

Video: Kino-Trailer zu "Song to Song"

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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Monkstar 25.05.2017
1. Ein "Meisterwerk"? Echt?
Ich hab den Film letzten Freitag im Originalton in der Sneak Preview im Kino gesehen. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben im Kino eingeschlafen. Der Plot ist praktisch inexistent (wie auch die Kritik selbst beschreibt), aber ich kann da nichts von einem Meisterwerk sehen. Im Grunde besteht der ganze Film aus einer ziemlich sinnlosen Aneinanderreihung von Alltagsszenen mit berühmten Schauspielern in luxuriösen Locations, ab und zu auch mal irgendwo unterwegs. Aber wenn ich Urlaubsbilder von Ryan Gosling sehen will, kann ich auch die "Gala" lesen. Laut dem Publikum, das da war (also mich eingeschlossen) fanden den Film 7% der Leute gut, 20% mittel und 73% schlecht (Quelle: http://www.savoy-filmtheater.de/previews-events/film/savoy-sneak-preview-ov.html ). Da empfinde ich die Behauptung, der Film sei ein Meisterwerk, als wirklich völlig absurd. Filme wie "Saving Private Ryan" oder "Casablanca" sind Meisterwerke. Aber das? Lächerlich. Das ist genau der Grund, wieso so viele Menschen Intellektuelle für abgehoben halten und das sage ich, obwohl ich selbst einer bin. Ich wette, wenn die Namen der Beteiligten nicht so berühmt und die Locations nicht so teuer gewesen wären, wäre dieser Film von der Kritik (zu Recht!) völlig ignoriert worden.
Vex 25.05.2017
2.
Zitat von MonkstarIch hab den Film letzten Freitag im Originalton in der Sneak Preview im Kino gesehen. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben im Kino eingeschlafen. Der Plot ist praktisch inexistent (wie auch die Kritik selbst beschreibt), aber ich kann da nichts von einem Meisterwerk sehen. Im Grunde besteht der ganze Film aus einer ziemlich sinnlosen Aneinanderreihung von Alltagsszenen mit berühmten Schauspielern in luxuriösen Locations, ab und zu auch mal irgendwo unterwegs. Aber wenn ich Urlaubsbilder von Ryan Gosling sehen will, kann ich auch die "Gala" lesen. Laut dem Publikum, das da war (also mich eingeschlossen) fanden den Film 7% der Leute gut, 20% mittel und 73% schlecht (Quelle: http://www.savoy-filmtheater.de/previews-events/film/savoy-sneak-preview-ov.html ). Da empfinde ich die Behauptung, der Film sei ein Meisterwerk, als wirklich völlig absurd. Filme wie "Saving Private Ryan" oder "Casablanca" sind Meisterwerke. Aber das? Lächerlich. Das ist genau der Grund, wieso so viele Menschen Intellektuelle für abgehoben halten und das sage ich, obwohl ich selbst einer bin. Ich wette, wenn die Namen der Beteiligten nicht so berühmt und die Locations nicht so teuer gewesen wären, wäre dieser Film von der Kritik (zu Recht!) völlig ignoriert worden.
Naja sie waren in einer Sneak und meiner Erfahrung sind da meist Menschen die unterhalten werden wollen. Malick macht aber Kunst wieso die Kinobetreiber meinen das es eine gute Idee ist einen Kunstfilm einen Publikum zu zeigen das unterhalten werden will ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Ich habe alle Malick Filme bis auf diesen gesehn und finde sie alle grandios ... Meisterwerke sozusagen. Knight of Cups der diesem hier vermutlich recht ähnlich ist war auch schon ein Meisterwerk aber es war ein Kunstfilm das ist nicht vergleichbar mit Blockbustern etc ... Ich nehme an sie wären nie in den Film gegangen wäre es keine Sneak gewesen ... der Film wurde einfach für ein anderes Publikum gemacht. Etwas befremdlich finde ich allerding doch das "Saving Private Ryan" ein Meisterwerk sein soll ... das ist für mich einer der schlechtesten Kriegsfilme überhaupt denn nach der ersten Stunde die wirklich gut ist sieht man nur noch Helden Pathos bzw Kitsch. Hier fand ich ebenfalls ein Terrence Malick Anti-Kriegsfilm der das Anti auch zurecht trägt um Welten besser "The Thin Red Line" aber jeder sieht das eben anders.
