"Sonnenallee" Musik der Freiheit

Rock'n'Roll und Passkontrollen ­ Leander Haußmann, in der DDR aufgewachsen, präsentiert in seinem Kinodebüt "Sonnenallee" den Honecker-Staat als Pop-Party


Nostalgie ist die Kurzumschreibung für "Wie war es doch früher schön", und Ostalgie heißt "Wie hatten wir es in der DDR doch nett", auch wenn, ja, ja, beim genaueren Erinnern ein paar Dinge nicht so nett waren damals.

Zehn Jahre nach dem Mauerfall sind ehemaligen Ossis vor allem die angenehmen Dinge im Gedächtnis geblieben: wie unkompliziert im Arbeiter-und-Bauern-Staat etwa von Mensch zu Mensch kommuniziert wurde, wie selbstverständlich die Nachbarn sich gegenseitig halfen. Trauriges versinkt in den Tiefen des Gedächtnisses, Details verschwimmen. Wie das DDR-Geld aussah, daran kann sich beispielsweise der ehemals Ost-Berliner Regisseur Leander Haußmann, 40, nur mühsam erinnern.

Aber dass er eine "umfangreiche Plattensammlung" besaß in den Siebzigern, nämlich genau zehn Platten amerikanischer Rockstars, das wird er nie vergessen. Und dass Jimi Hendrix, originalverschweißt, "so teuer war wie heute Kokain und auch genauso schwer zu beschaffen", hat sich tief in seine Erinnerung gegraben.

Damit die ehemaligen Landsleute im Osten sich zum Freiheitsjubiläum an die guten alten Zeiten erinnern und damit die neuen Landsleute im Westen sehen, wie selbstironisch und gleichzeitig liebevoll DDR-Vergangenheit aufgearbeitet werden kann, hat der Bochumer Theaterintendant Haußmann seinen ersten Kinofilm gedreht. "Sonnenallee", entstanden nach einer Vorlage des Schriftstellers Thomas Brussig (SPIEGEL 36/1999), ist ein Pop-Märchen über das Leben Ost-Berliner Jugendlicher in den siebziger Jahren ­ also über Haußmanns eigenes.

Erzählt wird die Geschichte einer Schülerclique: Michael, genannt Micha (Alexander Scheer), wohnt am kürzeren Ende der Sonnenallee, deren längeres Stück in West-Berlin liegt. Das heißt, er lebt im Grenzgebiet an der Mauer, muss ständig seinen Ausweis bei sich tragen und wird auch regelmäßig kontrolliert, obwohl der "Abschnittsbevollmächtigte" ("Sonnenallee"-Mitproduzent Detlev Buck) ihn seit Jahren kennt. Micha liebt die stupsnasige Schulschönheit Miriam (Teresa Weißbach, eine Art junge Veronica Ferres), die aber vom besseren Leben im Westen träumt.

Michas Freund Mario versteht sich als Oppositioneller. Für ihn ist es beschlossene Sache, dass er nicht zum Militär gehen wird. Micha dagegen ist sich da nicht so sicher, schließlich will er mal in Moskau studieren. Und dann gibt es noch Wuschel, den Jüngsten in der Gruppe, der nicht von Frauen und Freiheit träumt, sondern vom Rolling-Stones-Doppelalbum "Exile on Main Street". 250 Ostmark will der Schwarzhändler dafür haben, und damit ist es für Wuschel so unerreichbar wie der Westen für Miriam und Miriam für Micha.

Locker ineinandergeschlungen erzählt der Film die verschiedenen Kleindramen der Jugend: Micha wird vor aller Augen von Miriam lächerlich gemacht, schreibt sich dann aber mit erfundenen tiefsinnig daherkommenden Tagebüchern in ihr Herz. Mario verliebt sich in eine existenzialistische Aussteigerin, die mit einem Tollkirschen-Cola-Gebräu aus Marios harmlosen Partygästen taumelnde Wahnsinnige mit blutroten Augen macht.

Haußmanns Kunststück besteht darin, zehn Jahre nach dem Mauerfall nicht noch mal mit einer Jammer-Arie über den Unrechtsstaat DDR zu langweilen, sondern sich Zeit und Herz zu nehmen für die Schilderung einiger ganz gewöhnlicher Jung-Ossis. Ihre Kämpfe um ein wenig Anerkennung und ein wenig Glück schildert Haußmann so rau, sentimental und lustig, als habe er Peter Bogdanovichs "Die letzte Vorstellung" und George Lucas' "American Graffiti" in einer ostdeutschen Pubertäts-Tragikomödie zusammenzwingen wollen.

Zu den Stars der "Sonnenallee" gehören Katharina Thalbach und Henry Hübchen als Michas Eltern, die sich in immer neuen Variationen mit dem Glanzstück ostdeutschen Möbeldesigns, dem "Multifunktionstisch", abquälen. Ignaz Kirchner schmuggelt in der Rolle des West-Onkels Heinz fortwährend legale Geschenke über die Grenze und prophezeit der DDR den Tod im Asbeststaub.

Überhaupt liegen Witz und Stärke des Films weniger in der Stringenz der erzählten Geschichten als in den Details: Ein schwarzer West-Besucher mit Afrofrisur trägt zeittypisch eine Yucca-Palme im Arm; als Michas Mutter sich mit falschem Pass aus der DDR davonschleichen will, hört man ihr Herz überlaut klopfen; die gesamte Ausstattung ist, so Haußmann, "mit missionarischem Eifer" zusammengesucht: Selbst die Brechbohnengläser stam-men noch aus alten DDR-Beständen.

Regimekritik bietet der Film nicht, obwohl das, in Ansätzen jedenfalls, einmal so geplant war. So wollte Haußmann zunächst, dass eine Hauptfigur von Grenzsoldaten erschossen wird, weil "der Film sonst zu harmlos, zu sehr Fernsehen" sei. Aber er verzichtete dann doch auf sein Gewaltopfer, weil die Geschichte "sich davon nicht mehr erholen würde". Den fertigen Film schnitt er außerdem in letzter Minute um und verkehrte das traurige Ende in sein ostalgisches Gegenteil: "Es war die schönste Zeit meines Lebens", sagt Micha, "ich war jung, und ich war verliebt." Haußmann selbst erklärt: "Ich habe meine schönsten Jahre in der DDR verlebt."

Auf MTV läuft derzeit in der so genannten Heavy Rotation, also dauernd, das Musikvideo zur "Sonnenallee": Der Pop-Klassiker "The Letter" wird darin von den Hauptdarstellern des Films gesungen, eine Party auf offener Straße, fröhlich und turbulent wie ein kurzes "Hair" des Ostens. Sicher hattet ihr mehr originalverschweißte Platten in Westdeutschland, so die Botschaft, aber wir haben uns besser amüsiert.

MARIANNE WELLERSHOFF



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