der b 25.05.2017
3. @Vex
Sehr gute Replique, etwas sehr Ähnliches wollte ich eben auch entgegnen. Klar, "Tree of Life" und "Knight of Cups" sind sehr eigen, ich kann auch verstehen, dass (viele) Leute sich für Derartiges nicht begeistern. Dennoch sind es Kunstwerke, fotographisch und auch hinsichtlich ihrer Art der Erzählung. Die meisten echten Cineasten, ganz unabhängig von 'Intellektualität' wissen das zu schätzen. Und, auch da finden Sie treffende Worte, "Saving Private Ryan" ist zwar technisch in weiten Teilen brillant und viel zitiert, darüber hinaus aber US-Patriotenkino mit sehr fragwürdiger Botschaft.
kabayashi 25.05.2017
4. Ernstgemeinte Frage:
Zitat von VexNaja sie waren in einer Sneak und meiner Erfahrung sind da meist Menschen die unterhalten werden wollen. Malick macht aber Kunst wieso die Kinobetreiber meinen das es eine gute Idee ist einen Kunstfilm einen Publikum zu zeigen das unterhalten werden will ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel. Ich habe alle Malick Filme bis auf diesen gesehn und finde sie alle grandios ... Meisterwerke sozusagen. Knight of Cups der diesem hier vermutlich recht ähnlich ist war auch schon ein Meisterwerk aber es war ein Kunstfilm das ist nicht vergleichbar mit Blockbustern etc ... Ich nehme an sie wären nie in den Film gegangen wäre es keine Sneak gewesen ... der Film wurde einfach für ein anderes Publikum gemacht. Etwas befremdlich finde ich allerding doch das "Saving Private Ryan" ein Meisterwerk sein soll ... das ist für mich einer der schlechtesten Kriegsfilme überhaupt denn nach der ersten Stunde die wirklich gut ist sieht man nur noch Helden Pathos bzw Kitsch. Hier fand ich ebenfalls ein Terrence Malick Anti-Kriegsfilm der das Anti auch zurecht trägt um Welten besser "The Thin Red Line" aber jeder sieht das eben anders.
Was genau ist denn an den Malick Filmen so meisterhaft? Ein paar Beispielen bitte.
MKAchter 26.05.2017
5. Aufteilung
Zitat von MonkstarIch hab den Film letzten Freitag im Originalton in der Sneak Preview im Kino gesehen. Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben im Kino eingeschlafen. Der Plot ist praktisch inexistent (wie auch die Kritik selbst beschreibt), aber ich kann da nichts von einem Meisterwerk sehen. Im Grunde besteht der ganze Film aus einer ziemlich sinnlosen Aneinanderreihung von Alltagsszenen mit berühmten Schauspielern in luxuriösen Locations, ab und zu auch mal irgendwo unterwegs. Aber wenn ich Urlaubsbilder von Ryan Gosling sehen will, kann ich auch die "Gala" lesen. Laut dem Publikum, das da war (also mich eingeschlossen) fanden den Film 7% der Leute gut, 20% mittel und 73% schlecht (Quelle: http://www.savoy-filmtheater.de/previews-events/film/savoy-sneak-preview-ov.html ). Da empfinde ich die Behauptung, der Film sei ein Meisterwerk, als wirklich völlig absurd. Filme wie "Saving Private Ryan" oder "Casablanca" sind Meisterwerke. Aber das? Lächerlich. Das ist genau der Grund, wieso so viele Menschen Intellektuelle für abgehoben halten und das sage ich, obwohl ich selbst einer bin. Ich wette, wenn die Namen der Beteiligten nicht so berühmt und die Locations nicht so teuer gewesen wären, wäre dieser Film von der Kritik (zu Recht!) völlig ignoriert worden.
Terence Malick versucht stets, "große Kunst" zu machen. Bei einem gewissen Teil des Publikums hat er damit durchaus Erfolg, aber beim ganzen Rest teilt sich das dann auf in a) Einschlafen und b) je nach Medium Weggehen/Wegschalten.
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